Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Das Kreuz durch-schauen

Pastor Andreas Rohde ist Leiter der Diözesanstelle Berufungspastoral im Erzbistum Paderborn und Seelsorger in Salzkotten-Oberntudorf.

Das Kreuz wird durch Jesus, der an ihm starb, zu einem Baum, an dem neues Leben erblüht.

von Andreas Rohde

Die Texte vom Leiden und Sterben Jesu gehören gewiss zu den einprägsamsten und beeindruckendsten Erzählungen der heiligen Schrift. Die kommenden Tage der Heiligen Woche versuchen die letzte Wegetappe Jesu nachzuzeichnen: Vom Hosianna-Ruf, der noch bei Jesu Einzug in Jerusalem zu hören ist, über das menschenverachtende „Kreuzige ihn!“ bis hin zum Schrei Jesu am Kreuz: „Mein Gott, warum hast du mich verlassen?“. Himmelschreiend ist das, was Jesus zu erdulden hat. Niemand gebietet Einhalt, auch Jesus nicht. Er lässt es geschehen. 

So sehen Verlierer aus. Augenscheinlich ist Jesus am Kreuz gescheitert. Sein Jüngerkreis: Nur noch ein versprengter Haufen. Wenige sind geblieben, haben Jesus begleitet auf seinem Kreuzweg, bleiben unter dem Kreuz zurück. Jesus ist einer, der sein Ziel nicht erreicht hat. So jedenfalls sieht es für die meisten Beobachter, die Soldaten und die Schaulustigen aus. 

So sehen aber auch Helden aus. Augenscheinlich ist Jesus nicht eingeknickt. Er geht seinen Weg konsequent bis zum Ende und lässt sich davon nicht abbringen. Er bleibt seiner Botschaft treu bis zum Ende und verrät nicht seine bisherigen Worte und Taten. Jesus ist ein Mann, der zu seiner Sache und zu sich selbst steht. 

Nein, Jesus ist kein Verlierer. Aber er ist auch kein Held. Wer Jesus so kategorisieren will, dessen Blick reicht nur bis zum Kreuz. Dessen Evangelium endet sozusagen am Karfreitag. 

Es gibt Menschen in der Passionsgeschichte, deren Blick nicht am Holz des Kreuzes hängen bleibt, sondern die weiter sehen. Menschen, deren Hoffnung auch angesichts dieses katastrophalen Endes noch nicht gestorben ist. Ich denke an den sogenannten Schächer, der im letzten Augenblick seines Lebens die Liebe Jesu spürt. An den Hauptmann, der noch unter dem Kreuz sein Glaubensbekenntnis spricht.  

Wohin reichte ihr Blick? Was sahen sie? Was sehen Sie, liebe Leserinnen und Leser, wenn Sie auf das Kreuz blicken? Sicher hängt eines in Ihrer Wohnung. Wenn Sie jetzt einmal darauf schauen, was sagt es Ihnen? Das Kreuz erzählt uns viel über uns selbst. Über unsere eigene Geschichte. In den Sinn kommen uns Leidensgeschichten, unsere eigenen und die von jenen, mit denen wir mitgelitten haben. Es sind Geschichten, die von Angst, Wut und Trauer erzählen. 

Aber sie erzählen auch die andere Seite. Davon, dass das Kreuz ebenso Halt und Trost gespendet hat. Im Kreuz, genauer in Jesus Christus am Kreuz, strahlt die Hoffnung auf, dass das Leben nicht am Holz endet. 

Wenn wir auf das Kreuz schauen, dann ist Jesu Geschichte schon vorerzählt. Die andere Seite des Kreuzes ist das leere Grab am Ostermorgen. Sie erzählt von Auferstehung. Durch Leid und Trauer hindurch sehen heißt daran glauben, wieder Boden unter den Füßen zu gewinnen. Christen glauben nicht dem Kreuz, sondern dem, der am Kreuz starb und der auferstanden ist. Die Hoffnung auf Leben bleibt nicht unerfüllt. Es gibt die Legende, dass der Baum, aus dem das Holz für das Kreuz Jesu gewonnen wurde, am Ostermorgen wieder in voller Blüte stand. Blühendes Leben – das ist die Kehrseite des Kreuzes, und das Ende, von dem her unsere eigene Glaubensgeschichte erzählt wird. Am Ende wissen wir, was uns „blüht“: Auferstehung zu vollem und ewigem Leben. 


22.05.2012
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