Gedanken zum Evangelium
Das war schon immer so!
Damit, ein Kind, das damals als völlig unbedeutend galt, in die Mitte zu stellen, verstieß Jesus bewusst gegen die damals üblichen Regeln. Grund genug, auch heute immer wieder Regeln zu überprüfen meint Pastor Dr. Marc Retterath.
von Dr. Marc Retterath
„Worüber habt ihr unterwegs gesprochen?“ Betretenes Schweigen ist die Antwort der Jünger. Fühlten sie sich ertappt? Hatte das Konkurrenzdenken, der Ehrgeiz, selbst vor ihnen nicht halt gemacht?
Man könnte es vermuten, wenn man das Evangelium liest. Die Bibelwissenschaftler geben uns jedoch zu bedenken, dass ein Sich-vergleichen auf religiösem Gebiet damals durchaus üblich war. Bei vielen Gelegenheiten entstand ganz automatisch die Frage, wer der Größere sei, wem welche Ehre zukam; all das wurde überhaupt nicht als anstößig empfunden. Es wurde sogar über die Rangordnung beim himmlischen Mahl diskutiert; ganz in diesem Sinne erbaten sich ja die beiden „Donnersöhne“ (wegen ihres Eifers) Jakobus und Johannes von Jesus die beiden besten Plätze im Gottesreich.
Ich denke, den Jüngern ist kaum ein Vorwurf zu machen, sie dachten und handelten so, wie es damals üblich war. Und Jesus tadelt sie ja auch nicht direkt dafür, er sagt nicht: „Wie könnt ihr so etwas diskutieren, so eine unverschämte Bitte stellen?“ Er versucht behutsam, ihnen aufzuzeigen, dass dieses Verhalten, wenn auch gesellschaftlich üblich, nicht richtig ist. Dazu stellt er ein Kind in die Mitte und umarmt es. Für uns ist das eine positive Geste: Jesus, der Freund der Kinder.
Für die Menschen damals war es aber eher eine Provokation. Ein Kind stand in der antiken Gesellschaftsordnung ziemlich weit unten, ein berühmter Rabbi gab sich nicht mit ihnen ab, er hatte Wichtigeres zu tun. Folgerichtig versuchten seine Jünger bei anderer Gelegenheit, die Kinder gar nicht erst an ihn heranzulassen. Und dann sagt er auch noch: „Wer der Erste sein will, soll der Letzte von allen und der Diener aller sein.“
Jesus kehrt hier so manche Wertevorstellungen seiner Zeit radikal um. Es ist, als wolle er seinen Jüngern sagen: Ihr seid damit aufgewachsen, für euch ist dieses Verhalten normal, aber denkt einmal darüber nach: Ist das richtig, was ihr da macht? Das streiten, wer der Größte ist, wie ihr die Kleinen, die Geringen, die Hilflosen behandelt?
Wohl kaum jemand käme in der heutigen Zeit auf die Idee, sich über die Plätze im Himmel zu streiten, und Gott sei Dank werden Kinder (in der Regel) nicht mehr so behandelt wie zur Zeit Jesu. Aber haben wir dafür nicht andere gesellschaftliche Regeln und Konventionen, die wir überhaupt nicht mehr hinterfragen? Beispiele dafür lassen sich in allen Bereichen finden: Zweifelhafte pfarrliche Traditionen, deren einzige Legitimation in der Begründung liegt: Das war schon immer so!, deren Änderungen aber schier unmöglich scheinen.
Unsinnige Vorschriften der political correctness, die fordern, dass das Wort Weihnachtskarte durch den neutralen Begriff Festtagsgrußkarte ersetzt werden müsse. Bis hin zu den Dingen, die an die Substanz gehen: Unser Umgang mit den ganz, ganz Kleinen. Die gesellschaftliche Mehrheitsmeinung halt kaltschnäuzig den Ungeborenen ihr elementares Menschenrecht auf Leben weitgehend entzogen und dagegen ein Recht auf Abtreibung gesetzt. Spätere Generationen werden in diesem Bereich wohl nur mit Schaudern auf unsere Zeit zurückblicken. Wie gehen wir mit all dem um? Sicher, wir alle sind Kinder unserer Zeit. Aber nehmen wir doch diese kurzen Hinweise des Bibeltextes ernst. Hinterfragen wir, wenigstens ab und zu, warum wir etwas so und nicht anders tun. Gibt es wirklich einen guten Grund dafür? Kann man es besser machen? Oder hat sich vielleicht eine Regel, eine Ansicht entwickelt, die schädlich ist, die gegen Gottes Gebote steht? Ist es manchmal nicht höchste Zeit, etwas zu ändern?







