Eine Kölner Gemeinde verteilt Lebensmittel an Bedürftige
Anstehen gegen Armut
Monatlich fünf Euro mehr sollen Hartz-IV-Empfänger demnächst bekommen. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) hat Ende September die Neuberechnung der Regelsätze vorgestellt. Viele werden weiterhin auf Hilfen karitativer Einrichtungen angewiesen sein; an ihrem Alltag ändert sich wenig.
Text: Barbara Schmickler
Fotos: Wolfgang Radtke
Es ist nass und windig. Dennoch stehen sie hier Schlange. Die ersten waren schon um sechs Uhr da, ihre Wägelchen haben sie mit Plastiktüten notdürftig gegen den Regen geschützt. Mancher kommt zum ersten Mal, andere schon seit Jahren. Die einen mit Kind, die anderen allein. Allen gemeinsam ist, dass sie als „Hartz-Vierer“ jeden Euro dreimal umdrehen müssen. Geht es nach der Regierung, haben sie dafür demnächst fünf Euro mehr im Monat. Nun stehen sie hier wie jeden Dienstag vor der Lebensmittelausgabe der St. Theodor-Gemeinde in Köln-Vingst.
500 Menschen kommen regelmäßig und erhalten umsonst frisches Brot, Gemüse und das, was gerade da ist. „Hartz IV reicht vorne und hinten nicht, wenn man ein Kind hat“, sagt Marina in ihrem hellen Anorak. Immer wieder bekomme man von den Behörden Knüppel zwischen die Beine geschmissen. Sie ist arbeitslos, ihr Sohn 18 Jahre alt und behindert. „Durch das Kind bin ich finanziell eingeschränkt und auch bei der Jobsuche.“ Dabei hätte sie gerne eine Stelle, eine Tätigkeit in der Behindertenwerkstatt ihres Sohnes schwebt ihr vor. Bewerbungen schreibt sie immer wieder. „Irgendwann möchte ich nicht mehr hier stehen“, sagt sie und blickt auf die lange Menschenschlange vor sich. „Das hoffe ich.“
Die Menschen hier kommen aus den Kölner Vierteln Höhenberg und Vingst. Von den 25000 Einwohnern leben 40 Prozent von Hartz IV. Über die Hälfte der Kinder hat Migrationshintergrund, jeder vierte Erwachsene ist arbeitslos.
Hier im Hartz-IV-Land möchte der stadtbekannte Pfarrer Franz Meurer den Armen eine Stimme geben. „Inklusion statt Exklusion“ lautet das Motto des 68-Jährigen. Er wäre Fan von Hartz-IV, bekennt er, „wenn es funktionieren würde“. Doch es bringe nichts, Leute in Jobs mit Zeitverträgen zu stecken, wenn sie hinterher doch wieder auf der Straße landen. Dabei, so Meurer, sei eine regelmäßige Beschäftigung alles: „Ohne Arbeit verwahrlost man.“ Der Seelsorger zitiert die Katholische Soziallehre, wonach Arbeit nicht nur ein Grundwert sei, sondern ein Grundrecht. „Wir müssen den Leuten stärker helfen, die sonst keine Chance auf dem Markt haben“, fordert der Pfarrer.
Besondere Sorge bereiten ihm die Kinder im Viertel. Um von Hartz IV wegzukommen, müssten sie durch Bildung fit gemacht werden, damit sie später ihr eigenes Geld verdienen könnten. Und Bildung beginnt, wie man längst überall hört, schon im Kindergarten – mit der Sprache. In der katholischen Kindertagesstätte direkt neben der Lebensmittelausgabe ist das eine besondere Herausforderung, denn hier sind rund 60 Prozent der Kinder Ausländer. Auch für Erwachsene gibt es hier regelmäßige Treffen mit Hilfen rund um das Thema Erziehung. Das Fördern sei halt ebenso wichtig wie das Fordern, betont Pfarrer Meurer.
Die Hilfe für Hartz-IV-Familien kommt nicht ohne Spenden und Hilfe von Ehrenamtlichen aus. Zu den Freiwilligen gehört Christian Heinrichs aus Gummersbach. Er bekommt Lebensmittel von Unternehmen und bringt sie nach Vingst. Warum er hilft? „Die Familien haben Hunger, da kann ich nicht anders“, sagt er. In dem Moment bringt ein anderer Mann einige Brote. Beide begrüßen sich, denn jeder kennt sich hier. „Man könnte sich mit einer Flasche Bier auf´s Sofa fallen lassen, man kann aber auch helfen und anpacken“, sagt er, der selbst Hartz IV bezieht.
Inzwischen hat die Lebensmittelausgabe geöffnet. „Wie immer ein geschnittenes Brot?“, fragt Liliane eine alte Dame. Die Helferin steht seit fast zehn Jahren jeden Dienstag hinter der Theke und verteilt Lebensmittel. „Die Leute kommen mit ihren Problemen zu mir“, sagt sie. „Aber auch mit ihrer Dankbarkeit.“ Für sie sei das ein Geben und Nehmen. Währenddessen stapelt Frank die Lebensmittelkisten im hinteren Teil der Ausgabe. Er hilft, weil er früher selbst hier angestanden hat.
Maria bekommt heute zwei der rund 600 Brote sowie Milch und Gemüse. Sie kam vor 18 Jahren aus Russland. Ihr Mann ist gestorben, ihr Sohn arbeitet gelegentlich, die eine Tochter ist Hausfrau mit drei Kindern, die andere hat einen Job. „Ich habe Schulden“, bekennt Maria. „Ich bin so dankbar, ohne die Lebensmittel würde ich nicht über die Runden kommen.“ Sie arbeite wegen einer Krankheit nicht mehr, berichtet sie. Dennoch wolle sie sich einbringen – etwa als Dolmetscherin für die Caritas. Für Maria ist die Lebensmittelausgabe auch ein Treff zum Austausch, gerade bei schönem Wetter. Eine Frau hat sich einen Stuhl geholt, andere spielen Karten oder unterhalten sich ruhig, bis sie an der Reihe sind.
Für die kleine Chantal ist heute ein besonderer Tag: Sie darf sich in der Kleiderkammer neue Kleidung aussuchen. Helga Gau reicht dem Mädchen einen Pulli. „Der ist schön“, sagt die 7-Jährige mit großen Kinderaugen – eines von 1,7 Millionen Kindern und Jugendlichen in Deutschland unter 16 Jahren, die von Sozialleistungen leben. Ihre Mutter Kerstin ist als Alleinerziehende „ein typischer Fall“. „Das hier ist eine tolle Unterstützung“, meint sie. Derzeit macht sie eine Ausbildung zur Pflegerin, die von der Arge mitfinanziert wird. Sie freut sich schon jetzt auf ihr drittes Ausbildungsjahr. „Dann können wir endlich auf eigenen Beinen stehen“, sagt sie, während ihre Tochter noch eine Puppe samt Wagen bekommt.
Pfarrer Meurer beglückwünscht die kleine Beschenkte zum neuen Spielzeug. Er weiß aber genau: Kostenlose Lebensmittel und kleine Präsente für Hartz-IV-Familien können nicht mehr sein als Nothilfe und eine Streicheleinheit. „Das Wichtigste für den Weg aus der Armut bleiben Bildung und Beruf.“







