Aktuelle Ausgabe
2012-20

Vom Umgang mit Teufelsautreibungen

Befreiung und Heilung

Austreibung der Dämonen, Elfenbeintafel aus Mailand, um 970.

Köln. Für Hermann Winter (Name geändert) ist eines klar: „Jesus hat Dämonen ausgetrieben, und er hat seine Jünger beauftragt, das gleiche zu tun.“ Schon in der frühen Kirche gab es deshalb das Amt des Exorzisten. Auch viele Heilige trieben unreine Geister aus. Von dieser Tradition könne sich die Kirche nicht einfach verabschieden, sagt der Priester, der im Auftrag seines Bischofs als Exorzist wirkt. Seinen Namen möchte er nicht nennen. „Sonst steht das Telefon bei mir nicht mehr still.“

von Susanne Haverkamp


Anfragen hat er sowieso genug. „Aus ganz Deutschland“, wie er sagt, denn längst nicht jedes Bistum kommt dem Wunsch des Papstes nach, einen Exorzisten zu ernennen. Vielleicht, weil in Deutschland die „Besessenheit“ durch diverse Filme und Veröffentlichungen einen zweifelhaften Ruf hat. „Wir reden lieber von Befreiung“, sagt Hermann Winter. Von Befreiung und von Heilung, denn um genau darum geht es: Kranke, die vom Bösen innerlich aufgefressen werden, zu heilen. So wie Jesus es getan hat.

Aber so leicht und schnell wie bei Jesus geht es nicht. „Exorzismus ist kein Sakrament, das objektiv wirkt“, sagt Winter. „Ich sage allen, die zu mir kommen: Sie müssen mitmachen, Sie müssen wollen, dass das Böse weicht.“ Zumal es nicht einfach ist, zu entscheiden: Handelt es sich um eine einfache psychische Störung oder um Besessenheit? Kriterien dafür gibt es schon, nur ist es schwierig, sie eindeutig zu bewerten. „Wie reagiert jemand, wenn ich ihm das Kreuz zeige? Wenn er es gleich in die Hand nimmt oder gar küsst, ist er oder sie sicher nicht besessen.“ Überhaupt ist es die „Unterscheidung der Geister“, die das Amt des Exorzisten so schwierig macht. Deshalb besteht seine eigentliche Aufgabe nicht nur darin, den Exorzismus durchzuführen; „das kommt ganz selten vor“. Vor allem ist er so etwas wie ein „religiöser Therapeut“, einer der Gott zutraut, die inneren Verknotungen eines Menschen, die teuflischen Verstrickungen zu heilen.

„Fast alle, die zu mir kommen, haben Psychiatrie-Erfahrung“, erzählt Hermann Winter. In langen Gesprächen versucht er aus seiner Sicht des Glaubens, der Störung auf den Grund zu kommen. Dabei sucht er auch das Gespräch mit behandelnden Ärzten und Therapeuten. „Ich habe dort eine große Offenheit erlebt“, sagt der Priester. Die meisten seien keine „säkularisierten Flachhälse“, sondern offen für die Möglichkeiten, die Religion und Glaube bieten. „Ich bete oft mit den Menschen“, sagt Winter. „Wie in einer Litanei beten wir: Herr, befreie mich.“ Schon das kann helfen. Befreiung habe aber auch mit Umkehr zu tun. „Von fast allen kann ich sagen: Sie haben Schuld auf sich geladen.“ Soll heißen: Sie haben sich mit dem Bösen eingelassen, „und das hat Folgen“.

Hermann Winter hat einige Ursachen ausgemacht, die zur Verstrickung mit dem Bösen führen. Dazu gehören gewisse fernöstlichen Meditationsformen, aber auch Esoterik, Pendeln und Wahrsagerei. „Es ist ein seltsames Phänomen“, sagt der Theologe und zitiert Papst Benedikt: „In einer westlich-rationalen Welt, wo Affekte und Emotionalität immer weniger bedeuten, kommt eine neue Irrationalität auf.“ Diese bricht sich Bahn in obskuren Formen der Weltanschauung. An der Spitze dieser Formen steht der Satanismus, mit dessen Folgen Winter auch schon Erfahrungen gemacht hat. „Immer mehr junge Menschen lassen sich in Gruppen und Ritualen bewusst auf das Böse ein“, sagt er. Zuerst sei es vielleicht nur Neugier oder die Lust am Besonderen. Doch dann kämen sie nicht mehr raus aus der Verstrickung. „Die Ernsthaftigkeit dieser Praktiken erschließt sich erst, wenn es zu spät ist.“ Wenn die Menschen völlig in sich verkehrt sind, wenn sie nicht mehr über ihren Alltag bestimmen können, wenn sie keine Perspektive mehr haben und an Selbstmord denken. Da kann ihnen erst einmal nur ein Arzt oder Psychotherapeut helfen.

Der Weg zum Exorzisten ist nicht selten so etwas wie die letzte Hoffnung. Doch die fordert einiges. „Wer sich mit dem Bösen eingelassen hat, muss umkehren wollen“, sagt Winter. Deshalb gehören Gebet, Gottesdienstbesuch, Buße und Beichte unabdingbar hinzu. Wer glaubt, ein Exorzist spreche ein paar Gebete und schon fährt der Teufel aus und alles ist gut, der irrt. „Das ist ein langer Weg in vielen Wellen, der auch schon mal zwei oder drei Jahre dauern kann.“ Und an dem eine Station der „große Exorzismus“ sein kann, dessen offizieller Ritus bislang nur in lateinischer Sprache vorliegt.

Im Herbst haben die deutschen Bischöfe eine Übersetzung angenommen, die demnächst zusammen mit einer Erläuterung veröffentlicht werden soll. Das Ritual hat die Form eines Wortgottesdienstes und wird in einer Kirche oder Kapelle durchgeführt. Glaubensbekenntnis, Allerheiligen-Litanei und Bibellesung gehören genauso dazu wie Zeichenhandlungen, die die Bitte um Befreiung herausstellen: Handauflegung, Besprengung mit Weihwasser, die Berührung mit Reliquien. Das große Exorzismus-Gebet, der Mittelpunkt der Feier, gibt es in zwei Formen: als Bitte an Gott und als Befehlstext, in dem der Satan direkt angesprochen wird. „Genauso hat Jesus es getan“, betont Winter. „Schweig und verlasse ihn“, schreit Jesus den unreinen Geist im Evangelium an. „Und der unreine Geist zerrte den Mann hin und her und verließ ihn mit lauten Geschrei.“ All das kennt Hermann Winter auch: Lautes Geschrei, böse Worte, Gezerre. Aber er glaubt fest an die Hilfe Gottes – wenn die Kranken mithelfen. „Wenn der Einzelne intensiv einen Erneuerungskurs will und auch Zeichen setzt, dann spüre ich ganz deutlich eine Erleichterung und Schritte zur Heilung.“ Eine Heilung, die die medizinische Psychiatrie so nicht geben kann.


20.05.2012
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