Aktuelle Ausgabe
2012-20

Im Kinderrestaurant lernen Kids den Umgang mit Lebensmitteln

Chefkoch aus der dritten Klasse

Einmal im Monat wird die Aula einer Bonner Grundschule in ein Kochstudio verwandelt. 20 Kinder und ein Dutzend Ehrenamtliche zaubern dann an mobilen Herdplatten ein leckeres Menü für sich und geladene Gäste. Das macht den Kids nicht nur Spaß – sie lernen dabei ganz nebenbei auch eine ganze Menge über gesunde Lebensmittel.

Text und Fotos: Harald Oppitz (KNA)

Konzentriert sitzt Jean Chris an dem improvisierten Küchentisch mit einem Champignon in der Hand. Vorsichtig schnippelt er eine dünne Scheibe nach der anderen. Mit seinem weißen Kittel und der Kochmütze sieht der Neunjährige wie ein Profi aus – und ist doch erst in der dritten Klasse. Die Champignonscheiben gelingen ihm richtig gut: „Guck mal, wie dünn ich die hinkrieg!“ Triumphierend zeigt er einen Schnitz seiner Kameradin Denise, die auch gerade Pilze zerteilt. Es ist Samstagvormittag, die beiden sitzen freiwillig in der Schule und helfen, ein leckeres Drei-Gänge-Menü im Bonner Kinderrestaurant vorzubereiten.

Während Jean Chris und Denise in aller Seelenruhe ausprobieren, wem die dünnste Champignonscheibe gelingt, herrscht um sie herum hektisches Treiben: Das rohe Hühnerragout ist gewürzt, muss aber noch durchgeknetet werden. Der Vanillesoße für den Nachtisch fehlt die Sahne, die Petersilie für die Dips ist nicht geschnitten, und für die Tischdeko fehlen noch die Papierblumen. Und in einer Stunde kommen die Gäste – die Zeit wird knapp.

Für das Kinderrestaurant – das es in ähnlicher Form auch im sächsischen Riesa-Großenhain gibt – wird einmal im Monat die Aula der Bonner Kettelerschule kurzerhand in ein Kochstudio verwandelt. 20 Kinder und ein Dutzend Ehrenamtliche wirbeln dann durch den Raum, um an mobilen Herdplatten ein leckeres Menü für sich und ihre geladenen Gäste zu zaubern. Dabei lernen die Kinder ganz nebenbei eine Menge über gesunde Lebensmittel.

Viele der jungen Köche kommen aus kinderreichen Familien. Deshalb sei es verständlich, dass die Eltern Zuhause beim Kochen gar nicht die Möglichkeit hätten, den Kindern in aller Ruhe die Lebensmittel zu erklären, weiß Projektleiterin Antje König. „Da muss es halt schnell gehen.“ Und die Kultur der Fertiggerichte tue ihr Übriges. Vor allem an den Wochenenden, wenn auch die Eltern mal Erholung bräuchten, sei heutzutage in vielen Familien der Pizzaservice die erste Wahl. Doch ein geregeltes Koch- und Essverhalten sei gerade im Wachstum sehr wichtig. So entstand die Idee zum Kinderrestaurant. Die 20 Kinder zwischen sieben und zwölf Jahren teilen sich in drei Gruppen die Arbeiten eines Restaurants auf.

Neben dem Koch-Team kümmert sich ein Service-Team um die Gestaltung der Tische – und eine dritte Gruppe darf als „Gäste“ am Vormittag einen Ausflug machen und sich dann beim Essen bedienen lassen. Und so kommt jeder reihum mal in den Genuss eines Besuchs auf dem Lernbauernhof, jeder darf mal die Speisen und Getränke servieren – und jeder kann mal Schnitzel panieren.

Jakob arbeitet am liebsten im Service-Team: „Das ist toll, da kann ich die Tische so schön eindecken. Überall das Besteck richtig hinlegen – mit den Papierblumen dazu. Und ich darf die Getränke zum Tisch bringen.“ Der Zehnjährige kann es kaum erwarten, bis das Essen fertig ist. Nervös kritzelt er schon mal die Getränkeliste auf seinen Block: „Damit ich nachher bei den Gästen weiß, was für Säfte wir haben.“ Der ehrenamtliche Helfer Michael Harms will ihm aber zunächst die Schürze neu binden. Schließlich muss ein Kellner perfekt gekleidet sein.

