Aktuelle Ausgabe
2012-20

Dießener Zinnmanufaktur fertigt Figuren wie vor 200 Jahren

Ein Weihnachtsparadies aus Zinn

Sie war schon fast eingeschlafen: die Tradition der Zinngießerei. Doch Jordi Arau gelang mit einer kleinen Manufaktur am Ammersee der Sprung ins neue Jahrtausend. Heute sind die friedlichen Motive beliebter denn je: Auch in den Vatikan haben es die Zinnfiguren schon geschafft.

Text: Veronika Wawatschek

Fotos: Katharina Ebel/KNA 

„Hilfe, ich suche die Figur ‚Guckkastenwagen um 1820‘ seit zwei Jahren im Internet rauf und runter. Ohne Erfolg.“ – Ganz so verzweifelt, wie Reiner H. in einem Forum für Sammler eine Zinnfigur sucht, sind die Kunden von Jordi Arau im oberbayerischen Dießen am Ammersee nicht. Dennoch herrscht dort in der Vorweihnachtszeit Hochbetrieb. Dann nämlich werden sie gekauft: die Engel und Nikoläuse, die Tannenbäumchen und die Eiskristalle für den Christbaum oder für die Fensterbank – alle von Hand gegossen und von Hand bemalt. So geschieht dies bereits seit 200 Jahren.

Zinnsoldaten sucht der Besucher im Laden vergeblich. Die Regale sind voll, die Motive durchgehend friedlich. Da ist die Leonhardi-Fahrt, dazwischen mehrere Maibäume, ein oberbayerischer Hochzeitszug, Schneewittchen und die sieben Zwerge, die Arche Noah, eine Fußwallfahrt und immer wieder Engel – Engel in roten Gewändern und in goldenen, Engel mit Geige oder mit Flöte, fliegende Engel und stehende. Jeder ein Einzelstück.

Arau ist Chef der Zinnmanufaktur und zugleich kreativer Kopf des Zehn-Mann-Betriebs. Alle Figuren gehen auf seine Ideen zurück. Gegossen, angeschliffen und bemalt werden sie von seinen Mitarbeitern in Handarbeit. Die Entwürfe aber liefert er – 20 bis 50 neue Formen pro Jahr. Ein Überblick über sein Werk findet sich im Lager. Regalmeter um Regalmeter säumen sich kleine Kisten mit Zinnfiguren: von Ostern bis Weihnachten. „Das ist unser Hauptgeschäft – die christlichen Feste“, sagt der 57-Jährige. 

In den 1970er Jahren hat der gebürtige Spanier in das Traditionsunternehmen am Ammersee eingeheiratet. Das Geschäft mit den Zinnfiguren war zu dieser Zeit fast eingeschlafen. Der Diplomingenieur hat es wiederbelebt. Nach dem Studium arbeitete er eigentlich als Verfahrenstechniker mit Maschinen. Trotzdem setzt er im eigenen Betrieb auf Handarbeit. Erst kamen die Engel, dann traute er sich auch an andere Motive. Da steht etwa Märchenkönig Ludwig II. mit einem Vierspänner in der Vitrine. 200 bis 300 Stunden Arbeit stecken in einer solchen Miniaturskulptur – der Preis ist dementsprechend. Engel beginnen bei 20 bis 30 Euro, eine komplette Szenerie kann mehrere hundert Euro kosten.

Dennoch geht das Geschäft gut. Etwa 300 Läden in Deutschland vertreiben die Zinnfiguren vom Ammersee. Arau exportiert bis in die USA. Und auch am Ammersee sind ausländische Touristen keine Seltenheit. Unter den deutschen Kunden sind häufig Sammler, gelegentlich auch Prominente wie der ehemalige Bundespräsident Roman Herzog. Selbst in den Vatikan haben es die oberbayerischen Zinnfiguren schon geschafft, als Mitbringsel einer Diözese für den Papst. Ob es die Schweizer Garde-Figuren aus der Vitrine waren? Arau kann sich nicht mehr entsinnen.

Zu viele Figuren, zu viele Formen haben sich im Lauf der Jahre angesammelt. Auf Butterbrotpapier zeichnet der Meister seine Ideen. Anschließend überträgt er sie mit Kopierpapier auf Schieferplatten, kratzt – ähnlich wie beim Linolschnitt – mit einem Stichel die Form aus. Das ganze zwei Mal, denn für die sogenannten Flachfiguren braucht er eine Vorder- und eine Rückseite. Die jahrhundertealte Technik hat sich Arau selbst beigebracht. 

Auch die Gießtechnik ist nicht mechanisiert. Rita Ruile arbeitet seit 20 Jahren am Gießkessel, spannt dort Formen ein: die Vorder- auf die Rückseite, Kante auf Kante. Eine Klammer außenrum, sie klopft die Form kurz fest. Dann füllt sie flüssige Zinnmasse ein, wartet ein paar Sekunden, öffnet die Klammer. Fertig ist die Zinnfigur. „Er treibt uns schon an“, sagt sie mit einem Augenzwinkern und macht eine Kopfbewegung in Richtung ihres Chefs. 

Am Anfang hätte sie am liebsten alle Figuren zu Hause aufgestellt. Heute ginge es ihr nur noch bei ganz besonders schönen so, sagt Ruile und zeigt auf den Jahresengel von 2011, der in rot und weiß schon auf einem Stapel liegt. „Der ist dieses Mal besonders schön. Diese Schattierungen: Unsere Figuren sind schon sehr künstlerisch“, meint sie und zeigt auf das Gesicht und die Geige.

Ganz hinten im Lager zwischen Regalen und Figuren sitzt einer der Künstler am Fenster und pinselt unter einer Lampe vorsichtig Farbe auf die zentimetergroßen Nikolausgesichter. Gerhard Heitzer ist wirklich Maler und Grafiker. In der Zinnmanufaktur macht er an zwei Tagen in der Woche Korrekturen und Ausbesserungen – etwa, wenn es die Reh-lein vom Sommer auf einem grünen Grassockel gibt, draußen der erste Schnee aber schon fällt: Dann muss Heitzer ran und überstreicht die grünen Sockel weiß – für den freien Künstler ein verlässliches Zusatzeinkommen. 

Etwa 40 Frauen bemalen die Figuren in Heimarbeit. An die Engel aber dürften nur die besten Malerinnen heran, erklärt Arau. Im Gegensatz zu anderen Manufakturen arbeitet er mit Flachfiguren. Anders als sogenannte Vollfiguren sind die schwieriger zu bemalen, müsste man Tiefe doch durch Schattierungen erzeugen.  Jordi Arau lässt seiner Fantasie für die Farbgestaltung einfach freien Lauf. Daneben versucht er, bei den Modellen auch ein wenig mit der Zeit zu gehen. So kreierte er in den 1990er Jahren einmal eine Dinosaurier-Serie, vor einigen Jahren gab es Elfenkinder. Und für die Zukunft? Eine Traumfigur schwebt ihm momentan nicht vor. „Ich setze eigentlich alles um, was ich mir so vorstelle.“ Allein ein bisschen mehr Zeit für seine Leidenschaft hätte er gerne: das Modellfliegen. Bis Weihnachten aber werden ihn andere Flugobjekte beschäftigen – die Zinnengel, in gold, weiß und rot.

 

 


20.05.2012
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