Aktuelle Ausgabe
2012-20

Inseln der Hoffnung in Moldawien, dem Armenhaus Europas

„Bei uns landen die Vergessenen“

Moldawien gilt als das ärmste Land Europas. Der kleine Staat zwischen Europa und der Ukraine erwirtschaftete im Jahr 2009 ein Bruttosozialprodukt von nicht einmal 2000 Euro pro Kopf. Auch zwei Jahrzehnte nach dem Sturz des Kommunismus trifft man auf große Armut, Elend und Verzweiflung. Unter dem Leitwort „Alle sollen eins sein (Joh 17,21) – Miteinander handeln im Osten Europas“ ruft Renovabis zu Pfingsten 2010 zur Solidarität mit Not leidenden Menschen im Osten Europas auf und stellt Moldawien dabei in den Mittelpunkt der Aktion. 

Text: Rolf Bauerdick 

Fotos: R. Bauerdick und KNA 

Im Schneckentempo quält sich Martha mit ihren Krücken vorwärts. Alle paar Schritte hält sie inne, ringt nach Atem, während der Verkehr an ihr vorbeirauscht. Zwei Stunden kostet sie der Weg in das „Casa Providentei“. Und das jeden Tag. „Ich muss hierher kommen“, sagt sie. „Hier spüre ich, dass ich noch lebe. Meine Kinder haben mich schon lange nicht mehr besucht.“ Und warum? „Weil sich das Leben geändert hat. Heute denkt jeder zuerst an sich.“ Martha ergeht es wie allen im „Haus der Fürsorge“. Valentina etwa, die stundenlang vor dem Fernseher sitzt und sich mit Liebesromanzen in eine heile Welt träumt. 

Oder die geistig zurückgebliebene Dominca, die sich beim „Mensch-ärgere-dich-nicht“ nie aus der Ruhe bringen lässt, da sie den Unterschied zwischen Gewinnen und Verlieren nicht versteht. Oder die Pensionärin Nadescha. Sie war Lehrerin in kommunistischer Zeit. Heute kritzelt sie Papierschnipsel mit Notizen voll, deren Sinn außer ihr selbst niemand versteht. Oder Grigoriu, Ion und Simeon, die unentwegt Domino-Steine legen – glücklich für einige Stunden der Einsamkeit ihres Alltags zu entfliehen. 

In dem „Casa Providentei“, dem katholischen Sozialzentrum in der moldawischen Hauptstadt Chisinau, finden Alte und Obdachlose Hilfe und Fürsorge. Während die Jüngsten in dem neuen Kindergarten Schutz und Geborgenheit erleben, werden Schulkinder bei den Hausaufgaben betreut. Die Jungen und Mädchen, die nachmittags in dem Speisesaal Schlange stehen, erhalten erst jetzt die erste Mahlzeit des Tages. „Im Land herrscht ein Materialismus des Überlebens“, klagt die Sozialarbeiterin Rodica Negura. „Bei uns landen die Vergessenen – Menschen, die in der neuen Zeit niemand will.“ 

Die neue Zeit begann 1991, als die Republik Moldau ihre Unabhängigkeit von der Sowjetunion erklärte. Seitdem verkümmert das Land in einer Grauzone zwischen Ost und West und erwirtschaftete 2009 nicht einmal 2000 Euro an Bruttosozialprodukt pro Kopf und pro Jahr. Immer weniger Menschen wollen in dem Armenhaus jenseits der Ostgrenze des EU-Staates Rumänien leben. Eine Million Moldawier, jeder vierte Erwachsene, arbeitet heute in der Europäischen Union oder in Russland. Die sozialen Folgen der Emigration sind verheerend. Die Familien brechen auseinander. Die Alten verkümmern in Einsamkeit, während eine ganze Generation von Kindern im Stich gelassen wird. In dem Verwaltungsbezirk Dubasari etwa leben 45000 Einwohner. „Darunter etwa zehn- bis elftausend Kinder, die elternlos oder nur mit Vater oder Mutter aufwachsen“, weiß Larisa Breducean. Als örtliche Generaldirektorin für Erziehung fürchtet sie: „Ein Ende dieser Entwicklung ist nicht in Sicht. Es geht weiter nach unten.“ 

