Aktuelle Ausgabe
2012-20

In Bolsena wird jeden Sommer die Heilige Christina aufs Neue gefoltert

Martyrium in 2 mal 45 Minuten

Es ist eine grauenhafte Szenerie, die Tausende Schaulustige auf die Piazza lockt: Eine junge Frau ist auf ein Rad geflochten worden. Unter ihr lodert ein Feuer. Ihr Name ist Christina, und sie erduldet schlimme Qualen zur Strafe für ihr Bekenntnis zum Christentum. Jedes Jahr am 23. und 24. Juli veranstalten die Einwohner des italienischen Städtchens Bolsena, 150 Kilometer nördlich von Rom, zu Ehren der Märtyrerin ein Mysterienspiel.

von Katharina Ebel (KNA) 

Mehrere tausend Menschen drängen sich in der Dunkelheit auf dem Platz vor der Basilika Santa Cristina. Durch den gleißenden Scheinwerferkegel, der plötzlich den Eingang der Kirche erleuchtet, tragen Gläubige in einer Prozession die Figur der Heiligen durch die wartende Menge. Ihr Ziel: die Bühne vor der Basilika. Dort beginnt das fromme Schauspiel. Ein dunkelhaariges, in unschuldiges Weiß gekleidetes Mädchen ist in Ketten gelegt und an ein Eisengerüst gefesselt. Um sie herum zwielichtige Verbrecher.

 Der Legende nach wächst Christina als Kind heidnischer, wohlhabender Eltern in Volsinium auf, wie der Ort im 4. Jahrhundert zu Lebzeiten der Heiligen hieß. Es ist ihr Vater, der Statthalter, der seine eigene Tochter auspeitschen und in den Kerker werfen lässt. Als treuer römischer Beamter des Christenhassers Kaiser Diokletian.

 Die Eltern wollen ihr Kind wegen seiner außerordentlichen Anmut niemandem zur Frau geben. Stattdessen soll die Schöne den römischen Göttern geweiht werden. Um die Reinheit seiner Tochter besorgt, schließt der Vater sie mit zwölf Dienerinnen in einen Turm auf der Insel im Bolsena-See ein. Als eine der Mägde das Mädchen zum Christentum bekehrt, weigert sich Christina, den Göttern die üblichen Weihrauchopfer darzubringen.

Alle Bitten ihres Vaters, die Götter nicht zu erzürnen, sind zwecklos. Christina will fortan nur dem dreifaltigen Gott ihr Opfer darbringen. In der Nacht zerbricht sie die goldenen und silbernen Götterbildnisse ihres Vaters und verteilt das Edelmetall unter den Bedürftigen. So weiß nun jeder Bewohner Bolsenas, dass die Tochter des Präfekten eine Christin ist.

 Die Geschichte vom Leben und Sterben der Märtyrerin wird in Bolsena jedes Jahr zum Patronatsfest in emotionalen Bildern auf den fünf großen Plätzen vor einer mittelalterlichen Stadtkulisse erzählt. Für sanfte Gemüter ist das Mysterienspiel nichts. Denn die Strafen für den Glauben an den „falschen“ Gott waren grausam, und die Römer bei der Wahl der Foltermethoden einfallsreich.

Wie ein Leuchtturm ragt die Figur der Heiligen aus der Menschenmasse in den engen Altstadtgassen. Sie leitet Bewohner und Touristen zur nächsten Leidensstation. In 45 dramatischen Minuten pilgern sie von Bühne zu Bühne und nehmen Anteil an den Qualen Christinas, die an diesem Abend noch durch die Hölle gehen wird. Schweigend, ganz ohne Gesänge oder Gebete begleiten die Menschen die Märtyrerin zu ihrem nächtlichen Ruheplatz in der Sankt Salvator Kirche hoch über der Stadt. Sie greifen nach den Händen der frühchristlichen Heldin oder verharren zu ihren Füßen im stillen Gebet.

Ungeachtet der frühen Fortsetzung der Misterii, wie die Italiener das Bühnenspiel nennen, treffen sich Touristen, Folterknechte und Christen auf ein gemeinsames Glas Wein an den Stufen des alten Kastells vor der Salvatorkirche. Glaubensunterschiede sind hier kein Thema mehr.

Am nächsten Morgen: Reges Treiben herrscht um acht Uhr in der Früh nur an den fünf Bühnen der sonst noch schlafenden Stadt. Alte Männer in fleckigen Unterhemden beobachten bei einem Espresso, wie die Darsteller die Reste des Vorabends beseitigen. Für die heutige Folterszene muss noch getackert, geräumt und gemalert werden. Bevor Christina wieder für ein Jahr Ruhe findet, hat sie noch einiges vor sich.

Vor San Salvatore huschen Frauen in weißen Tuniken über die Straße, ein kleiner Junge übt noch schnell seine Haltung für das Schauspiel, während ein Kopf durch einen Spalt im blauen Bühnenvorhang lugt und die Ankunft des Publikums beobachtet. Hier wird ein Kreuz gereicht, da noch der Haarschmuck zurechtgerückt. Die Aufregung der Darsteller nimmt merklich zu.

Für Besucher mögen die Inszenierungen eine touristische Attraktion sein. Für die Bewohner des Städtchens im Latium ist ihre Tradition ein Stück gelebte Frömmigkeit. Im Innern der Kirche stellen sich die Träger auf, um die Patronin zu den letzten Stationen ihres Lebens und Sterbens zu führen. Es ist ein heißer Tag. Schon zu dieser frühen Stunde treibt es die Wartenden zu den wenigen Schattenplätzen.

Am Vorabend hat Christina die Hitze des Glutofens überlebt und auch der Versuch, sie an eine Steinplatte gefesselt im See zu ertränken, ist fehlgeschlagen. Längst ist sie den Regierenden unheimlich. Giftige Schlangen sollen sie an diesem sonnigen Morgen endlich töten. Die junge Frau im weißen Gewand auf der Bühne verzieht keine Miene beim Anblick der vor ihrem Gesicht züngelnden Reptilien. Ob aus Angst oder weil es die Rolle verlangt, bleibt ihr Geheimnis.

Schenkt man der Legende Glauben, leckten die Giftschlangen ihre Füße, legten sich die Würgeschlangen um ihren Hals, ohne ihr ein Leid zuzufügen. Stattdessen machten sie sich über Christinas Peiniger, einen Zauberer, her. Aber das Mädchen muss sterben. Damit sie nicht mehr zu ihrem Gott beten kann, reißt man ihr die Zunge raus. Sie behält die Stimme. Erst als zwei Pfeile sie nach weiteren 45 Minuten der Qual auf dem Platz vor der Basilika in Herz und Seite treffen, haucht sie ihr Leben endgültig aus.

In den Katakomben von Volsinium wird Christinas Leichnam am 24. Juli 309 beigesetzt. Ihr Grab wird seit dieser Zeit verehrt. Schon bald entsteht darüber eine Basilika, die ihren Namen trägt. Christinas Standhaftigkeit und die dramatisch realistische Inszenierung ihres Leidens rührt die Menschen bis heute an. Gläubige berühren in der Apsis der Gruft das steinerne Relief der friedlich im Tode ruhenden Märtyrerin. Gerade so, als könnten sie dadurch Kraft für ihren eigenen Glauben empfangen.


20.05.2012
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