Aktuelle Ausgabe
2012-20

Mit dem Familiensonntag beginnt die Kampagne der katholischen Schwangerschaftsberatung / Weihbischof Manfred Grothe ist Vorsitzender des Caritasverbandes für das Erzbistum

„Das menschliche Leben ist ein Geschenk Gottes“

Weihbischof Manfred Grothe wurde 1939 in Warburg geboren. 1967 wurde er zum Priester geweiht. Danach war er unter anderem als Religionslehrer in Witten tätig. 1987 wurde er Leiter der Hauptabteilung Finanzen im Generalvikariat. 2003 wurde er Generalvikar und 2004 empfing er die Bischofsweihe. Er ist Bischofsvikar für die Caritas und Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes. Weihbischof Grothe ist Mitglied der Kommission für caritative Fragen und der Kommission für gesellschaftliche und soziale Fragen der Deutschen Bischofskonferenz.

Mit dem Familiensonntag startet die Kampagne „Von Anfang an – gemeinsam leben lernen“ der katholischen Schwangerschaftsberatung im Erzbistum Paderborn. Als Vorsitzender des Diözesan-Caritasverbandes und Bischofsvikar für die Caritas erläutert Weihbischof Manfred Grothe in seinem Gastbeitrag für diese Dom-Ausgabe die Hintergründe.

von Weihbischof M. Grothe

Ist Deutschland ein kinderfreundliches Land? Angesichts der nüchternen Zahlen kommen Zweifel. Bereits seit Anfang der siebziger Jahre des vorigen Jahrhunderts ist die Geburtenrate in Deutschland auf einem Rekordtief. Wir haben uns seit einer Generation daran gewöhnt, dass etwa ein Drittel aller Frauen keine Kinder zur Welt bringt. Wer sich dennoch für Kinder entscheidet, nimmt häufig materielle Nachteile in Kauf. Immer noch müssen Frauen auf ein gesichertes Einkommen und damit auf Rentenansprüche verzichten, wenn sie sich entscheiden, ungeteilt für ihr Kind da zu sein. Wer dennoch Beruf und Kindererziehung unter einen Hut bringen muss, stößt nicht selten an die Grenzen dieser Vereinbarkeit in unserer realen Arbeitswelt.
Kein Zweifel: Glück und Erfüllung, die Kinder mit sich bringen, müssen sich immer wieder behaupten in einer Umgebung struktureller Ungerechtigkeit. Es stimmt nachdenklich, dass Alleinerziehende und junge Familien mit mehr als zwei Kindern in Deutschland das höchste Risiko tragen, in Armut abzurutschen. Jedes sechste Kind in Deutschland, jedes vierte in Nordrhein-Westfalen ist von Armut betroffen. Welch ein Armutszeugnis für ein Land, das immer noch zu den wohlhabenden Staaten zählt!
Für die Kirche stellt das menschliche Leben ein Geschenk Gottes dar. Es bildet von der Empfängnis bis zum Tod eine Einheit. Gerade der Beginn menschlichen Lebens ist unendlich kostbar, trägt er doch alle Möglichkeiten in sich, die Gott jedem von uns eröffnet. Kinder sind darum ein Segen – und kein Armutsrisiko. Daran gilt es immer wieder zu erinnern, nicht nur mit Worten, sondern mit konkreter Unterstützung. Zum Beispiel durch Beratung und Hilfe für Frauen, Männer und Familien in Schwangerschaftsfragen und -konflikten. Damit erfüllt dieser Dienst einen Auftrag, der wesentlich zum Selbstverständnis der Kirche gehört. „Die katholische Schwangerschaftsberatung ... trägt dazu bei, dass sich die Kirche aus ihrer Sendung heraus umfassend als Anwältin des Lebens sowohl des ungeborenen Kindes als auch des Lebens der Mutter erweist“, heißt es in den Grundsätzen der katholischen Schwangerschaftsberatung in Deutschland.
Mit der Kampagne „Von Anfang an – gemeinsam leben lernen“ konkretisieren die Beratungsstellen im Erzbistum  diesen Grundsatz und intensivieren die Vernetzung mit anderen Diensten. Wer sich wie die Kirche „umfassend“ als Anwalt des Lebens erweisen soll, ist auf eine Bündelung der Kräfte angewiesen. „Hilfen rund um die Geburt“ sind gerade in Pfarreien zahlreich vertreten: von der Tageseinrichtung für Kinder über Spielkreise, Elterntreffs bis hin zu Angeboten der materiellen Unterstützung wie Kleiderkammern oder Warenkörbe. Hinzu kommt eine breite Palette kirchlich-caritativer Dienste wie Beratungsstellen für die Bereiche Ehe und Familie, Früherkennung, Erziehung, Kuren, Sucht oder Überschuldung. Neben der besseren Vernetzung wird es aber entscheidend sein, Schwangeren und jungen Mütter verlässliche Kontakte in ihrem unmittelbaren Lebensraum anzubieten.
Es wäre ein Erfolg der Kampagne, wenn es gelingen könnte, ein Netz von ehrenamtlichen Kontaktfrauen in den Pfarrgemeinden zu knüpfen. Ihre Aufgabe wäre es, als Ansprechpartnerinnen für Hilfe suchende Frauen und Mütter bereit zu stehen. Sie könnten gleichzeitig „Türöffner“ sein für weiterführende Hilfen und Angebote. In der Regel finden viele Betroffene den Weg in die Pfarrgemeinde nicht von allein. Es geht also auch darum, Schwellenängsten, Scham oder auch Vorbehalten auf Seiten der Hilfe Suchenden zu begegnen. Allen an der Kampagne Beteiligten ist klar, dass es nicht einfach sein wird, bisweilen unterschiedliche gesellschaftliche Milieus zusammenzubringen. Dabei ist viel Fingerspitzengefühl gefragt. Doch ich bin mir sicher, dass sich solche Sorgfalt lohnt. Eine  kinderfreundliche Pfarrgemeinde kann nicht anders, als viele hilfsbereite Hände auszustrecken. Damit ist eine klare Botschaft auch an Schwangere und Mütter und ihre betroffenen Familien verbunden: „Wir sind nicht allein!“


22.05.2012
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