„Titanic“, so haben die Bewohner von Stauceni, einem Vorort von Chisinau, einen der grauen Wohnblocks in der Strada Florilor, der Blumenstraße, getauft. Hinter jeder der 78 nummerierten Türen auf den stockdüsteren Fluren spielt sich ein Drama ab aus Alkohol und Verwahrlosung, aus Gewalt, Geschrei und Tränen. 

Im Erdgeschoss leben Valerie Petrovitsch und seine Frau Elisabeth. Das winzige Zimmer mit den verschimmelten Wänden ist eine Stätte des Elends und der Entwurzelung. Hier, zwischen überquellenden Aschenbechern und leeren Wodkaflaschen, wohnten auch die Kinder der Familie Petrovitsch. Bis die Behörden die vier Geschwister im Alter von fünf bis zwölf Jahren letzten Herbst in ein Heim steckten. Ihrer alkoholkranken Mutter wurde die Arbeitsstelle in einer Molkerei gekündigt, Valerie verlor eine halbe Hand, weil einem Kollegen auf einer illegalen Baustelle eine Motorsäge ausrutschte. Nun ist der 30-Jährige Invalide, ohne Anspruch auf staatliche Hilfe. Denn wie die meisten Gelegenheitsarbeiter war Valerie Petrovitsch schwarz beschäftigt, ohne Kranken- und Unfallversicherung. 

Doch es gibt auch Lichtblicke im Elend. Svetlana Gheorghiu ist die gute Seele auf der „Titanic“. Sie ist 48 Jahre alt, katholisch, umwerfend herzlich und äußerst resolut. Als Hausmeisterin, die ihre Arbeit freiwillig verrichtet, kennt Svetlana jeden der 200 Titanic-Mieter. „Mir kann keiner was vormachen“, sagt sie. Inga nicht, die glauben machen will, ihr blaues Auge stamme nicht von dem prügelnden Ehemann, sondern von einem Treppensturz. Und auch der Trinker Vladimir nicht, der einer Nachbarin das komplette Geschirr klaute und auf dem Markt verkaufte. „Mit eigenem Geld“, so Svetlana, „habe ich jeden Teller zurückgekauft. Und dem Vladi, dem habe ich ein paar Ohrfeigen verpasst.“

Svetlana hilft, schlichtet Streit, verteilt hin und wieder „ein wenig Dresche“ und kämpft bei den Behörden dafür, dass die „Titanic“ ein dichtes Dach und eine funktionierende Kanalisation erhält. Und sie kümmert sich liebevoll um ihren zwölfjährigen Sohn, den aufgeweckten Jecko, der mit all seiner Lebensfreunde vergessen lässt, dass er mit Down-Syndrom geboren wurde. Erfolgreich wehrt sich Svetlana dagegen, dass ihrer Familie das Umfeld der Verwahrlosung nicht zur inneren Heimat wird. Keine Wohnung auf der „Titanic“ strahlt solche Reinlichkeit aus wie die von Familie Gheorghiu. 

Nur jede fünfte Familie im Wohnblock „Titanic“ hat Arbeit. Weil sie die Rechnungen nicht bezahlten, haben die staatlichen Versorgungswerke vielen Bewohnern Heizung, Wasser und Strom abgestellt. Diese Zwangsmaßnahme steht auch der Familie Titcu bevor. Es sei denn, Priester Klaus Kniffki hilft. Was der Steyler Missionar in den meisten Fällen tut. Die Sozialstation, den Behindertenkindergarten, den auch Svetlanas Sohn Jecko besucht, das Obdachlosenasyl und die Suppenküche für die Bedürftigen verdanken die Bewohner von Stauceni dem rührigen Ordensmann. Verschämt bittet Lidia Titcu um einen Vorschuss auf die zwanzig Euro, mit denen Pater Klaus bedürftige Familien monatlich unterstützt. „Wenn ich nicht sofort die Schulden für Licht bezahle“, so die neunfache Mutter, „schneiden sie uns den Strom ab.“ 

