Aktuelle Ausgabe
2012-20

Ein Blick in die Lebensälterenabteilung der JVA Detmold, der landesweit einzigen ihrer Art

Altern hinter Gittern

Straftäter gehen nicht in Rente. Nicht mit 65 – und nicht mit 78 Jahren. Wer verurteilt ist, der „sitzt“ in Deutschland seine Strafe ab. Aber wie leben ältere Menschen in deutschen Gefängnissen? Mitarbeiter des DOM waren zum Haftbesuch in einem „Senioren-Knast“.

Text: Stefan Niggenaber

Fotos: Harald Oppitz (KNA) 

Jürgen ist noch immer in guter Erscheinung: ein gepflegter Kurzhaarschnitt, gestutzter Schnäuzer. Er trägt einen blauen Rollkragenpulli, gebügelte Jeans. Dazu braune Cowboy-Stiefeletten aus Rindsleder. Sein Blick aber wirkt müde. Gerichtet sind seine Augen auf ein vergittertes Fenster. Jürgen ist 57. Und er sitzt im Gefängnis. Seit vier Jahren ist er Insasse der Lebensälterenabteilung der JVA Detmold, der landesweit einzigen ihrer Art. Die Lebensabend-JVA liegt zu Füßen des Hermannsdenkmals, Bielefelder Straße 78. In die gelangt, wer oft erst als Rentner vom Pfad des Gesetzes abkommt.

Der älteste Häftling in Detmold ist derzeit 78. Ein paar Jahre hat er noch abzubrummen. Vielleicht wird er hier sterben. Auch Jürgen hat Angst. Angst davor, krank zu werden. Angst davor, hinter Gittern irgendwann womöglich zu sterben. Auch seine Lebensuhr tickt unaufhörlich rückwärts, wenn auch gefühlt langsamer. „Da bleibt am Ende immer weniger Nutzen übrig.“ Das gesteht sich der gelernte Sägewerker heute selbstkritisch ein. 

Und dennoch: Die letzten Jahre wolle er noch genießen. Viele, ja, zu viele Jahre habe er in seinem Leben schon verschenkt – für nichts und wieder nichts. 

Mehr als 20 Lenze hat Jürgen insgesamt bereits hinter Gittern verbracht. Diversen Banküberfällen folgten unfreiwillige Aufenthalte in Werl, Bielefeld und Detmold, zum Teil sogar in den Hochsicherheitsbereichen der Vollzugsanstalten. Jürgen kennt sich also aus: Besser als hier habe er es noch nirgendwo gehabt, da ist er ganz sicher. Denn die Lebensälterenabteilung bietet ihm einige Vorteile. Der ganze Umgang sei hier einfach anders, irgendwie menschlicher: Weniger Stress mit den „Grünen“, wie er die Justizvollzugsbeamten nennt. Und kaum Raufereien zwischen den übrigen 20 Insassen. 

Mit dem Alter ändere sich auch das Verständnis vom Strafvollzug, weiß der 57-Jährige jetzt. Heute kann er materiellen Dingen nicht mehr viel abgewinnen. Sein Traum vom schnittigen Sportschlitten sei mittlerweile verpufft wie eine Fehlzündung. Heute will er den Ferrari gar nicht mehr. Viel lieber hätte er mal wieder einen eigenen Wohnungsschlüssel in der Hand. Und seine Selbstbestimmung zurück. Nachts um drei Uhr einfach mal spazieren gehen dürfen, das möchte der Häftling. Auch wenn er es vielleicht gar nicht täte. 

Das Leben in der JVA hingegen ist eintönig. Jürgens ärgster Widersacher: die zäh fließende Zeit. Morgens um sechs Uhr gibt es Frühstück. Seine Stullen schmiert sich der verurteilte Bankräuber an einem
schmalen Schreibtisch. Darauf liegt eine Lacktischdecke mit Blümchenmuster. Hinter ihm sein Bett, daneben ein Kleiderschrank – bepflastert mit Aufklebern der Dortmunder Borussia. Rechts von ihm die Kloschüssel. Ab 6.45 Uhr ruft die Arbeit. Jürgen sortiert und verpackt Gegenstände, etwa acht Stunden am Tag. Ebenfalls auf der Zelle. Dort kann er wenigstens rauchen. Auch und vor allem aber: ein wenig Geld verdienen. 

Mittagessen serviert ein „Grüner“ um 11.30 Uhr. Der Speiseplan wiederholt sich hier alle sechs Wochen. Ab und zu gönnt sich Jürgen mal etwas Besonderes: Von seinem Ersparten kauft er sich dann Rindfleisch oder Schweinegulasch in Dosen. Zuweilen auch ein Glas Instant-Kaffee, im Knast-Jargon kurz „Bombe“ genannt. 

Anders als in den anderen Abteilungen öffnet sich in der Lebensälterenabteilung der JVA Detmold ab 13 Uhr die Zellentür. Dann besteht für Jürgen auch mal die Möglichkeit, mit seinen Kumpels eine Runde Billard, Kicker oder Tischtennis zu spielen. Jürgen schätzt dieses Privileg. Sogar die Vollzugsbeamten spielen manchmal mit. Früher sei jeder „Grüne“ automatisch sein Feind gewesen, erinnert sich der 57-Jährige. Heute hingegen hat er eine andere Sicht auf die Dinge, hat mit ihnen gemeinsam ab und zu sogar so etwas wie Spaß. Unter den Insassen mache er sich damit keine Freunde. Noch viel weniger mit diesem Gespräch, zischt er leise.

Am Abend steht schließlich noch ein echtes Highlight auf dem Plan. Der katholische Gefängnis-Seelsorger Lothar Dzialdowski kommt zu Besuch. Im Gepäck hat er fünf Ehrenamtliche. Und zwei Wäschekörbe – prall gefüllt mit Frischgemüse, allerhand Fleisch, Quark, Zucker und verschiedenen Gewürzen. Beim Kochkurs 5+5 (fünf von draußen, fünf von drinnen) kochen Ehrenamtliche und Gefangene gemeinsam. Auch das gehört zum Konzept der Lebensälterenabteilung. Über eine Stunde lang wird in der acht Quadratmeter großen Abteilungsküche geputzt, geschnippelt und gekocht, ehe am Ende ein waschechtes Dreigänge-Menü auf dem Tisch steht – und gemeinsam gegessen wird.

Sogar JVA-Leiterin Kerstin Höltkemeyer-Schwick ist an diesem Abend zu Gast. Vor dem Essen verstaut sie noch schnell ein paar schwarze Aktenordner in ihrer Tasche. Statistiken, wie sie sagt. Und die sprechen eine immer deutlichere Sprache. 1992 waren nur 1,5 Prozent der Straftäter in Deutschland über 60 Jahre alt. Mittlerweile sind es doppelt so viele. Kerstin Höltkemeyer-Schwick: „Unsere Gesellschaft altert. Und mit ihr das Klientel der Straftäter.“ Ein Umstand, auf den sie mit der Lebensälterenabteilung zu reagieren versucht. Und damit offenbar Erfolg hat. 

Friedlich räumen die Gefangenen schließlich den Tisch ab, verabschieden sich von ihren Gästen. Und zählen schon jetzt die Tage bis zum nächsten Kochabend in zwei Wochen.

Um 21 Uhr fällt Jürgens Zellentür dann auch schon wieder ins Schloss. Vollzug macht keinen halt, auch nicht vor dem Alter.

Zum Abschied sagt Jürgen noch: „Wer Scheiße baut, der muss auch dafür geradestehen.“


20.05.2012
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