Caritas in Kambodscha hilft den Ärmsten bei der Dorfentwicklung
Jungfische statt Geld als Startkapital
Südlich von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh liegt das Dorf Prek Reussey auf einer Landzunge. Jedes Jahr kämpfen die Bewohner mit den Folgen des Hochwassers, wenn die Regenzeit nachlässt. Der Mekong liefert dann zwar fruchtbaren Schlamm – hat zuvor aber auch oft die letzte Ernte fortgespült. Ein Weg aus der Abhängigkeit vom unberechenbaren Fluss ist mehr Vielfalt im Anbau: Fischzucht ergänzt den Reisanbau.
Text und Fotos: Markus Lahrmann
Der Mekong ist noch nicht wieder in sein Bett zurückgekehrt. Baumkronen ragen aus dem lehmig-braunen Wasser. Wo normalerweise der Fluss fließt, wo Land überschwemmt ist und wo Reisfelder bewässert werden, lässt sich nicht genau ausmachen. Mit einem Boot geht es über die funkelnde Wasserwüste, vorbei an Bambus-Stöcken, die die Stellnetze von Fischern halten. Der Mekong liefert den Menschen Fisch, Wasser und fruchtbaren Schlamm für die Reisfelder. Aber die schweren jährlichen Überschwemmungen bedrohen auch regelmäßig ihre Existenzgrundlage.
Hier lebt Kong Sar. 59 Jahre ist er alt und nimmt seit drei Jahren an einem Dorf-Entwicklungsprogramm von Caritas Kambodscha teil. „Ich bin sehr glücklich darüber“, sagt er. „Früher hatte ich viel Zeit, jetzt bin ich sehr beschäftigt und arbeite viel – wie ein Businessmann“, sagt er lachend. Neben seinem Haus hat er mit einigen Bambusstäben, einer einfachen Plastikplane und Lehm ein Becken abgedichtet. Darin züchtet er jetzt Fische.
„Ausgangspunkt für die Aktivitäten war eine Überschwemmungskatastrophe“, sagt Oliver Müller, Leiter von Caritas international. Das sei ganz typisch für Entwicklungsarbeit, „weil man dann sieht, wo wirklich die Probleme liegen, und weil die Menschen auch etwas verändern wollen“. Müller besucht im Rahmen einer Dialogreise die Partner in der Provinz Kandal, südlich von Kambodschas Hauptstadt Phnom Penh. Das Dorf Prek Reussey liegt auf einer Landzunge, die Überschwemmungen nach den großen Regenfällen im Herbst 2011 sind allmählich zurückgegangen. Doch von der ungeteerten Dorfstraße an der höchsten Stelle des Ortes kann man zu beiden Seiten hin immer noch das Hochwasser sehen. Hunde bellen, Hühner gackern und picken neben Bananenstauden im Dreck. Nackte Kinder laufen durch die schwüle Hitze, die hier selbst im kalendarischen Winter herrscht.
Seit Urzeiten bauen die Menschen hier ihre Häuser auf Stelzen, früher aus Holz, inzwischen aus Beton. Je höher die Stelzen desto reicher sind die Besitzer. Mit fünf Dörfern startete das „integrierte Gemeinwesen-Entwicklungsprogramm“, co-finanziert von der Caritas Frankreich und Caritas Japan im Jahr 2001. In Absprache mit den lokalen Behörden gingen die Caritas-Mitarbeiter in die Dörfer und motivierten Familien – und zwar meist die ärmsten – zusammenzuarbeiten, gemeinsam etwas Neues zu wagen und dabei auch neue Fähigkeiten zu erwerben.
Kong Sar hat die Roten Khmer überlebt und die Invasion der Vietnamesen. Er hat den Bürgerkrieg in den 1990er Jahren überstanden und dabei immer so gelebt wie seine Vorfahren: in einem Haus auf Stelzen gewohnt, Reis angepflanzt, jedes Jahr im Sommer den Monsunregen ertragen und gehofft, dass die Überschwemmung ihnen nicht alles nimmt. Dann hat er darauf gewartet, dass zum Winter hin, wenn die Fluten zurückgehen, der fruchtbare Schlamm auf den Feldern zurückbleibt – und sie wieder neuen Reis und Gemüse anpflanzen konnten.
