Ärztetag befasste sich mit „knappen Ressourcen in der Medizin“
Breite Debatte gefordert

- Diskutierten über ein gerechtes Gesundheitssystem: Professor Manfred Spieker (l.) aus Osnabrück und Professor Jens Atzpodien aus Münster (r.). Dr. Ulrich Polenz (M.) moderierte. Foto: Wiedenhaus
Erzbistum. Wenn es um die drängenden Fragen im Gesundheitswesen geht, stehen schnell Punkte wie „Kostenexplosion“ oder „Demografischer Wandel“ im Mittelpunkt der Diskussion. Dass sich eine verantwortungsvoll geführte Debatte um eine gerechte Verteilung medizinischer Ressourcen nicht auf wenige Schlagworte reduzieren lässt, machte der Ärztetag im Erzbistum Paderborn in der Paderborner Kaiserpfalz deutlich: Mediziner fühlen sich im Wechselspiel politischer Vorgaben und wirtschaftlicher Zwänge zunehmend alleingelassen.
von Andreas Wiedenhaus
„Die Politik verspricht, dass allen Patienten alle Leistungen gewährt werden können, der Alltag für uns Ärzte sieht anders aus!“ Auf diese Formel brachte Professor Dr. med. Dr. phil. Jens Atzpodien aus Münster in seinem Eingangsvortrag aus der Perspektive des Mediziners die Situation in vielen Krankenhäusern und Praxen. Angesichts dieses offenkundigen Dilemmas forderte Atzpodien einen breiten gesellschaftlichen Diskurs: „Die Verteilung medizinischer Güter muss transparent gemacht werden!“ Als fragwürdig bezeichnete er in diesem Zusammenhang etwa die Rolle, die dem demografischen Wandel zugewiesen werde. Die wachsende Alterung der Gesellschaft sei seiner Meinung nach nicht in dem Maße für die Kostensteigerung verantwortlich, wie es in der Öffentlichkeit häufig dargestellt werde: „Zunehmendes Alter gleich zunehmende Kosten, diese Formel greift zu kurz“, stellte Atzpodien fest. Letztlich, so der Mediziner, vermittelten alle Statistiken, weil sie mit Durchschnittswerten arbeiteten, immer nur eine „oberflächliche Sicht“. Deshalb müsse darauf auch die Grundfrage im Kontext um eine gerechte Verteilung hinauslaufen: „Die Individualität des Patienten muss weiter im Mittelpunkt der ärztlichen Anstrengungen stehen.“ Ein Kriterium dabei sei es, welcher medizinische Aufwand für zusätzliche Lebensjahre bei einer guten Lebensqualität betrieben werde.
Die sozialethischen Aspekte beleuchtete Professor Dr. Manfred Spieker aus Osnabrück. Auch er sieht die Gefahr einer reinen Kosten-Nutzen-Debatte: „Das Gerechtigkeitsproblem kann weder vom Markt noch vom Sozialstaat gelöst werden, Gesundheit richtet sich nicht nach den Regeln von Angebot und Nachfrage.“ Er stellte dabei die Probleme im Gesundheitssystem in einen größeren Zusammenhang – etwa mit der Familienpolitik: „Auch der Schutz von Ehe und Familie hat Auswirkungen.“ Ebenso müsse die Frage erlaubt sein, ob die moderne Reproduktionsmedizin zum Versorgungskatalog zählen müsse.
Gleichzeitig warnte Spieker davor, die Hoffnungen auf eine alle Probleme lösende „große Gesundheitsreform“ zu setzen: „Einen Königsweg wird es nicht geben.“ Angesichts der Tatsache, dass das Gesundheitssystem seit seiner Einführung eine „Dauerbaustelle“ sei, werde sich daran in absehbarer Zeit kaum etwas ändern. Demgegenüber bezeichnete er es als Zukunftsaufgabe für alle Beteiligten, dem Begriff Gesundheit „schärfere Konturen“ zu geben. Allzu oft werde mittlerweile der Eindruck erzeugt, Gesundheit sei ein herstellbares Produkt. Damit einhergehend gerate ein entscheidender Aspekt zunehmend in den Hintergrund: „Jeder muss sich irgendwann der Frage nach der Endlichkeit des Lebens stellen.






