Aktuelle Ausgabe
2012-20

Münchner Traditionen und Attraktionen für Kichentagsgäste

Bier vom Kloster und Weißwurst im Ewigen Licht

Was haben zwei weltberühmte Münchner Spezialitäten damit zu tun, dass die bayerische Landeshauptstadt seit jeher ein ziemlich katholisches Pflaster ist? Wer sich im Vorfeld des Ökumenischen Kirchentags (ÖKT) ein Bild von München machen will, der kommt am Bier und an der Weißwurst kaum vorbei. Unpassend ist das nicht: Schließlich brauten erst katholische Mönche das Bier so gut, dass die Bürger in Scharen zu den Klöstern kamen. 

Text: Carola Renzikowski

Fotos: Katharina Ebel 

Und die Münchner Weißwurst? Aus der Not heraus erfunden wurde sie ausgerechnet in einer Wirtschaft mit den Namen „Zum ewigen Licht“.

Offensichtlich hatten 1857 die Ratsherren beim Frühschoppen zwei Tage vor Beginn der Fastenzeit so viel Appetit, dass dem Wirt und Metzger die Därme für seine Münchner Stadtwürste ausgingen. So füllte er das vorbereitete Brät einfach in Schweinedärme und brühte sie. Kurze Zeit später stellte er seinen Gästen den Nachschub in dampfenden Schüsseln auf den Tisch. „Ah, Weißwürscht!“ sollen die nach den ersten Bissen selig geseufzt haben. 

Noch heute werden die sehr salzhaltigen und deshalb hellen Zipfel in Terrinen mit heißem Wasser an historischer Stätte am Marienplatz von den Kellnern serviert. 

„Original Münchner Weißwurst nach dem Rezept vom Moser Sepp“ steht auf der Speisekarte vom Restaurant-Café, das mit dem „Ewigen Licht“ weiter kokettiert. Allerdings: Einen religiösen Grund hatte der Name der ursprünglichen Kneipe nicht wirklich: Zwischen zwei Hauseingängen gelegen und vom damaligen Laubengang zum Schattendasein gezwungen, musste die dunkle Wirtsstube auch tagsüber künstlich beleuchtet werden. 

Vornehmlich Touristen lassen sich die traditionelle Spezialität heute an den Außen-Tischen mit Blick aufs Rathaus schmecken. Wobei zwei Göttinger für eine kurze Einweisung zum Essen dankbar gewesen wären: Nächstes Mal jedenfalls werden sie die Wurst wohl ohne die Haut essen. 

Auf dem ÖKT selber ist übrigens Bier tabu. Darauf haben sich die Veranstalter geeinigt. Anders denkt da Günter Steinberg: „Wenn es zu Bibelzeiten schon Bier gegeben hätte, wäre das sicher erwähnt worden.“ Der Wirt vom Hofbräukeller und größten Zelt auf dem Oktoberfest bezeichnet sich selbst als religiösen Menschen. Deshalb mahnt er auch zu einem maßvollen Trinken, stellt aber andererseits klar: „Bier ist ja schon mal ein Lebensmittel und kein alkoholisches Getränk.“ Das haben die ersten Mönche herausgefunden, die bekanntlich der Stadt den Namen gaben. Heißt doch München nicht anderes als „Bei den Mönchen“. 

Wohl vor allem aus Unzufriedenheit über das bei ihnen abgelieferte dünne und mit Honig versetzte Bier der privaten Brauereien, begannen Augustiner-Mönche 1328 damit, eigenes Bier zu brauen. Das wurde Dank besserer Zutaten aus eigenem Anbau und einem zunehmend wissenschaftlich betriebenen Brauverfahren wesentlich würziger im Geschmack und auch nahrhafter. Weil einer alten Ordensregel zufolge „Flüssiges das Fasten nicht bricht“ wurde das Bier schnell zur Ersatznahrung. 

Gleich drei Bettelorden – die Augustiner, Franziskaner und Paulaner – tragen Mitschuld, dass den Münchnern das Bier so lieb wurde. Denn das Bier, dass die Mönche nicht nur zum Eigenbedarf brauten, sondern öffentlich ausschenkten, schmeckte einfach besser – zum Ärger der bürgerlichen Brauereien. Das bekannte Salvatorbier der Paulaner etwa brauten die Mönche zum Gedenktag an den Ordensgründer, dem heiligen Franz von Paula. Mit dem Starkbieranstich am 2. April begann jährlich eine Festwoche mit Messen und Ablässen – und dem Bier. 

