Gedanken zum Evangelium
Das Leben ist lebensgefährlich
Jesus, der „Gott mit uns“, ist an unserer Seite, gerade in den Gefahren unseres Lebens.
von Wolfgang Dembski
„Wird’s besser? Wird’s schlimmer, fragt man alljährlich. Seien wir ehrlich: Leben ist immer lebensgefährlich.“
Das sagt Erich Kästner in seiner spöttisch melancholischen Art, die Welt zu betrachten. Für die einen ist das eine gute Sichtweise. Sie lieben das Risiko. Leben ist für sie ein Abenteuer, und wenn es gefährlich ist, umso besser. Sie brauchen Spannung, positiven Stress. Sonst wird das Leben öde.
Andere haben Angst. Sie erleben tagtäglich, wie viele Gefahren auf uns lauern und wie schnell wir in Not geraten können. Besonders junge Eltern spüren das. Und sie tun alles, um ihre Kinder zu schützen und vor allem, was gefährlich ist, zu bewahren.
Wie mag Maria das Leben empfunden haben, gerade jetzt, wo für sie ein neuer Lebensabschnitt begonnen hat? Ich stelle sie mir als eine glückliche Frau vor. Denn was gibt es Schöneres als die Geburt eines Kindes! Klar, da sind Gefahren im Verzug. Und entsprechend entstehen Ängste. Aber sicherlich sagen Maria und Josef, was wohl alle jungen Eltern in der Freude über die Geburt sagen: Wir werden unser Kind vor den Gefahren des Lebens schützen. So schwer das auch sein mag – wir schaffen das schon!
Doch wir, die wir den Text des Evangeliums von diesem Sonntag lesen, wissen, was kommt. Wir wissen, dass die Eltern Jesu es nicht schaffen werden. Sie werden ihrem Sohn eine gute Erziehung geben, werden ihm Lebensfreude und Selbstvertrauen vermitteln, werden ihn religiös erziehen und mit ihm soziales Verhalten einüben. Aber irgendwann müssen sie ihn loslassen und können dann nur noch zusehen, was mit ihm geschieht.
Und was da mit Jesus geschieht, ist großartig und furchtbar zugleich: Erfolge, Anerkennung, ja Begeisterung und Verehrung: „Hosanna dem Sohne Davids! …“ und dazu im Kontrast: Ablehnung, Verhöhnung, Folter, ein grausamer Tod.
Ob Maria das am Anfang schon geahnt hat? Es war ihr und Josef angekündigt worden, dass ihr Sohn ein besonderer Mensch sein wird: Gottes Sohn. Er wird unter Gottes besonderem Schutz stehen und Gott wird mit ihm sein.
Solch einem Menschen dürfte eigentlich nichts Böses passieren. Wenn aber doch? Wenn das Böse in der Welt so stark ist, dass es alle guten Erwartungen kaputt macht? Wenn die Schmerzen und das Leid das Leben zur Hölle machen, sogar für Menschen, die sich Gott nahe fühlen und nach seinen Geboten leben?
Wenn wir Maria fragen würden: „Wie hast du das alles ausgehalten, die Zweifel, die Enttäuschungen, diese seelischen Schmerzen?“. Dann würde sie uns wohl von ihrem Glauben erzählen. Und vielleicht würde sie uns dabei auch auf die Namen ihres Sohnes hinweisen. Der Engel hatte gesagt: „Jesus soll er heißen“. Er wird also einer sein, der die Welt erlösen wird. Und Josef hatte vom Engel gehört, dass der Prophet Jesaja das Kind vorausschauend Immanuel nennt, das heißt „Gott mit uns“.
Vielleicht würde Maria sagen: „Diese Namen waren für mich immer wie eine Energiequelle, ja sie haben mich in der Tiefe meines Herzens erlöst von aller Unsicherheit und Zukunftsangst. Denn ich wusste: Wenn Gott mit uns ist, unser Leben teilt, dann wird er auch da sein, wenn es höchst gefährlich wird. Auch wenn dann die Schmerzen nicht geringer werden, auch wenn ich mich trostlos und elend fühle, ja wenn ich sogar das Gefühl habe, Gott habe mich verlassen, dann halte ich mich fest an diesem Glauben: Er ist da und bleibt auch da. Was auch geschieht, er wird mich nicht im Stich lassen, und ich werde alle Gefahren überstehen, sogar den Tod.“
Das Leben bleibt also gefährlich. Was im neuen Jahr schlimmer oder besser wird als im vergangenen Jahr, ist völlig offen. Aber gerade darum wäre es sinnvoll, wenn wir zu all den guten Wünschen, die wir am Jahresbeginn austauschen, auch einander sagen würden: Ich wünsche dir den erlösenden Glauben, dass Gott bei dir ist und dich, was auch immer geschieht, durch die Gefahren dieses Jahres begleitet.







