Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Alles für den Schatz im Acker

Mit ihren Produkten wie diesem Hydraulikbagger setzt die Firma Liebherr mehr als sechs Milliarden Euro im Jahr um. Der jüngste Sohn Hubert Liebherr (Foto unten) verzichtete aus religiösen Gründen auf seinen Anteil am Firmenvermögen. Foto: pa

 „Der größte Schatz im Leben ist, wenn man den Herrn entdecken darf. Dann ist man reich.“ Der dies sagt, ist kein weltfremder Frömmler. Hubert Liebherr (58), Bauingenieur und Erbe der durch Baukräne und Kühlschränke bekannten Firma Liebherr, hat auf eine dreistellige Millionensumme verzichtet. Und das, um den „Schatz im Acker“, von dem Jesus im Matthäusevangelium spricht, bergen zu können.

Dass er einmal eine spektakuläre „Bekehrung“ erleben würde, war dem jüngsten von fünf Kindern des Firmengründers Hans Liebherr nicht in die Wiege gelegt. Denn die Eltern achteten darauf, ihre Kinder religiös zu erziehen. Der sonntägliche Kirchgang gehörte ebenso selbstverständlich dazu wie das Gebet vor dem Essen – auch wenn die Mutter, bei der alles schnell gehen musste, schon mal fünf Schritte vor dem Tisch mit dem Gebet anfing. „Wenn sie sich dann setzte, war sie schon fertig mit Beten“, lacht Hubert Liebherr. Erste Zweifel an Gott kommen ihm in der Pubertät. Als er dann in einem Heidelberger Internat als Schüler die 68er-Bewegung erlebt, „habe ich mich ein bißchen anstecken lassen“, bekennt er. Nächtelang habe er diskutiert: „Wie verändern wir die Welt? Aber wir selbst wollten uns nicht ändern.“ In dieser Phase seines Lebens habe er „den Herrn rausgedrängt und durch mein Ego ersetzt“. Auch von der „sexuellen Befreiung“ habe er sich anstecken lassen. „In vielen Städten hatte ich eine Freundin, quer durch Europa.“ 
Nachdenklich wird er erstmals, als er Ende der 70er-Jahre vier Jahre nach Algerien geht, weil die Firma Liebherr dort im Auftrag der algerischen Regierung ein Werk für Baumaschinen errichtet. Mehrmals durchquert er in dieser Zeit die Sahara. Wenn er in der absoluten Stille die Sterne betrachtet, die dort in der klaren Luft viel heller scheinen, fragt er sich: Wo kommt das alles her? Als Schwabe weiß er: „Aus Nichts wird nichts.“ Also gibt es doch einen Schöpfergott?
1981 kommt er nach Deutschland zurück. Die Leitungskompetenzen werden unter den Geschwistern neu verteilt. Hubert Liebherr ist zuständig für Fahrzeug-, Bohrinsel-, Hafen- und Containerkräne, für Werkzeugmaschinen und Flugzeugausrüstung. Die Arbeit macht ihm Spaß. Er ist fasziniert von dieser Technik-Welt – bis heute. Schließlich ist er mit Baumaschinen groß geworden, hat sonntags mit seinen Brüdern die Baumaschinen aus der Fabrikhalle geholt und ausprobiert.
Ein Autounfall bringt sein Leben ins Wanken. Den „Beginn meines Weges zurück zum Herrn“ nennt er den Unfall. 1981 auf dem Weg zur Arbeit  übersieht ihn ein anderer Autofahrer, fährt ihm in die Seite. Beiden Fahrern passiert nichts, die Autos sind Schrott. Ein Jahr lang zermartert er sich beim morgendlichen Passieren der Unfallstelle den Kopf, wie der andere ihn übersehen konnte: Nichts behinderte die Sicht. Dann entdeckt er nur 50 Meter von der Unfallstelle entfernt eine kleine Kapelle, verborgen hinter zwei gro­ßen Kastanienbäumen. „Als ich die Schwelle überschritt, war mir klar, warum der Unfall sein musste: Damit ich jetzt da reingehe“, berichtet er. Eine kleine Lourdesgrotte ist in der Kapelle nachgebildet, eine Muttergottes-Statue scheint ihn anzublicken. Es ist der Beginn einer Reise zu Maria und ihrem Sohn. Liebherr erinnert sich an Erzählungen seiner Mutter von Erscheinungen der Muttergottes in Fatima. Er liest über die Erscheinungen, beginnt den Rosenkranz zu beten – mit einer Anleitung auf den Knien. „Ich glaube, der Himmel lacht da heute noch“, beschreibt er amüsiert seine ersten Gebetserfahrungen.
