Aktuelle Ausgabe
2012-20

Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn über die Kirche und die plurale Welt

„Damit der Wandel gelingt, muss ich mich selbst wandeln“

Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn wurde 1963 in Zell an der Mosel geboren. Nach dem Abitur studierte er Kommunikations-Design und anschließend Philosophie, katholische Theologie und Religionswissenschaften. Seit 2005 lehrt er an der Theologischen Fakultät Paderborn, deren Rektor er seit 2006 ist.

In einer „Theologischen Werkstatt“ ging es am vergangenen Wochenende um die „von Erzbischof Becker ins Leben gerufene „Perspektive 2014“.  Professoren der Theologischen Fakultät haben sich mit der „Kirche im Wandel“ auseinandergesetzt. Professor Dr. Dr. Bernd Irlenborn beschreibt in seinem Beitrag die Rolle, die die Kirche in einer pluralen Welt spielen könnte.

von Prof. Dr. Dr. B. Irlenborn

Wandel in der Kirche hat heutzutage viele Aspekte. Ein zentrales Motiv für diesen Wandel sehe ich in der Vielheit der Lebensdeutungen in unserer Gesellschaft. Es gibt heutzutage eine Vielheit von Religionen, Weltanschauungen und Lebensdeutungen, die die Frage nach dem Profil und der Identität des christlichen Glaubens aufwirft. Papst Benedikt XVI. hat sich intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt. Er versteht den Anspruch des Christentums, wahre Religion für alle Menschen zu sein, als „grundsätzliche Herausforderung am Beginn des dritten christlichen Jahrtausends“. Warum ist diese Frage nach dem christlichen Wahrheitsanspruch so hoch anzusetzen? In einer Predigt unmittelbar vor seiner Papstwahl sagt der damalige Kardinal Ratzinger: „Wie viele Glaubensmeinungen haben wir in diesen letzten Jahrzehnten kennen gelernt, wie viele ideologische Strömungen, wie viele Denkweisen … Das kleine Boot des Denkens vieler Christen ist nicht selten von diesen Wogen zum Schwanken gebracht, von einem Extrem ins andere geworfen worden: vom Marxismus zum Liberalismus bis hin zum Libertinismus; vom Kollektivismus zum radikalen Individualismus; vom Atheismus zu einem vagen religiösen Mystizismus; vom Agnostizismus zum Synkretismus, und so weiter. (…) Einen klaren Glauben nach dem Credo der Kirche zu haben, wird oft als Fundamentalismus abgestempelt, wohingegen der Relativismus, das sich vom Windstoß irgendeiner Lehrmeinung Hin-und-hertreiben-lassen, als die heutzutage einzige zeitgemäße Haltung erscheint. Es entsteht eine Diktatur des Relativismus, die nichts als endgültig anerkennt und als letztes Maß nur das eigene Ich und seine Gelüste gelten lässt.“
Worin liegt die Krise, die zu einem Wandel der Kirche geführt hat? Ich versuche mit Hilfe von drei Begriffen, diese Frage zu beantworten: Pluralismus: Darunter verbirgt sich die Ansicht, dass es heutzutage keinen übergeordneten Wahrheitsanspruch mehr geben könne. Jeder Wahrheitsanspruch sei aus seinem Zusammenhang heraus zu verstehen und gelte auch nur in diesem Kontext. Der katholische Wahrheitsanspruch würde dann bestenfalls nur für Katholiken gelten. Relativismus: Im Pluralismus liegt die Gefahr eines Relativismus: Wahrheitsansprüche gelten hier immer nur relativ zu ihrem jeweiligen Kontext. Deshalb gibt es für den Relativisten keine universale Wahrheit. Absolutheitsanspruch: Der christliche Glaube kann sich mit einer „Diktatur des Relativismus“ nicht anfreunden. Christus hat von sich gesagt „Ich bin die Wahrheit“, nicht: „Ich biete eine Perspektive“ oder „Ich könnte die Wahrheit sein“. Das Christentum – besonders in der katholischen Tradition – vertritt einen absoluten Wahrheitsanspruch: Dieser Wahrheitsanspruch ist universal: er gilt universal, auch für alle anderen Deutungskontexte.
Was heißt das nun für die Situation der Kirche heute? Wir sahen: Pluralität außerhalb und innerhalb der Kirche ist nicht neu. Die eine Wahrheit Jesu Christi öffnet sich für eine (auch kulturelle) Vielheit der Zugänge, die sich nach ihr ausstrecken. Der Pluralismus dagegen erkennt diese universale Wahrheit Christi nicht an. Daraus erwächst ein Problem für die christliche Identität: Sollen Christen noch in der Öffentlichkeit eintreten für ihren Glauben? Oder gehört sich das nicht? „Kirche im Wandel“ heißt insofern: Wie reagieren Christen auf den Pluralismus in unserer Gesellschaft? Wie stark, mutig, theologisch und intellektuell gebildet, und vor allem glaubensverbunden sind Christen, um einzustehen für die Wahrheit Jesu Christi? Was bedeutet christliche Identität heute?
Ich möchte meine Sicht dazu in Stichworten zusammenfassen: Der christliche Wahrheitsanspruch muss universal verstanden werden, sonst würde das Christentum sich selbst privatisieren. Das Eintreten für diesen Wahrheitsanspruch kann und darf nur friedlich geschehen, zum einen durch das Vorbild des überzeugenden christlichen Lebens, zum anderen durch das Gespräch und Argument. Der Christ von morgen muss bereit sein, für seinen Glauben (je nach eigener Möglichkeit und Fähigkeit) einzutreten. „Kirche im Wandel“ kann dann zu einer neuen Chance werden: Eine zwar zahlenmäßig kleine, aber vom Glauben her lebendige und ansteckende Kirche. Damit dieser Wandel gelingt, muss ich mich selbst wandeln können: loslassen von manchen Traditionsverhaftungen und Besitzständen; mich geistlich besinnen, was wirklich wichtig ist für mich, welchen Ort Gott in meinem Leben hat und wie meine Beziehung zu Christus auch andere Menschen anstecken könnte.


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002