Aktuelle Ausgabe
2012-20

Der emeritierte Bischof Franz Kamphaus lebt als Seelsorger in einer Behinderten-Einrichtung

„Das Allerwichtigste ist es, einfach da zu sein“

Franz Kamphaus wurde 1932 in Lüdinghausen im Münsterland geboren. Die Priesterweihe empfing er 1959. 1968 wurde er promoviert und 1972 Professor an der Universität Münster in de Fächern Pastoraltheologie und Homiletik. 1982 wurde er Bischof von Limburg. Seit seiner Emeritierung im Jahr 2007 wirkt er in der Seelsorge des St.-Vincenz-Stiftes in Aulhausen.

Die Belange von Menschen mit Behinderungen haben dem ehemaligen Limburger Bischof Franz Kamphaus immer am Herzen gelegen. Seit seiner Emeritierung lebt er in einer Behinderten-Einrichtung und ist dort als Seelsorger tätig. In seinem Gastbeitrag beschreibt er, worauf es bei der Seelsorge für behinderte Menschen ankommt, und wie das Zusammensein mit behinderten Menschen sein eigenes Leben bereichert.


von Franz Kamphaus

Seit über einem Jahr lebe ich im Vincenzstift Aulhausen, der zentralen Behindertenein-richtung im Bistum Limburg. „Warum sind Sie dorthin gezogen“, werde ich immer wieder gefragt. Das hat viele Gründe. Ein Grund: Ich wollte an den Rand des Bistums ziehen, um meinem Nachfolger nicht im Wege zu stehen. Also bin ich jetzt am äußersten Rande und entdecke von Tag zu Tag mehr: Der Rand ist die Mitte. Ich lese dort das Evangelium neu, etwa die Geschichte vom Mann mit der verdorrten Hand (Mk 3,1-6). Jesus sagt zu ihm: „Steh auf und stell dich in die Mitte!“ Der behinderte Mensch gehört bei Jesus in die Mitte.
Ich bin mit Menschen zusammen, von denen die meisten nicht sprechen können – und doch viel zu sagen haben, allein durch ihr Dasein: „Seht ihr –  sagen sie – wie behindert ihr seid: behindert durch eure Wahnvorstellung, ihr müsstet immer fit und rundum belastbar, ihr dürftet von niemandem abhängig sein; ihr müsstet alles selbst in den Griff bekommen …“
Festgefahrene und verengte Bilder vom geglückten Leben werden aufgebrochen. Man entdeckt am anderen, mit den Grenzen des eigenen Lebens umzugehen: Jeder und jede von uns ist ein Fragment, und zugleich das Ganze (des Menschen) im Fragment! Man lernt einen respektvollen Umgang mit Verschiedenheiten, ohne immer wieder die alten Muster von besser und schlechter zu traktieren. Selbsttäuschungen zerbrechen sehr schnell, vor allem die heute so beliebte Vorstellung, aus eigener Kraft oder mit vereinten Kräften „ganzheitlich“ und „heil“ zu werden. Behinderte Menschen geben deutlich zu erkennen, dass das eine Illusion ist. Sie bezeugen: Unser Leben ist endlich und hat Grenzen.
Noch geht mir die erste Todesstunde nach, die ich hier im Sankt-Vincenz-Stift erlebt habe. Wir haben nach dem Eintritt des Todes zunächst gemeinsam in der Gruppe zwei Gesätze des schmerzhaften Rosenkranzes gebetet. Dann verabschiedete sich jeder vom Verstorbenen, machte ihm das Kreuz auf die Stirn, redete ihn an mit dem, was er auf dem Herzen hatte. Die Stunde werde ich so schnell nicht vergessen. Man kann nicht nur Freunde unter den Lebenden gewinnen, sondern auch unter den Toten.
Samstags gegen Abend feiern wir gemeinsam Eucharistie, zusammen mit einem Diakon, der seit 25 Jahren hier ist und die Seelsorge leitet. „Kann man mit geistig behinderten Menschen überhaupt Gottesdienst feiern?“, fragte ein Erzbischof, als er zu Besuch hier war. Und ob! Auch die schwerst-mehrfach Behinderten feiern Gottesdienst. Besonders eindrucksvoll war unsere Fronleichnamsprozession gemeinsam mit unserem Dorf Aulhausen: An der Spitze ein behinderter Kreuzträger, dann die Prozession (Messdiener, Fahnenträger etc.), gemischt wie das anschließende Pfarrfest. Vor kurzem sagte Anne, eine 14-Jährige: „Die andern haben Gott im Kopf, ich habe ihn im Herzen.“ Die Kommunikation gelingt nur über die Beziehung/Emotion (die Anrede: „Hallo Bischof, du …“). Die Sprache meiner Mitbewohnerinnen und Mitbewohner ist unmittelbar, direkt. Nach dem Gottesdienst zur Einführung kam gleich jemand auf mich zu: „Du hast gut gepredigt, aber viel zu lang …“ Es geht darum, unsere großen biblischen Wörter zu elementarisieren, ohne dabei banal zu werden. Man muss sich abschminken, Sprüche zu klopfen. Es kommt darauf an, ebenerdig zu reden und zu leben; Stufen sind für behinderte Menschen vom Teufel. Wichtig sind die Lieder. Der Chor ist für den Gesang von besonderer Bedeutung. Alle singen auswendig, kaum einer kann lesen.
Ich habe das noch nie in meinem Leben so erfahren, dass es das Allerwichtigste ist, einfach da zu sein. Entscheidend ist nicht so sehr, was ich sage oder tue, sondern dass ich hier wohne und lebe, einfach dazwischen bin. Wenn ich einige Tage weg bin, kommen anschließend die Fragen: „Wo warst du?“ Über Gemeinschaft wird nicht geredet, sie ist da. Der evangelische Pfarrer Ulrich Bach, seit dem 23. Lebensjahr an den Rollstuhl gefesselt, sagt: „Was wir können und was wir nicht können, das alles gehört uns gemeinsam. Und für uns miteinander wird’s schon reichen.“


22.05.2012
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