Aktuelle Ausgabe
2012-20

Warum die Apokalypse so modern ist

„Am 30. Mai ist Weltuntergang“

Im Falle eines Weltunterganges wie in Geldern mit Wasser und Feuer inszeniert, setzen Christen auf ihre Heils-Hoffnung.Foto: pa

Der Einschlag eines Asteroiden steht hoch im Kurs. Auch ein Super-Tsunami, der die halbe Welt überflutet. Ein weltweiter Atomkrieg jedoch, der alles Leben auslöscht, wird heutzutage seltener vorhergesagt, dafür lässt die Klimakatastrophe die Menschheit über kurz oder lang untergehen. Seit einiger Zeit streiten sogar Professoren ernsthaft darüber, ob der neue Super-Teilchen-Beschleuniger in der Schweiz schwarze Löcher auslösen kann, die schon bald die Erde verschlingen können.

von Susanne Haverkamp

Auch Jesus hat an den Weltuntergang geglaubt. Wann genau es so weit sein wird, wusste er nicht. Aber: „Diese Generation wird nicht vergehen, bevor all dies eintrifft“, so heißt es im Markusevangelium. „All dies“ beschreibt er recht genau: die Tage der Not mit Kriegen, Erdbeben und Hungersnöten, die Sonnen- und die Mondfinsternis, die Meteoriteneinschläge. Gar nicht so weit weg von heutigen Vorstellungen. Was danach kommen sollte, verkündete Jesus auch: das Reich Gottes. Das Reich der Gerechtigkeit und des Friedens. Das Reich, in dem Christus selbst der gerechte Herrscher ist. Allein: Die Generation Jesu verging, aber die Welt drehte sich weiter. Genauso ungerecht und kriegerisch, wie sie nun mal ist.
Über Jahrhunderte hat dieses Ausbleiben der „Apokalypse“ die Menschen irritiert. Und so ist es kein Wunder, dass immer wieder neue Daten genannt wurden, von Päpsten und Propheten, von Astrologen und Astronomen. „Naja, das war früher, als die Menschen noch nicht so aufgeklärt waren“, mag manch einer denken. Doch schaut man sich die Listen der Weltuntergangspropheten an, zeigt sich: Viele von ihnen leben jetzt und heute, im 20. oder 21. Jahrhundert, in Europa oder den USA, an Unis oder in religiösen Gruppen. Sie berechnen Wahrscheinlichkeiten oder blättern in mystischen Kalendern. Sie befragen die Sterne oder physikalische Modelle. Und nicht wenige Menschen folgen ihnen.
„Apokalyptisches Denken ist in unserer Zeit durchaus modern“, sagt Alexander Nagel. Der Religionswissenschaftler und Junior-Professor für Soziologie hat ein Buch zu diesem Phänomen herausgegeben. „Das Leben erscheint immer willkürlicher, immer unsicherer“, sagt er. „Diese Stimmung begünstigt Vorstellungen vom Weltuntergang.“ Damit sind wir nah dran an der Bibel. Denn auch im Alten und im Neuen Testament waren diese Gedanken in erster Linie Trost: Trost in Zeiten der Verfolgung. Die Welt ist schlecht, aber Gott kommt, und dann werden die Guten belohnt und die Bösen bestraft, so lautete etwas verkürzt die Idee. Das hatte Konsequenzen für das praktische Leben: am Glauben festhalten, beten ohne Unterlass, Verzicht auf Besitz und Reichtum. Denn eines war klar: Der Weltuntergang ist eine Entscheidung Gottes und durch nichts aufzuhalten. „Wachet und betet, damit ihr bereit seid, wenn der Herr kommt“, hieß deshalb die einzig sinnvolle Reaktion.
Moderne Apokalypsen funktionieren anders, sagt Alexander Nagel. „Die meisten der Weltuntergangsvorstellungen, auf die wir in Kinofilmen oder Büchern treffen, haben keine Heilsperspektive.“ Kein Gott greift ein. Es bleibt bei der innerweltlichen Katastrophe, beim Aussterben der Menschheit, bei Überflutung oder Wüste, bei Verzweiflung und Tod. Und die, die überleben, erwartet wenig Gutes. Warum also tun wir uns das an? „Da gibt es eine sehr unterschiedliche Gemengelage“, meint der Junior-Professor. Die einen genießen den wohligen Schauer. „Psychologen nennen das die Angstlust: Wir schauen uns etwas an und genießen anschließend, dass es doch nicht so schlimm ist.“ Das wäre reine Unterhaltung.
Es gibt aber noch eine andere, wichtigere Funktion der „modernen Apokalypse“. Während religiöse Vorstellungen von der Unausweichlichkeit des Willens Gottes ausgehen, setzen sie bei der Frage an: Wie kann man die Apokalypse aufhalten? „Es gibt zum Beispiel die Arbeit einer Soziologin, die ‚apokalyptische Motive bei den frühen Grünen‘ untersucht hat“, nennt Nagel ein Beispiel aus der Forschung. Soll heißen: Als nach der Tschernobyl-Katastrophe die Angst vor dem Weltenende durch Atomunfälle umging, führte das zum Einsatz für eine ökologische Politik. Oder als die Angst vor SS 20, Pershing II und dem tödlichen Atomkrieg die Diskussion beherrschte, führte sie nicht wenige zur Friedensbewegung. Die Angst vor dem Weltuntergang als Auslöser für Aktion. Das klingt nicht schlecht. Hat aber auch eine Kehrseite: „Kaum jemand setzt mehr auf Gott“, meint Nagel. „Wir nehmen unsere Heilsgeschichte selbst in die Hand.“ Modern eben.
Und Christen? Wer glaubt schon ernsthaft daran, den Menschensohn in absehbarer Zeit „mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken kommen zu sehen“, wie es im Markusevangelium heißt? Im Glaubenssinn jedes einzelnen fällt meist „Weltenende“ und „Lebensende“ in eins zusammen: Wenn ich sterbe, be­ginnt das neue Leben im Reich Gottes. Der Rest der Welt bleibt auf der guten, alten Erde zurück. Und dass in Milliarden Jahren unsere Sonne verglühen und Leben auf der Erde unmöglich sein wird, das fällt ausschließlich ins Reich der Physik.
„Typisch modern“, meint dazu der Soziologe. „Was früher global oder sogar kosmisch gedacht wurde, wird heute individualisiert.“ Angst vor dem Weltende heißt deshalb: Angst vor dem Tod, der immerhin unausweichlich und Wille Gottes ist. Zu Aktion kann das auch führen: Zu einem Leben aus christlicher Verantwortung in dem Glauben, dass ich mich einmal für mein Leben verantworten muss. Manche setzen sich deshalb für die Bewahrung der Schöpfung ein, andere engagieren sich in der Friedensarbeit oder kümmern sich um Arme, Alte oder Kranke. Aufhalten wird das die „persönliche Apokalypse“ nicht, aber sie kann zu einem guten Ende führen. Das ist eben die Heils-Hoffnung der Christen im Unterschied zur Unheils-Angst vieler anderer. Seltsam, dass so unterschiedliche Ansätze so ähnliche Folgen haben können.


20.05.2012
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