Zwei schäbige Zimmer. Eine schmuddelige Küche mit einem defekten, leeren Kühlschrank. Und viel zu viele Menschen auf viel zu engem Raum. Die Familie Titcu zählt achtzehn Personen und genau so viele Tragödien. Auch die 26-jährige Aurica lebt wieder bei ihren Eltern und Geschwistern. Als Witwe mit drei Kindern. „Hätte mein Mann seine Medikamente nicht für Zigaretten und Wodka verkauft, würde er noch leben.“ Stattdessen starb Auricas Ehemann an einer Krankheit, an der die ganze Familie leidet: Lungentuberkulose. Obwohl auch der kleine Nicolai der Schwindsucht erlag und obwohl die Medikamente kostenlos ausgegeben werden, kann sich Lidia Titcu nicht aufraffen, mit ihren Kindern zum Arzt zu gehen. „Morgen“, verspricht sie, „morgen gehe ich ganz bestimmt ins Spital.“ Aber das sagt sie immer. „Manche Familien muss man an die Hand nehmen“, weiß Pater Klaus, „sonst gehen sie in ihrem Elend unter.“ 

Aber er weiß auch, die Möglichkeiten der katholischen Kirche sind begrenzt. Unter den 4,5 Millionen Moldawiern, die fast ausschließlich der orthodoxen Konfession angehören, bilden die 20000 Katholiken eine kleine Minderheit. Dennoch will Klaus Kniffki „in einer entsolidarisierten Gesellschaft, in der nur noch das materielle Fortkommen zählt“ mehr setzen als bloße Zeichen. Ebenso wie der Salesianer Sergio Bergamin oder Edgar Vulpe, der Direktor des Sozialzentrums „Casa Providentei“ in Chisinau: „Die Kirche muss für die Bedürftigen da sein, ohne Ansehen von Glaube und Konfession“, so Vulpe. „Unsere Aufgabe ist es, Inseln der Menschlichkeit zu schaffen.“ 

Hier setzt die Hilfe von Renovabis, der Solidaritätsaktion der deutschen Katholiken mit den Menschen in Mittel- und Osteuropa, an. Etwa in Muncesti. Das Viertel am Stadtrand von Chisinau ist keine gute Adresse. Doch zwischen den Ruinen stillgelegter Fabriken erblüht neuerdings in einem Don Bosco-Zentrum eine solche Insel der Zuversicht. Straßenkinder finden hier ein liebevolles Zuhause. Jugendliche ohne Chance auf eine Ausbildung können sich als Elektriker, Klempner oder Computerfachmann qualifizieren. „Gottlob“, so Pater Sergio, „bekundet der moldawische Staat allmählich ein echtes Interesse an unserer Sozialarbeit.“ Auch Renovabis unterstützt die Berufsausbildung junger Menschen und hat beim Ausbau und bei der Ausstattung des Kinderheims der Salesianer geholfen. Ebenso wie beim Betrieb des „Casa Providentei“, dem „Haus der Fürsorge“. 

Und wenn in dem Städtchen Orhei eine wunderschöne neugotische Kirche, die einzige, die in Moldawien den Kommunismus überlebt hat, in neuem Glanz erstrahlt, dann ist das keineswegs die Restauration eines musealen Relikts.

Für den Steyler Missionar Klaus Kniffki, der außer der Gemeinde in Stauceni auch die Pfarrei in Orhei leitet, entsteht hier eine „kleine aber lebendige Gemeinde gegen die geistliche und seelische Verwahrlosun

 

 


Pater Klaus Kniffki kümmert sich in seiner Einrichtung „Cultum“ in Stauceni um behinderte Kinder.



20.05.2012
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