Aktuelle Ausgabe
2012-20

Noch immer stirbt ein Großteil der Bevölkerung Sambias an Aids

David gegen Goliath

Die Bedrohung durch HIV und Aids ist in afrikanischen Ländern nach wie vor sehr groß – und meist trifft es die schwachen Glieder der Gesellschaft: In Sambia beispielsweise sind über 50 Prozent der an Aids infizierten Bevölkerung Frauen und Mädchen. Ein Drittel aller Kinder hat heute schon mindestens einen Elternteil durch die tödliche Krankheit verloren. Der 1. Dezember wird seit 1988 jährlich als Welt-Aids-Tag begangen. Er ist ein Tag der Solidarität mit Menschen mit HIV und Aids und denen, die ihnen nahe stehen, aber auch ein Tag, an dem deutlich gemacht wird, dass für diese Menschen jeder Tag des Jahres ein Aids-Tag ist. KNA-Korrespondentin Sabine Ludwig schildert das Engagement von Kirchengemeinden in Sambia.

Mahnschilder an den Straßenkreuzungen, bunte Plakate in öffentlichen Gebäuden in Sambia – ein Land lässt sich nicht unterkriegen. Paare und Familien werden in großen Lettern aufgefordert, den Aids-Test zu machen. Denn während der Rest der Welt die Seuche einigermaßen im Griff hat, breitet sie sich im südlichen Afrika weiter aus. Mehr als 1,6 Millionen Sambier starben bisher an Aids-bedingten Krankheiten. Es mangelt an finanzieller Hilfe und engagierter Aufklärung. Die afrikanischen Regierungen überlassen das Feld internationalen Hilfsorganisationen.

Schwester Matilda Mubanga ist nationale Gesundheitskoordinatorin und arbeitet für die katholische Kirche in Sambia. „Mittlerweile führen wir in zehn Diözesen Aufklärungsveranstaltungen durch. In den meisten Fällen finanzieren wir diese auch.“ Die Kirchengemeinden spielen im Kampf gegen Aids eine große Rolle. „Church partnerships for positive change“ lautet die Zauberformel. Vor allem junge Menschen treffen sich in den Gemeinden, um miteinander über Freundschaften und Beziehungen zu diskutieren. Immer dabei ist ein speziell geschulter Moderator, der die Gespräche leitet und durchaus auch Tabuthemen anspricht. Denn öffentlich wird in Sambia nicht über Sexualität gesprochen.

In der Bevölkerung herrscht eine Doppelmoral. „Die Ehe ist längst nicht mehr der sichere Hafen“, weiß Priscilla Banda von der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ). „Auch Ehepaare haben oft weiterhin sexuellen Kontakt mit unterschiedlichen Partnern. Da gibt es den Exfreund oder die Exfreundin, denen man vertraut und die man auch weiterhin kontaktiert. Das betrifft Männer wie auch Frauen.“

Über 50 Prozent der an Aids infizierten Bevölkerung sind Frauen und Mädchen. Gerade sie sind die schwächsten Glieder in der Gesellschaft. Die wenigsten Frauen wehren sich, wenn es zu häuslicher Gewalt in der Familie kommt. Junge Mädchen erkaufen sich gute Schulnoten mit ihrem Körper; und die, die kein Geld für die Studiengebühren haben, suchen sich meist ältere und verheiratete Liebhaber. Viele junge Frauen müssen sich zudem um Haushalt und Geschwister kümmern, da die Eltern der Krankheit erlagen. Da ist ein wenig Geld für Gefälligkeiten immer willkommen.

„Aids ist längst nicht mehr nur die Krankheit der Armen“, weiß Karin Perl von der GIZ. Die Sozialarbeiterin aus Graz berät Partnerorganisationen und Mitarbeiter. Sechsmal im Jahr organisiert sie Aufklärungsveranstaltungen für GIZ-Kollegen und deren Hausangestellte. 

Die Themen sind vielseitig: Aids-Test und die Zeit danach, die Einnahme von Medikamenten, Therapieansätze und Mutter-Kind-Übertragung. „Unverständlich ist nur, dass sich immer mehr Akademiker und Geschäftsleute anstecken. Genau die, die eigentlich das größte Wissen haben müssten“, bemerkt Perl. „Da geht es meist nur um das Bedürfnis, Männlich- oder Weiblichkeit zu demonstrieren, oftmals eben über Sex.“

Mythen und Traditionen tragen auch zur Verbreitung der Immunschwächekrankheit bei. Zum Beispiel die angebliche Ansteckung über Moskitostiche. Besonders in den ländlichen Gegenden Sambias gibt es noch den Brauch, dass die Witwe mit einem Verwandten ihres verstorbenen Mannes zusammen kommen muss, um sich sexuell zu reinigen. Nicht selten kommt es vor, dass ein Mann bis zu drei oder vier legale Ehefrauen hat. Und gerade auf dem Land ist es schwer, an die vom Staat kostenlos angebotenen Medikamente zu gelangen. „Es gibt oft überhaupt keine Infrastruktur, um von entlegenen Dörfern zum nächsten Gesundheitsposten zu gelangen“, berichtet Perl.

Erfolgreich sind die Arbeitsplatzprogramme, die sich in vielen Ländern im südlichen Afrika etabliert haben. „HIV hat fatale Auswirkungen auf die Entwicklung eines Landes. Wenn ein großer Teil der arbeitsfähigen Bevölkerung einfach wegstirbt, wird die Volkswirtschaft erheblich beeinträchtigt“, sagt die 32-Jährige. In den Firmen werden daher Vertrauensleute ausgebildet, die sich um die Ängste und Sorgen der Mitarbeiter kümmern. Sie begleiten sie zum Test und unterstützen sie bei einem positiven Ergebnis. „Es gehört viel Mut dazu, sich testen zu lassen“, betont Perl. „Vor allem ist die psychosoziale Begleitung wichtig. Die Betroffenen dürfen nach der Diagnose nicht allein gelassen werden.“

Seit dem Jahr 1996 gibt es die häusliche Krankenpflege für Aids-Patienten. Die katholische Kirche bildete die Ehrenamtlichen aus. „Mittlerweile haben wir 220 Stationen im ganzen Land“, sagt Schwester Matilda. „Unsere Helfer bekommen kein Gehalt, sie sind freiwillig für die Erkrankten da.“ 

Die Freiwilligen leiten die Angehörigen in der Pflege an und wollen ihnen die Angst vor einer Ansteckung nehmen. Sie bringen die Kranken zur weiteren Behandlung ins Krankenhaus oder besorgen für sie Therapie-Medikamente. So können unnötige Fahrten in größere Städte vermieden werden. 

„Die häusliche Pflege ist sehr anerkannt, und es gibt immer genügend Personen, die sich einsetzen wollen“, betont Schwester Matilda. „Regelmäßig nehmen die Freiwilligen an Fortbildungen teil, die die Kirche organisiert“, sagt ihr Stellvertreter Derrick Mweemba. „In den letzten Jahren hat sich viel getan. Sie arbeiten professionell, und die Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten ist vielversprechend.“

Draußen auf der Straße wirbt eine Plakatwand für Lippenstift und Miniröcke. Auf dem Schild daneben freut sich ein junges Paar über das negative Ergebnis seines Aids-Tests.


22.05.2012
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