Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erfahrungen mit dem Taborlicht

Das Heilige hat eine große Wucht

Mystische Erfahrungen sind ein Geheimnis: Das Heiligtum der Verklärung auf dem Berg Tabor. Foto: KNA

Plötzlich gerät das Gespräch ins Stocken. Auf die Frage, ob er selbst Erfahrungen mit dem sogenannten Taborlicht gemacht habe, denkt Pfarrer Reinhard Deichgräber lange nach. Dann erzählt er, wie vorsichtig tastend, eine Geschichte, voller ungewohnter Bilder. Da ist von einem im Winterschnee blühenden Apfelbaumzweig die Rede. Von einer Botschaft, die ihn, von jenem Zweig ausgehend, inmitten von Krankheit und Krise tief ins Herz getroffen habe.

von Andreas Kaiser

So oder ähnlich geht es fast allen, die von mystischen Ereignissen erzählen. Immer ist es ein Ringen um Worte. Auch bei dem Berliner Kunsttherapeuten Dieter Kraft. Am liebsten würde er den Journalisten nach einem intensiven, dreistündigen Gespräch bitten, sein „Widerfahrnis“, wie er sagt – den radikalen Durchbruch einer anderen, unglaublichen lichtvollen und zärtlichen Wirklichkeit – doch im Verborgenen zu belassen. Denn Kraft weiß, dass man hierzulande eher dazu neigt, solche Erlebnisse als esoterischen Quatsch oder gar als Auswuchs einer psychischen Störung abzutun. Daran haben auch die Schilderungen anerkannter Mystiker wie Theresa von Avila oder Ignatius von Loyola nichts geändert. In den westlichen Kirchen zählt vor allem die intellektuelle, oft akademische Schriftauslegung.
Ganz anders dagegen in der Ostkirche. Hier werden Schilderungen, wie man sie auch von den Mönchen vom Berg Athos kennt, oder in den „Aufrichtigen Erzählungen eines russischen Pilgers“ nachlesen kann, hoch geschätzt und gerne mit jenem Licht verglichen, das Jakobus, Johannes und Petrus bei der Verklärung Christi auf dem Berg Tabor sahen. „Schon vor dem Aufkommen des Chris­tentums hatten die Römer, eine Neigung das Religiöse in juristischen und kaufmännischen Kategorien auszudrücken. Die Griechen dagegen hatten kaum Interesse bei religiösen Dingen nach dem Nutzen zu fragen. Sie näherten sich dem Glauben eher absichtslos, meditativ“, sagt Pfarrer Deichgräber. Seit seinem Erleben vor 40 Jahren beschäftigt er sich intensiv mit orthodoxer Frömmigkeit.
„Das Geheimnis kann man nicht einfach so ans Tageslicht zerren, darauf muss und kann man sich durch Meditation und Gebet vorbereiten. Das Heilige hat eine zu große Wucht und Kraft“, sagt der Benediktinerbruder Jakobus Kaffanke, der seit Jahren als Eremit am Bodensee lebt. Als junger Jurastudent hatte er ein „Schlüsselerlebnis“, wie er sagt. Es sollte sein gesamtes Leben radikal verändern. Zehn Jahre brauchte er zur Verarbeitung. Alles zweifelte er an, suchte nach medizinischen und sogar psychia­trischen Ursachen. Bis doch nur der Glaube blieb. Zehn Jahre nach jenem Ereignis, bei dem in Sekundenbruchteilen alle sicher geglaubten Denkkategorien über Bord geworfen wurden, trat Kaffanke ins Kloster ein, und sucht dort weiter nach dem Ursprung seiner Erfahrung.
Bruder Jakobus weiß, dass Menschen, die eine eigentlich unaussprechbare Erfahrung schildern, gerne Begriffe und Bilder verwenden, die in ihrer Umwelt gebräuchlich sind. Demnach könnte ein Buddhist, der von Erleuchtung spricht, ein ähnliches Phänomen im Sinn haben, wie der byzantinische Mönch, der das Taborlicht preist: Den Durchbruch des Göttlichen, der jenseitigen, gewöhnlich unsichtbaren Welt in unsere irdische Wahrnehmung. Als Zeugnis des göttlichen Lichts gelten auch die auf Ikonen dargestellten Heiligenscheine.
Pfarrer Deichgräber ist sich wie der in der Ostkirche hochverehrte Heilige Gregor von Palamas sicher: Gottes Energie, „das Taborlicht durchfließt den ganzen Kosmos, es erfüllt alle seine Erscheinungen. Und wann und wo und wie es Gott gefällt, leuchtet dieses Licht plötzlich aus allen Dingen auf, sodass sie uns transparent werden für den, der das ungeschaffene Licht ist, von dem sie seinen Glanz empfangen.“ Seiner Ansicht nach gibt es bei mystischen Erfahrungen verschiedene Stufen der Intensität. Während etliche Heilige – ähnlich wie Paulus mit seinem Damaskus-Erlebnis – oft Erfahrungen machten, die ihr ganzes Leben veränderten, haben viele Menschen bereits Bekanntschaft mit leichteren Formen dieser Verwandlung gemacht. So erzählen Verliebte gerne, wie plötzlich die ganze Welt anders aussah, scheinbar von innen zu leuchten begann.
Um das Taborlicht sehen zu können, muss man frei sein von jeglicher Angst. Auch lassen sich mystische Erfahrungen nicht erzwingen. Sie treffen den Einzelnen stets absolut unerwartet und überraschend.
„Mystische Erfahrungen, sind zuerst ein Tremendum, ein Geheimnis, das zunächst Furcht und Zittern auslöst, bevor dann die unfassbare Weite und Tiefe, die ganze Zärtlichkeit und Liebe Gottes erfahrbar wird“, sagt Bruder Jakobus. Und Deichgräber ist überzeugt: „Alle meditative Erfahrung ist vorläufig, ist Durchgang.“
Und ebenso wenig wie sich ein mystisches Erlebnis angemessen in Worte kleiden lässt, so wenig lässt sich ein Zustand der Erleuchtung fixieren. Daher ist auch verständlich, dass Jesus seine drei Jünger, die Zeugen der sicherlich radikalsten Verklärung der Menschheitsgeschichte wurden, schnell wieder vom Berg hinunter schickt. In der Mys­tik kann man es sich nicht bequem machen. Das Leben ist Bewegung.


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002