Um das offizielle Schankrecht zu umgehen, dass dem Orden erst 1780 erteilt wurde, „bestach“ Braumeister Bruder Barnabas bis dahin jährlich den jeweiligen Regenten, indem dieser die erste Maß von ihm erhielt. Beim Politiker-Derblecken auf dem Nockherberg gehört der Fastenprediger Bruder Barnabas noch immer dazu. 

Dass die Klöster später säkularisiert wurden, hat der Qualität des Bieres nichts mehr anhaben können. Wohl aber dem Preis: Beim Bieraufstand von 1844 etwa demolierten aufgebrachte Bürger tagelang die Brauereien der Stadt, weil der Preis fürs flüssige Brot heraufgesetzt worden war. Und heute? So wertvoll finden die Hauptstädter ihr Bier, dass sie allein in den vergangenen 20 Jahren eine Preissteigerung von knapp 60 Prozent pro Wiesn-Maß schluckten. Dort ist es zwar noch teurer als in den Biergärten, aber auch unter den charakteristischen Kastanienbäumen schäumen die einen oder anderen Gäste ob der hohen Preise. 

Übrigens: Die großblättrigen Laubbäume der meisten Münchner Biergärten wurden vor rund 200 Jahren nicht als Schattenspender für die Biergartengäste gepflanzt, sondern für die darunter liegenden Keller. Denn im Sommer durfte kein Bier gebraut werden. Um den Vorrat für die heißen Monate trotzdem kühl zu lagern, bauten die Brauereien ihre Lager in die Erde. Einer der ältesten Biergärten in München ist der Augustinerkeller in der Nähe vom Hauptbahnhof. Hier wie in den anderen wurde das frische Bier auch ausgeschenkt und dazu Essen gereicht – worauf sich die Wirte der Stadt beschwerten, dass ihnen die Gäste wegblieben. König Ludwig I. schließlich verbot den Verkauf von Essen und Trinken in den Biergärten. 

So pilgerten die Massen zwischen April und Oktober mit Brotzeitkörben zu den schattigen Schänken, weil dort das Bier kühler war als bei den Wirten in den Gasthäusern. Dabei konnten sie bis 1881 im Augustinerkeller dem „Bierochsen“ zuschauen, der gemächlich seine Runden drehte, um das Sommerbier mit einer Winde ans Tageslicht zu befördern. Die eigene Brotzeit mitzubringen, ist mit wenigen Ausnahmen auch heute in allen Biergärten erlaubt. Sie haben sich allerdings zu Selbstbedienungsgärten entwickelt. Manchmal schließt das auch das Krüge-Waschen mit ein.

Info 

Das Programmheft umfasst genau 720 Seiten mit rund 3000 Veranstaltungen: Wer vom 12. bis 16. Mai am Zweiten Ökumenischen Kirchentag (ÖKT) teilnimmt, hat die Qual der Wahl. Unter dem Leitwort „Damit ihr Hoffnung habt“ rücken die Veranstalter den gemeinsamen Auftrag der Christen zur Gestaltung von Welt und Gesellschaft in den Vordergrund.  

Große Themen sind etwa der Einsatz von militärischer Gewalt und Menschenrechte, Globalisierung und Entwicklung, Verantwortung der Wirtschaft und die soziale Ordnung sowie der demografische Wandel. Ein eigener Bereich befasst sich mit dem Christsein in der pluralen Gesellschaft – es geht um den Dialog mit „religiös Unmusikalischen“ sowie die wachsende Vielfalt der Weltanschauungen.  

Kurzfristig ins Programm gehoben wurden Veranstaltungen zum Thema Nummer eins der vergangenen Monate: zu sexueller Gewalt. So kommt die neu ernannte Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Christine Bergmann, nach München. Der Rektor des Berliner Canisius-Kollegs, Pater Klaus Mertes, der den bundesweiten Skandal ins Rollen brachte, wird ebenso Stellung beziehen wie der Missbrauchsbeauftragte der Deutschen Bischofskonferenz, Bischof Stephan Ackermann. 

Auch Daheimgebliebene brauchen übrigens auf Eindrücke von dem Glaubenstreffen nicht zu verzichten. So ist unter www.oekt-radio.de ein Radioprogramm rund um die Uhr zu empfangen. 

 


20.05.2012
Impressum | Kontakt
4002