Aktuelle Ausgabe
2012-20

Stella Braam stellt Buch über Alzheimer vor

„Als lebte ich in einer Wolke“

Bekam für ihren engagierten Vortrag langanhaltenden Applaus: Stella Braam in der Paderborner Bonifatius-Buchhandlung.Foto: Götte

Paderborn. Eine Autorin stellt ihr neues Buch vor. Aber es ist nicht irgendein Werk, sondern handelt von der Alzheimer-Erkrankung ihres Vaters. Dennoch wirkt die
Frau mit dem Mikrofon in der Hand fröhlich, offen und zieht die rund 80 Zuhörer in der Paderborner Bonifatius-Buchhandlung in ihren Bann.

von Andreas Götte

Stella Braam kommt aus den Niederlanden. Rund acht Jahre hat Stella Braam ihren im vergangenen Jahr verstorbenen Vater René van Neer (78) begleitet und eine Vielzahl von Gesprächen mit ihm geführt. Das Resultat ist nun im Handel erhältlich und heißt „Ich habe Alzheimer“.
Mittels einer Leinwand können die Zuhörer die Zeilen nachlesen und den Erkrankten sogar sprechen hören. Das macht die etwas andere Lesung, die vom Demenz-Servicezentrum Ostwestfalen-Lippe in Bielefeld und dem Paderborner Caritasverband, veranstaltet wird, besonders eindringlich.
„Angst, Panik, Wut und Aggression – Alzheimer hat viele Facetten und ist kein leichtes Thema.“ Die 46-jährige Journalistin Braam sagt es unverblümt, wie es ist. Ganz offen schildert sie, wie sich die Erlebniswelt ihres Vaters verändert.
Da ist zum Beispiel der Umzug aus der eigenen Wohnung ins Pflegeheim. Der frühere Wissenschaftler und Schriftsteller René van Neer wähnt sich auf einem Ausflug, in seinem Erleben wird das Pflegeheim in Maastricht zum Hotel. Stella Braams Vater macht sich Sorgen über die hohen Hotelkosten und über das Schicksal seiner Wohnung im fernen Tilburg. Was war da noch? Warum muss er doch gleich im Hotel wohnen? Ist die Wohnung vielleicht abgebrannt? Als der Pfleger ihn später bittet, vor dem Duschen die Geldbörse abzulegen, sieht er in dem Mann einen Einbrecher und versucht zu fliehen.
„Die Erkrankten fühlen sehr viel, nur ausdrücken können sie es nicht mehr“, sagt Stella Braam. Alzheimer sei schleichend, eine Fähigkeit nach der anderen gehe verloren. Für eine Antwort auf ihre vielen Fragen braucht René van Neer  zehn Minuten. Ihr Vater kann neue Informationen nicht mehr behalten – typisch für Alzheimer. Das ist zum Teil unfreiwillig komisch, führt jedoch zu vielen Missverständnissen, Angst und Unsicherheit. René van Neer irrt den ganzen Tag über den Flur, bekommt Ruhetropfen, wird nach Angaben von Braam benommen und ratlos. „Ich komme mir so vor, als lebe ich in einer Wolke“, sagt er zu seiner Tochter. Als das Sprachvermögen ihres Vaters immer mehr nachlässt, läuft der Kontakt zusehends über körperliche Nähe.
„Viele Pflegekräfte sind in den Einrichtungen Opfer eines schlechten Managements“, kritisiert die Autorin. Nicht die Pflege, sondern der Patient mit seiner Individualität müsse im Mittelpunkt stehen. Für ihren engagierten Auftritt gibt es Applaus und dann von ihr das eine oder andere Autogramm.
Reinhold Heeringa sprechen die Worte von Stella Braam aus der Seele. „Wir müssen weg vom paternalistischen System. Der alte Mann war Kunde. Somit muss der Gedanke der Dienstleistung mehr in den Vordergrund“, sagt der freiberufliche Dozent, der auch in der Altenpflege ausbildet.


20.05.2012
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