Lehrer versucht, Schülern ohne Vorurteile gerecht zu werden
Bloß nicht urteilen
„Eigentlich wollte ich gar kein Lehrer werden“, sagt Thomas Polewsky mit Überzeugung. Das kommt plötzlich und unerwartet. Denn wenn er erzählt aus seinem Lehreralltag, dann tut er das mit Leidenschaft, mit Leib und Seele. Seit 1974 ist der 60-Jährige Lehrer für Deutsch und Religion – heute unterrichtet er statt Religion an der kooperativen Gesamtschule in Osnabrück-Schinkel das Fach „Normen und Werte“. Unzählige Schüler haben schon in Polewskys Unterricht gesessen. Gute Schüler, schwierige Schüler, fleißige Schüler, störende Schüler. Keine einfache Aufgabe, allen gerecht zu werden.
Für Schüler, die wiederholt den Unterricht stören, gibt es an der Gesamtschule Schinkel ein besonderes System. „Wer stört, wird direkt gefragt: Möchtest du weiter mitarbeiten oder möchtest du in den Trainingsraum? Die meisten wollen bleiben“, erklärt Polewsky. Beim zweiten Stören bekommen die Schüler eine klare Ansage. „Ich sehe, du hast dich für den Trainingsraum entschieden“, sagt der Pädagoge dann. Im Trainingsraum kann der Schüler unter Anleitung sein eigenes Verhalten reflektieren.
„Der Trainingsraum ist keine moralische Sache, sondern eine rein organisatorische“, betont Thomas Polewsky. „Dieses Modell urteilt nicht, es gibt dem Störer vielmehr die Chance, sich auf seine Eigenverantwortlichkeit zu besinnen.“ Der Umgang mit störenden Schülern – für Thomas Polewsky ein rein organisatorisches Problem.
Ins Schwärmen gerät der Pädagoge, wenn er an das finnische Schulsystem denkt. „Die Lehrer dort haben auch Zeit für auffällige Schüler“, sagt er. Und beschreibt gleich das Gegenteil: „Bei uns kommt manchmal erst bei der Zeugniskonferenz heraus, was mit einem Schüler los ist. Und manchmal kann man nur ahnen, was auffällige Kinder haben“, sagt er und meint damit Krankheiten wie das Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom (ADHS). „Da ist es schwer zu entscheiden: Ist das nun Weizen oder Unkraut?“ Für Thomas Polewsky steht eindeutig fest: „Ein Urteil darüber, ob das mal ein guter Mensch wird oder nicht, steht uns nicht zu.“ Überhaupt ist der Vergleich heikel: Weizen – die guten Schüler, Unkraut – die störenden Schüler? Das findet Polewsky schwierig. Denn: „Wer entscheidet darüber, wer der Weizen und wer das Unkraut ist?“
Den chronischen Störer gebe es außerdem nur selten. „Von der fünften bis zur zehnten Klasse gibt es eine Kurve, die parallel zu den Entwicklungsschüben verläuft“, hat Polewsky festgestellt. Zu Beginn der weiterführenden Schule seien Störungen des Unterrichts noch seltener, ab der sechsten Klasse nehme das zu und in der zehnten Klasse seien Unterrichtsstörungen schon wieder weniger geworden.
„Die intellektuell überzeugenden Schüler machen auch im späteren Leben etwas Geistliches“, sagt Polewsky und meint damit eine akademische Ausbildung. Das Verhalten eines Schülers und seine Noten müssten aber nicht unbedingt etwas über den Lebenserfolg aussagen, meint er. „Es ist doch allgemein bekannt, dass Sitzenbleiber wie zum Beispiel Albert Einstein nicht unbedingt im Leben erfolglos sein müssen“, sagt er. Um gleich hinzuzufügen: „Ich komm gerade von einer Zeugniskonferenz. Zum Glück sind alle versetzt worden.“
Denn: „Dass ich systembedingt richten und urteilen muss, das fällt mir immer noch schwer“, sagt der langjährige Pädagoge Thomas Polewsky. Das hat ihn am Lehrerberuf schon immer gestört. In solchen Situationen müsse er an eine andere Stelle aus der Bibel denken, die er sich auch im Umgang mit seinen oft so unterschiedlichen Schülern immer wieder vor Augen führt: „Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“ (Matthäus 7,1).
Katharina Schmülling







