Aktuelle Ausgabe
2012-20

Im Pflegewohnheim St. Pius in Bielefeld kümmern sich „Wegbegleiter“ um Sterbende

„Das Sterben gehört zum Leben“

In der hauseigenen Kapelle mit einem Erinnerungsbuch der Verstorbenen gedenken, auch das gehört für Angela Claßen, leitende Pflegefachkraft, und Heimleiter Klaus-Dieter Heinrich zur Hospizarbeit dazu.Foto: Lakenbrink

Bielefeld. Der Name zeigt deutlich, welchen Anspruch sich die Hospizgruppe im Pflegewohnheim St. Pius selbst auferlegt hat. „Wegbegleiter“ zu sein bedeutet für die 15 fest angestellten und ehrenamtlichen Mitarbeiter der Hospizgruppe eine aktive Teilhabe am Leben der Heimbewohner, die bereits mit deren Einzug beginnt. Ein Konzept, das sich bewährt hat.

von Ruth Lakenbrink

„Das Sterben gehört zum Leben dazu“, sagt Angela Claßen, die leitende Pflegefachkraft des Pflegewohnheims St. Pius, das in der Betriebsträgerschaft des Vereins Katholischer Altenhilfeeinrichtungen (VKA) steht. Damit fasst die Pflegedienstleiterin bereits die Grundintention der hauseigenen Hospizarbeit zusammen. Denn anders als sonst vielfach üblich, bedeutet Hospizarbeit in dem Pflegewohnheim in Bielefeld-Mitte nicht, einen abgetrennten Bereich für die Sterbenden zu schaffen, sondern jederzeit in alle Bereiche den „Geist der Hospizarbeit“ wie Claßen es nennt, einfließen zu lassen.
So wurde im Laufe der vergangenen zehn Jahre seit Einrichtung der Hospizgruppe nahezu in alle Arbeitsbereiche der Hospizgedanke hineingetragen und die Mitarbeiter in Schulungen für das Thema sensibilisiert. „Nur das Reinigungspersonal fehlt noch“, erklärt Claßen.
Die „Wegbegleiter“ selbst suchen von Anfang an den Kontakt zu den Neuankömmlingen, dazu gehört auch ein Besuch vor der Aufnahme zu Hause oder im Krankenhaus, und pflegen diesen, um die Bewohner und ihre Bedürfnisse kennenzulernen. Und damit die Möglichkeit zu schaffen, sich am Ende noch intensiver, individueller und liebevoller um den Einzelnen kümmern zu können. Vor allem bei Demenzerkrankten sei es wichtig, jede noch so kleine Kleinigkeit zu erfassen, um den Bewohnern ein Umfeld zu schaffen, in dem sie sich wohlfühlen. „Es geht bei uns ausschließlich um den Bewohner mit seiner ganzen Biografie“, so die Pflegedienstleiterin.
Dazu gehören auch die Angehörigen. Diese werden aktiv in die Arbeit eingebunden, können Wünsche äußern und helfen, wenn sie möchten. Angela Claßen weiß aus eigener Erfahrung, dass viele Angehörige ein schlechtes Gewissen haben, wenn sie die Pflege nicht selbst übernehmen können. So sieht sie es auch als Aufgabe der „Wegbegleiter“ an, dieses schlechte Gewissen zu nehmen oder zumindest abzumildern. Umso wichtiger sei daher auch die Zusammenarbeit zwischen Personal und Angehörigen.
Und auch die Ehrenamtlichen übernehmen eine wichtige Aufgabe. „Als wir vor zehn Jahren mit den Wegbegleitern angefangen haben, war es etwas Neues, Hospizarbeit in ein Altenheim zu integrieren. Und auch die drei Gruppen, Personal, Ehrenamtliche und Angehörige zusammenbringen war neu“, berichtet Heimleiter Klaus-Dieter Heinrich nicht ohne Stolz.
Vor zehn Jahren hat Sozialarbeiterin Margot Bengsch die Hospizgruppe vorgeschlagen. „Wir mussten nur noch Ja sagen“, so Heinrich. Seit zwei Jahren gibt es auch einen Palliativbereich. „Wir haben ein Netzwerk aufgebaut, damit niemand in den letzten Tagen, wenn es schwer wird, noch ins Krankenhaus muss“, berichtet der Leiter des St.-Pius-Heims mit 70 Plätzen weiter.
Doch die Arbeit der „Wegbegleiter“ endet nicht mit dem Tod des Bewohners. Zur Beerdigung zu kommen, ist für diese ebenso selbstverständlich wie den Kontakt zu den Hinterbliebenen aufrechtzuerhalten. So gibt es zum Ende des Jahres immer noch einen Erinnerungsgottesdienst für die Verstorbenen. Ein Jahr nach dem Tod erhalten die Hinterbliebenen zudem einen Brief, in dem die Wegbegleiter noch einmal ihre Anteilnahme bekunden. „Viele Angehörige haben nach dem Tod noch lange Kontakt zu uns“, berichtet Angela Claßen. Und nicht nur das. Die guten Erfahrungen mit dem Piusheim haben schon aus so manchem ehemaligen Besucher später einen Bewohner gemacht.
Doch dass die Arbeit mit Sterbenden nicht immer leicht ist, dessen sind sich die Pflegedienstleiterin und der Heimleiter bewusst. Daher ist ihnen auch wichtig, dass sich die Wegbegleiter einmal monatlich treffen, um Erfahrungen auszutauschen, das Erlebte zu verarbeiten oder Neues zu lernen. Und auch der Kontakt zu anderen Hospizgruppen sei wichtig.
Die Wegbegleiter seien eine Bereicherung für das ganze Heim, da sind sich Claßen und Heinrich sicher. Die Pflegedienstleiterin bringt es auf den Punkt: „Durch die Hospizgruppe hat sich das Klima im Haus verändert. Sauber, satt und trocken, das war ges­tern.“


22.05.2012
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