Harms betreut heute das Service-Team, sieht sich aber nur als helfende Hand: „Die kriegen das mit dem Servieren super hin.“ Die freiwillige Tätigkeit im Kinderrestaurant ist für ihn ideal: „Ich wollte mich auf jeden Fall ein paar Stunden für Kinder engagieren. Und da ich einen Vollzeitjob habe, ist das mit dem Restaurant am Wochenende optimal.“ Für den 32-Jährigen ist es wichtig, dass die Kinder erfahren: Gesundes Essen kann auch gut schmecken. „Und durch das eigenständige Zubereiten lernen sie die Lebensmittel richtig wertschätzen“, beobachtet der freiwillige Helfer. Wenn dann die Soße am Putenschnitzel so lecker schmeckt, weil sie soeben die Champignons dafür geschnitten haben, dann sei das für die kleinen Köche eine tolle Bestätigung.

Die Idee zu dem Projekt entstand bei einem Theaterprojekt. „Wir haben festgestellt, wie viele Kinder samstags mit leerem Magen zu den Vorstellungen kamen“, berichtet Antje König. Durch eine Spende konnte die Stiftung Bonner Kinderhilfsfonds das Projekt „Tischlein deck Dich“ gründen. „Wir haben hier im Stadtteil Familien ganz konkret angesprochen“, erklärt die 42-jährige Sozialpädagogin. „Viele der Eltern kenne ich noch von meiner Arbeit früher hier im Jugendzentrum; jetzt haben die selbst Kinder.“

Wichtig sei, dass die Eltern das Projekt mittragen, denn die Kinder sind über den Zeitraum eines ganzen Jahres an das Restaurant gebunden. „Es soll ja eine Entwicklung möglich sein. Da ist es wichtig, dass die Kinder nicht nach dem zweiten oder dritten Mal abspringen.“ Dafür kommen die Eltern auch in den Genuss der Leckereien. Denn nach zwei erfolgreichen „Probedurchläufen“ in der geschlossenen Gruppe dürfen die Kinder nun jedes Mal einen Gast zum Essen einladen: „Und die Jungen und Mädchen sind mächtig stolz, wenn sie ihren Familienmitgliedern die toll dekorierten Speisen zum Platz bringen.“

Die Kinder haben an diesem Vormittag sichtlich Spaß an dem Kochstudio – nur die Ehrenamtlichen werden langsam nervös: Gleich ist es 13 Uhr, und heute wird das Restaurant wohl ein paar Minuten später öffnen. Während Meriyem noch die Putenschnitzel im Mehl wendet, üben Pia, Laura und Jakob im Schulhof mit einem Eierlauf die Konzentration für den Service. Jean Chris schnippelt immer noch: jetzt Orangenscheiben, die gleich mit ein paar Salatblättern als Dekoration auf die Teller gelegt werden. Jacqueline nascht noch schnell vom Obstsalat, bevor sie schon mal ein paar Töpfe spült. Aushilfskellner Michael Harms leistet derweil mit einem Pflaster Erste Hilfe bei einer kleinen Schnittwunde. Ansonsten seien die Kinder hoch konzentriert bei der Sache: „Die nehmen das Kochen richtig ernst“, freut sich der Helfer.

Als die Gruppe vom Lernbauernhof eintrudelt und einige Eltern zaghaft durch die Tür blicken, sind die Tische mit bunten Frühlingsmotiven gedeckt und das Service-Team mit Tabletts bewaffnet. Schnell findet jeder einen Platz. Die Kinder stürzen sich auf das Baguette mit Thunfisch-Dip, während die Eltern bei einem Kaffee ins Gespräch kommen. Lena platziert noch die Orangenscheiben auf den vorbereiteten Tellern, dann ist auch ihr Job in der Küche beendet. Nun kann sie neben ihrer Freundin am Tisch Platz nehmen und sich bedienen lassen.

Nur Jean Chris bekommt heute nichts von den Leckereien ab, die er selbst mit zubereitet hat. Er ist auf einem Geburtstag eingeladen. Nachdem der Neunjährige kurz am Frischkäse-Baguette genascht hat, nimmt er seinen jüngeren Bruder an die Hand und verabschiedet sich. Dass er heute überhaupt zum Helfen gekommen ist, freut Projektleiterin König ganz besonders. Der Junge findet das ganz normal – „ist doch Ehrensache“.


20.05.2012
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