Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

„Christus in der Ölpresse“

Propst Michael Feldmann ist Pfarrer der Propstei St. Walburga Werl und Leiter des Pastoralverbundes Werl und Westönnen.

Öl wir zum Sinnbild für Nahrung und Licht, und damit für Christus selbst. 

von Michael Feldmann  

Horaz (65-8 vor Christus), der römische Dichter, prägt in seinen Sermones  das Wort „Öl ins Feuer gießen“. Also: alles nur noch schlimmer machen. Ums Öl geht’s jeden Tag. Traditionelle Ölgewinnung und hochtechnische Ölbohrung, synthetisches Öl und reines Pflanzenöl, Rohöl und raffiniertes Öl – Öl ist die Grundlage unserer (möglicherweise) gesunden Ernährung und unseres industriellen Wohlstandes. Ohne Öl ist alles öde. Eine Ölkrise erzwang 1973 sogar unvergessliche Fahrverbote – deutsche Autobahnen wurden zu Radwegen. Die Ölproduzenten konnten im Paradox gedrosselter Produktion nun „Öl ins Feuer gießen“. Die Öko-Bewegung bekam Wasser auf ihre Mühlen. 

Zwei Generationen nach Horaz schreibt der Evangelist Matthäus im 25. Kapitel übers Öl: „Die törichten nahmen … kein Öl [mit], die klugen aber nahmen … noch Öl in Krügen mit. Die törichten aber sagten zu den klugen: Gebt uns von eurem Öl… Die klugen erwiderten ihnen: Dann reicht es weder für uns noch für euch.“ 

Öl steht hier nicht nur für ein Leucht- und Heiz-, Nahrungs- und Heilmittel der Antike. Öl wird evangeliumsgemäß zum Symbol der Erleuchtung, des Verstehens, der Einsicht, immer dann, wenn jemand „helle“ ist! „Seid also wachsam!“ (Mt 25,13). Mit gescheiterter Wache und völlig verschlafen zeigen sich die Freunde Jesu am Ölberg. Get-semani heißt soviel wie „Ölpresse“. Acht alte Bäume haben sich hier erhalten, acht Menschen überleben in der Arche Noah (Gen 6,10.18) und acht Seligpreisungen erinnern an die Bergpredigt (Mt 5). Die Kunst des christlichen Mittelalters erfand für die Erklärung der Eucharistie einst das Bild vom „Christus in der Kelter“, als Zeichen seines vergossenen Blutes. 

Schade eigentlich, dass die religiöse Vorstellungskraft nicht auch einen „Christus in der Ölpresse“ ausgemalt hat: Olivenöl bedeutet Nahrung und Speise: Christus ist die Speise, die nicht verdirbt (Joh 6,27). Öl gibt Licht, nicht nur in der Öllampe. Öl dient auch im übertragenen Sinne der „Erleuchtung“, wie wir im Gleichnis von den törichten und klugen Jungfrauen sehen. Olivenöl wird gepresst: Christus steht am Vorabend seines Leidens im Garten der „Ölpresse“ Getsemani unter höchstem Druck. Olivenöl ist Salbe und Medikament: die Könige des Alten Bundes werden gesalbt (2 Sam 5,3), wie Christus von der Sünderin (Lk 7,38) und wir selbst bei Taufe, Firmung, Krankensalbung oder Priesterweihe. Und der barmherzige Samariter gießt lindernd Öl in die Wunden (Lk 10,34). „Christus in der Ölpresse“ – ein starkes Bild, das erst noch zu entdecken, oder besser gleich: zu malen wäre! 

„Gebt uns von eurem Öl“ (Mt 25,8) – die Ölsuche als Zeichen der Wachheit verweist uns auf den Umgang mit menschlichen Ressourcen, d. h. mit der Natur des Menschen. Papst Benedikt sagte im Deutschen Bundestag am 22.9.2011: „Wir müssen auf die Sprache der Natur hören und entsprechend antworten. ... Es gibt auch eine Ökologie des Menschen. Auch der Mensch hat eine Natur, die er achten muss und die er nicht beliebig manipulieren kann. Der Mensch ist nicht nur sich selbst machende Freiheit. Der Mensch macht sich nicht selbst. Er ist Geist und Wille, aber er ist auch Natur, und sein Wille ist dann recht, wenn er auf die Natur hört, sie achtet und sich annimmt als der, der er ist und der sich nicht selbst gemacht hat. Gerade so und nur so vollzieht sich wahre menschliche Freiheit.“

Die törichten und die klugen stehen im Wettstreit. Damit es hell werden kann, bedarf es der weisen Überlegung und der umsichtigen Vorsorge, sonst „reicht es weder für uns noch für euch“.


22.05.2012
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