Aktuelle Ausgabe
2012-20

Landpastoraltag diskutierte über neue pastorale Orte in den ländlichen Regionen

Auch künftig nahe bei den Menschen

Dorfkirche im sauerländischen Affeln: Wie kann die Pastoral in kleinen Gemeinden in Zukunft gesichert werden?Foto: Nückel

„Deutschland sucht den Mainstream – Wir gehen die Feldwege“ war der etwas provokante Titel des diesjährigen Diözesantages Landpastoral in der Katholischen Landvolkshochschule „Anton Heinen“ in Hardehausen überschrieben. Bei den Vorträgen und Diskussionen ging es um die Suche nach pastoralen Orten in ländlichen Regionen unter den Bedingungen der pastoralen Neuordnung.

von Matthias Nückel

„Die Kirche in der Mitte ist ein Traum, den die Menschen über Jahrhunderte erfahren haben“, sagt Dieter Tewes. Dieser Traum allerdings ist jetzt ausgeträumt. Und der Referent für Missionarische Dienste/mission aus dem Bistum Osnabrück stimmt die Teilnehmerinnen und Teilnehmer beim Diözesantag Landpastoral gleich auf Künftiges ein: „Ihr seid erst am Anfang. Bisher gab es keinen Veränderungsdruck. Das kommt noch.“ Andere Diözesen sind in ihrer Entwicklung hin zu größeren pastoralen Räumen – zwangsläufig – schon viel weiter.
Um sich ohne Druck Gedanken zu machen über die Pastoral auf dem Land, waren Ehrenamtliche, Hauptamtliche und Priester nach Hardehausen gekommen. Verschiedene Möglichkeiten wurden vorgestellt, wie kirchliches Leben in den Dörfern innerhalb der großen Pastoralverbünde gestaltet werden kann, wie Kirche auch in den nächsten Jahren noch nahe bei den Menschen sein kann.
Tewes erläuterte das vielversprechende Modell der „Kleinen Christlichen Gemeinschaften“, das in vielen Ländern der Welt schon praktiziert wird. „Die Missionare haben die Idee von Kirche in die Missionsgebiete mitgenommen“, blickte der Referent zurück. Das habe jedoch nicht funktioniert, weil es zu wenig Priester gab. Deshalb waren Außenstationen nötig. „Es gab Pfarreien, die 50, 60 oder 70 Außenstationen hatten“, so Tewes.
Zunächst wurden Katechisten eingesetzt, die für alles zuständig waren. Das habe zwei Nachteile gehabt, berichtete Tewes: einerseits hätten die Menschen nicht mehr zwischen Priester und Katechist unterschieden; andererseits sei eine Versorgungsmentalität entstanden.
Eine Rückbesinnung auf das Konzil brachte die Wende. Denn das Konzil sagte, dass alle Menschen Kirche seien und die Grunddienste in der Gemeinde umsetzen sollen.
Einige Grundprinzipien der Kleinen Christlichen Gemeinschaften sind, dass das Volk Gottes Träger von Kirche ist, dass Priester, Hauptamtliche und Laien gemeinsam am Aufbau des Reiches Gottes arbeiten, dass jeder berufen und befähigt ist, Aufgaben in der Kirche zu übernehmen und dass Entscheidungen im Konsens gefällt werden.
„Wir müssen das Kirchesein mit den Menschen entwickeln und dann sehen, welche Strukturen bei uns passend sind“, betonte Tewes. Die Strukturen könnten dann im Sauerland zum Beispiel anders sein als in Minden. „Dieser Umbau ist ein spiritueller Prozess“, sagte der Referent. „Nur mit Strukturen und Organisation wird es nicht laufen.“
Spiritualität ist denn auch für die „Charismatische Erneuerung“ (CE) besonders wichtig, die ihre Arbeit ebenfalls präsentierte. „Ein neuer geistlicher Aufbruch, eine neue Gottesbeziehung und ein persönliches Pfingsten“ stünden im Mittelpunkt der CE, erläuterte Werner Nolte aus Marsberg-Meerhof. Nolte, der auch zum Leitungsteam der CE Deutschland gehört, merkte kritisch an, dass die Dörfer „vereinskirchlich“ geprägt seien. Man komme ohne bewusste Entscheidung in die Kirche. „Wir müssen jedoch hin zur Entscheidungskirche kommen“, betont er. „wir müssen mutig werden. Denn auch die katholische Kirche ist Missionsgebiet.“
Die Vorstellung Noltes liegt nicht weit entfernt von den Kleinen Christlichen Gemeinschaften. Die Menschen müssten sich in Gruppen zusammenfinden, die mehr wollten als nur die „Grundversorgung“. Dies müsse nicht die CE ein, sondern es könnten auch andere Zirkel sein, die ein intensives christliches Leben führten.
Über Möglichkeiten der „selbstversorgenden Gemeinde“ (Tewes) wurde auch in den anderen Arbeitsgruppen diskutiert. So ging es um die Neu-Verankerung der Caritas in der Gemeinde, die Brigitte Badke aus dem Dekanat Büren-Delbrück vorstellte, und um die Junge Kirche auf dem Land, die Bernadette Klens am Beispiel des Pastoralverbundes Esloher Land präsentierte.
Bei allen positiven Beispielen für Aufbrüche wurde jedoch auch die Stimmung in den Gemeinden vor Ort nicht unter den Tisch gekehrt. „Die Leute haben Angst, dass ihnen alles genommen wird“, brachte es ein Gemeindereferent auf den Punkt. Er riet deshalb, beim Umbau der Pas­toral die bestehenden Strukturen, zum Beipiel kfd oder Landjugend, zu nutzen.
Positive Erfahrungen in ein neues Gesamtkonzept einzubringen, war denn auch einer der Punkte, der am Ende genannt wurde, als es darum ging, Ziele für die künftige Arbeit mit in die Gemeinde zu nehmen. Über die Caritas vor Ort pastorale Räume schaffen oder die Schule als pastoralen Ort zu sehen, waren weitere Ansätze. Den Glauben bezeugen und lebendige Zellen auch ohne Priester zu schaffen, wurde betont.
Die Schaffung der neuen pastoralen Räume auf dem Land ist noch ein weiter und steiniger Weg. Um ihn gemeinsam zu gehen, darin waren sich alle einig, ist die Pflege des kollektiven Miteinanders von Haupt- und Ehrenamtlichen notwendig.
Dabei komme es auch darauf an, dass die Ehrenamtlichen für ihre Arbeit Anerkennung erhalten, betonte Albert Herrenknecht, der den Landpastoraltag mit einem Referat über „Kirche im Regionalen Dorf“ eröffnet hatte. „Die Ehrenamtlichen lechzen nach Anerkennung“, stellte er fest. Und diese sei nötig, weil viele Frauen und Männer Zeit und auch Geld opferten.
Dass bei allem, was man plant, das Ziel klar vor Augen sein muss, darauf wies der Geistliche Rektor der Landvolkshochschule, Dr. Konrad Schmidt beim Abschlussgottesdienst der Tagung hin: „Ohne Ziel landet man todsicher da, wohin man nicht wollte.“


20.05.2012
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