Den Menschen Jesus neu entdecken
Betlehem früher als New York gekannt
Die Szene des ungläubigen Thomas im heutigen Evangelium ist legendär. Jesus wirft ihm quasi vor, dass er nur glaubt, weil er gesehen habe. Selig jedoch seien die, die glauben würden, selbst ohne zu sehen. Doch was ist in der heutigen Situation? Glauben diejenigen, die die Stätten Jesu heute sehen? Dr. Georg Röwekamp, Geschäftsführer von „Biblische Reisen“, erzählt im Interview vom „Be-Greifen“ des Glaubens bei Pilgerfahrten ins Heilige Land.
von Michael Kinnen
Dr. Röwekamp, seit 1993 begleiten Sie Pilgergruppen ins Heilige Land. Was suchen Pilger und Touristen an den „Originalstätten“?
Das ist sehr unterschiedlich. Die einen möchten zunächst einmal eine gewisse Neugier befriedigen: Wie sehen die Orte aus, an denen Jesus gelebt hat? Andere erwarten, dadurch die biblischen Geschichten besser zu verstehen. Und zumindest unausgesprochen hoffen auch viele, dort Jesus und Gott näher zu sein.
Ist man Gott denn näher an den Originalstätten?
Der heilige Hieronymus hat einmal an einen Mann geschrieben, der plante ins Heilige Land zu reisen: „Der Himmel steht vor Britannien genauso offen wie in Jerusalem“ – aber er schrieb es aus seiner Wahlheimat Betlehem! Das heißt: Man kann Gott überall nahe sein – aber es gibt Orte, die dabei helfen können, offen zu werden für diese Nähe.
Welche Stätten sind besonders beliebt als „Originalorte“?
Die klassischen Pilgerorte waren und sind Betlehem, Nazaret, der See Gennesaret und Jerusalem. Sie dürfen in keinem Programm fehlen.
Warum gerade diese?
Es sind Orte, deren Namen wir von Kindheit an kennen. Wir haben früher von Betlehem und Kafarnaum gehört als von Paris und New York. Dabei ist übrigens Galiläa für die Menschen oft noch eindrücklicher als Jerusalem, denn dort sind die Erinnerungsstätten nicht vollständig mit Kirchen und anderen Gebäuden überbaut. Uns hilft wohl die Atmosphäre einer Landschaft eher den Abstand zum „Damals“ zu überbrücken als ein, manchmal auch als kitschig empfundener, Kirchenraum. Wenn Sie in der Osterzeit vom Berg der Bergpredigt auf den See von Galiläa blicken, verstehen Sie sofort, was die Bibelwissenschaftler mit „galiläischem Frühling“ meinen … Ähnlich ist es in der Wüste.
Wie reagieren Menschen, die zum ersten Mal an solche Orte kommen?
Deutschen liegen südländische Formen wie Küssen von Steinen und Bildern nicht. Dennoch ermutige ich an manchen Stellen zu Berührungen, und ohne einen Stein von irgendeinem der Orte geht kaum jemand nach Hause …
Gab es schon „Bekehrungserlebnisse“, die Sie bei Teilnehmern erlebt haben?
Bekehrung würde ich das nicht nennen. Aber viele Menschen sind tief berührt, weil sie durch die räumliche Nähe auch die zeitliche Distanz überspringen und den Menschen Jesus neu entdecken, der wirklich dort gelebt hat.
Und was ist mit denen, die „sehen – und doch nicht glauben“?
Das Sehen der Orte allein kann überhaupt keinen Glauben begründen. Die Orte zwingen ebenso wenig zum Glauben wie die Berichte der Jünger über den Auferstandenen. Aber sie können zum Nachforschen verführen. Und manchmal führt dieses Eintauchen in die Fragen auch zu tieferen Einsichten.
Wenn sich aber durch die Forschung herausstellt, dass ein zentraler Pilgerort aus einer anderen Zeit datiert oder nichts mit der biblischen Geschichte zu tun hat: Kann das den Glauben erschüttern?
Wenn ich Gruppen in Jericho erzähle, dass die Stadt schon zerstört war, als die Israeliten kamen, ist das für viele schon befremdlich. Noch schwieriger wird es, wenn es zum Beispiel um den Geburtsort Jesu geht. Manchmal bricht dann die Welt des kindlichen Glaubens zusammen. Die Aufgabe aber auch die Chance einer Reise zu diesen Orten ist es dann, diese Leute Schritt für Schritt zu einer „erwachsenen“ Religiosität zu führen. So können sie die andere Art von Wahrheit in biblischen Geschichten entdecken, dass die Texte über die Kämpfe in Jericho auch auf innere Kämpfe in uns gedeutet werden können, und dass die Frage, ob Christus in mir geboren wird, wichtiger ist, als die Frage nach dem historischen Geburtsort.
Was bedeutet für Sie persönlich nach vielen Jahren der Besuch der „heiligen Stätten“ in Israel und Palästina? Was hat sich verändert in Ihrem Blick, in Ihrem Glauben?
Ich habe zum einen entdeckt, wie viele Geschichten des Neuen Testaments einen alttestamentlich-jüdischen Hintergrund haben. Dadurch verstehe ich sie viel besser. Und ich entdecke immer wieder, dass unser Glaube nicht vom Himmel gefallen ist. Seine Verortung in diesem Land und seine geschichtliche Entwicklung machen ihn mir viel verständlicher.
Paradoxerweise habe ich gerade dabei entdeckt, dass Glaube und Wissenschaft keine Gegensätze sein müssen.
Kann man in Israel/Palästina Glauben (besser) lernen als an anderen Orten?
Wer bereit ist, sich auf einen Glaubensweg zu machen, der auch neue Fragen aufwirft, für den ist es zumindest ein guter Ausgangspunkt, dass er „in Berührung“ mit diesem Land kommt, das man ja auch schon das „fünfte Evangelium“ genannt hat.