Jetzt benutzt er Kunstdünger und kann damit die Erträge steigern. Den Kunstdünger muss er kaufen, und deswegen lernt er gerade, organischen Dünger herzustellen und einzusetzen. „Erst haben wir nur chemischen Dünger eingesetzt, im letzten Jahr schon zur Hälfte selbst kompostierten, und in diesem Jahr werden wir noch mehr organischen Dünger einsetzen“, erklärt Kong Sar. Einmal jeden Monat kommen alle in der Dorfgemeinschaft der Familien zusammen, sprechen über Probleme und suchen gemeinsam nach Lösungen. „Ich schätze das sehr“, sagt Kong Sar.
34 Familien haben eine Kooperative gegründet: Sie vermarkten ihre Produkte gemeinsam und zahlen in einen eigenen Spar-Fonds ein. Vorher waren sie vollkommen abhängig von der lokalen Privatbank, jetzt springt zunehmend der eigene Fonds ein, wenn es um einen kleinen Kredit geht. Immer mehr Familien können sich nun eine eigene Wasserpumpe leisten – wichtig nicht nur für sauberes Trinkwasser, sondern vor allem auch für die Bewässerung der Felder. Nächstes Jahr wollen die Familien eine „Reis-Bank“ gründen, um einen gemeinsamen Vorrat an Saatgut, Futtermitteln und Reis für den Katastrophenfall zu haben. Das Prinzip ist die Hilfe zur Selbsthilfe.
So hat die Caritas den einzelnen Familien kein Geld gegeben, sondern gerade mal ein paar Jungfische als Starthilfe in der Fischzucht. Sie vermittelt vor allem Kenntnisse und Fähigkeiten – nicht nur technische, sondern auch soziale: Rolle und Funktion von Führung, Gemeinwesen-Entwicklung, effektive Kommunikation, Konflikt-Lösung, Bewusstseins- Schärfung gegenüber häuslicher Gewalt und Einsatz für Benachteiligte. „Das Wichtigste ist, mit den Dorfbewohnern zusammen zu überlegen, was denn wirklich gebraucht wird“, sagt Projektleiter Müller. Nur das, was die Menschen wollen, was sie verändern wollen, das wird auch nachhaltig wirken.
Ein besserer Lebensstandard für die Dorfbewohner ist das eine; ein zweites Ziel ist, die Menschen hier besser gegen Katastrophen zu wappnen und ihnen die Chance zu geben, sich selbst zu helfen, wenn die regelmäßig wiederkehrenden Überschwemmungen kommen. Dazu gehören Ernährungssicherheit, aber auch einfache Maßnahmen wie das Anschütten von Hügeln, auf denen im Notfall das Vieh überlebt. In gemeinsamer Arbeit haben sie die Häuser verstärkt, damit diese besser den Fluten standhalten.
Kong Sars Familie besitzt jetzt eine „Safety Box“, einen Kasten mit allen wichtigen Dokumenten. Jede Familie soll ein Boot besitzen, damit sie im Notfall einen Arzt im Gesundheitszentrum aufsuchen kann. „Das Interessante ist, dass man hier in Kambodscha mit wenig Geld sehr viel bewegen kann“, sagt Müller. Die Dorf-Komitees, die sich gegründet haben, konnten mit einer Unterstützung von ein paar hundert Euro alle Aktivitäten anschieben. Daneben muss lediglich das Gehalt des lokalen Caritas-Mitarbeiters finanziert werden. „Wir sehen zwar, dass man nicht alles verändern kann, was man machen müsste, aber die ersten Schritte sind getan“, sagt Müller. Ganz oben bei den Prioritäten stehen auch Bildung und Ausbildung für die Kinder. Dank der besseren Lebenssituation „können wir sie kleiden und ihnen Schulmaterialien kaufen, damit sie in die Schule gehen“, sagt Kong Sar.







