Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Abendmahlssaal wurde zur Urkirche

Pastor Liudger Gottsch­lich ist Leiter der Pilgerstelle und im Erzbistum zuständig für Exerzitien und Spiritualität

von Liudger Gottschlich

Wo hat Pfingsten eigentlich stattgefunden? Kann man diesen „Ort“ näher festlegen? Man kann. Die Apostelgeschichte berichtet, dass es jenes Obergemach war, in dem das letzte Abendmahl stattfand. Dort versammelte sich die Gemeinde nach Jesu Himmelfahrt, um auf die Herabkunft des Heiligen Geistes zu warten. So erlebt dieser Raum nicht nur die Geburtsstunde der Kirche, sondern wird zugleich der erste Kirchbau überhaupt, die „Urkirche“ der Christenheit.


Für die ersten Christen war dieser Raum ein geheiligter Ort. Dort hatte sich alles Wichtige zentriert und ereignet: das Abschiedsmahl mit der Einsetzung der Eucharistie und die Beauftragung der Apostel; die Begegnungen der Elf mit dem Auferstandenen; er war der Versammlungs- und Gebetsort der jungen Gemeinde, Zeuge des Pfingst­ereignisses und des Apostelkonzils, das die Entwicklung zur Weltkirche hin ermöglich­te. Eben das Zentrum der Ur-Kirche und Symbol des christlichen Selbstverständnisses in der Abgrenzung zum Judentum.
Wie heilig und wichtig den Christen dieser Ort war, lässt sich an den Ereignissen nach dem Jahr 70 ablesen, als die Römer ganz Jerusalem zerstörten. Sofort wurde das Haus mit dem Obersaal wieder aufgebaut. Aber nicht mit gewöhnlichen Steinen. Man nutzte bewusst Quader und Steine aus den Trümmern des jüdischen Tempels und machte damit deutlich: hier ist der neue Zion! Hier ist das Zentrum des Glaubens! Der Weg Jesu hat sich als Wahrheit erwiesen, nicht jener, der Tempelpriesterschaft.
Das wurde bautechnisch noch einmal dadurch unterstrichen, dass diese Synagogenkirche nicht mehr, wie bis dahin unbedingt üblich,  auf den Tempelberg hin ausgerichtet war, sondern auf das Jesusgrab, den Ort der Auferstehung. Die Botschaft der Steine war somit klar: wir orientieren uns an Christus, der wahrhaft Gottes Sohn ist und den neuen, ewigen Bund mit uns Menschen geschlossen hat.
Teile dieser Kirche sind bis heute sichtbar. Immer wenn ich sie betrachte und berühre kommt mir unsere heutige Kirchensituation vor Augen: Priestermangel, sterbende Gemeinden, geschlossene und abgerissene Kirchen. Viele von uns empfinden ähnlich wie die Christen im Jahr 70: ihre geliebte Kirche liegt in Trümmern; das blühende Leben, die Aufbruchstimmung nach dem Konzil ist nur mehr Erinnerung; die Zukunft dunkel und ungewiss. Trauer und Lähmung legen sich wie Mehltau über die Stimmung. Und dann sehe ich die frühen Christen, die gar nicht daran denken, inmitten der Trümmer zu resignieren. Erfüllt von eben jenem Geist der Zuversicht und Stärke, den sie an diesem Ort empfangen haben, fangen sie neu an. Aber nicht, indem sie versuchen, das Alte einfach wiederherzustellen, sondern indem sie sich in allem an Christus orientieren. So gewinnt die junge Kirche Eigenständigkeit, Selbstvertrauen und viele Mitglieder.
Könnte das nicht ein ermutigendes Beispiel für uns heute sein? Es ist doch derselbe wirkmächtige Geist Gottes, der auch uns erfüllt. Nichts hat er in diesen 2000 Jahren von seiner Kraft verloren. Ja, wir erleben einen Um- und Abbruch wie selten in der Kirchengeschichte. Aber statt trauernd in den Trümmern der Volkskirche zu sitzen, haben auch wir die Kraft und die Möglichkeit, neu zu beginnen. Wir können unsere Kirche neu aufbauen. Nicht, indem wir das Alte wiederbeleben. Sie wird eine neue Gestalt bekommen. Einzig wichtig ist damals wie heute, dass wir uns immer neu an Christus ausrichten, an seinem Wort und Handeln. Und dass wir die zentralen Punkte des urkirchlichen Lebens ebenso in den Mittelpunkt stellen: Gebet, Eucharistie, Gemeinschaft und den Glauben. Vielleicht sind diese ja in der Vergangenheit von zuvielen anderen Aktivitäten im Gemeindeleben überlagert worden. Es gilt: der Pfingstgeist wirkt und belebt die Christen bis heute. Die Jerusalemer Ur-Kirche vor Augen, muss uns vor der Zukunft nicht bangen.


20.05.2012
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