Einige Jahre beschränkt sich seine neu gefundene Religiosität auf Besuche in der kleinen Kapelle. Immer wieder kämpft er mit Zweifeln. Im Herbst 1986 bittet er um ein Zeichen. Er hat den Gedanken noch nicht zu Ende gedacht, „da war es, als würde ein Blitz in meinen Kopf einschlagen, richtig laut“. Ein „Vibrieren wie von einem Stromschlag“ durchfährt ihn. „Darauf war ich nicht gefasst.“ Das Erlebnis, „ein überzeugendes Zeichen“, sagt er, erschreckt ihn auch. Denn: „Mir wurde bewusst, der Herr kennt alle Gedanken.“
Bei einer Wallfahrt in den Marienwallfahrtsort Fatima berichtet ihm ein Schulfreund von einem kleinen Ort im heutigen Bosnien-Herzegowina, Medjugorje, wo die Muttergottes noch immer regelmäßig erscheinen soll. „Da muss ich hin“, fährt es ihm durch den Kopf. Nur sechs Wochen später fliegt er mit seinem Privatflugzeug ins damalige Jugoslawien. Doch zunächst ist er enttäuscht – als Jungunternehmer mit eigenem Flugzeug hat er mindestens „ein kleines bis mittleres Wunder“ erwartet. Doch dann erlebt er eine radikale Umkehr. Ihm wird seine Sündhaftigkeit bewusst. Hubert Liebherr legt bei einem Priester eine umfassende Lebensbeichte ab. Wieder heimgekehrt, organisiert er gemeinsam mit dem Schulfreund eine Pilgerreise nach Medjugorje. Bei einer Informationsveranstaltung in der Stadthalle von Biberach, der Heimat der Liebherrs, muss er kurzfristig für den Freund einspringen. Der Vater versucht ihn davon abzuhalten: „Damit machst du dich vor den ungläubigen Mitarbeitern lächerlich.“ Wie soll er sich jetzt und künftig verhalten? Bei einer Pilgermesse fährt ihm ein Satz in die Knochen: „Verlasse alles, was du bist und hast und folge mir nach.“ Hubert Liebherr, der eigentlich eher an einen Kompromiss gedacht hatte, ist „wie erschlagen“. Noch einmal bittet er um ein Zeichen. In Medjugorje während einer Messe ist ihm „als wäre der gesamte Himmel offen“. Danach ist ihm klar: „Ja, ich werde alles verlassen und dir nachfolgen.“
Zurück in der Heimat geht er zu seinem Vater, erzählt ihm alles und sagt, dass er künftig nicht mehr für ihn, sondern nur noch für die Muttergottes arbeiten wolle. Und weil er „das ganz klare Gefühl“ hat, dass „es nicht korrekt wäre“, wenn er seinen Anteil, ein Fünftel des Firmenvermögens, behält, gibt er die dreistellige Millionensumme an den Vater zurück. Der entscheidet dann aber, dass aus diesem Anteil sein jüngster Sohn und dessen Frau lebenslang eine regelmäßige Zahlung erhalten. „Das ermöglicht mir nun, mich in mehreren Werken ehrenamtlich zu engagieren“, erzählt Hubert Liebherr. Seit 20 Jahren organisiert er nun Pilgerfahrten nach Medjugorje, hält Vorträge und baut seit 1994 mit seinem Verein „Kirchen für den Osten“ Holzkirchen in der ehemaligen Sowjetunion.
Hubert Liebherr hat einen hohen Geldbetrag für den „größten Schatz im Leben“ bezahlt. Und dabei sei „den Schatz entdecken und ausgraben“ noch lange nicht alles, sagt er und vergleicht ihn mit einem Gestein, das er bei seiner Arbeit in Algerien entdeckte. Direkt nach dem Ausgraben ist es harter Fels. Doch nach drei Tagen an der Sonne „zerbröselt es“. Genauso habe man mit der Bekehrung „nicht alles in der Tasche“. Vielmehr müsse man dann täglich um diesen Glauben ringen. „Ich bin noch ganz am Anfang dieses Weges“, sagt Hubert Liebherr. „Aber ich spüre, wie meine Füße Schritt für Schritt auf festeren Grund kommen.“Markus Jonas


20.05.2012
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