Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Den Tod verspotten!

Matthias König ist Weihbischof von Paderborn und Bischofsvikar für die Aufgaben der Weltkirche und Weltmission.

Der Glaube an die Auferstehung Jesu verändert die Einstellung zum Tod; bis dahin, dass man ihn sogar verspotten könnte.  

von Matthias König 

Bei einem Besuch in Mexiko bin ich im vergangenen Jahr den Ausläufern eines für uns ganz ungewohnten „Totenkult“ begegnet: In vielen Andenkenläden konnte man bizarre Darstellungen des Todes kaufen: Der Tod – als Skelett dargestellt – im Liegestuhl wie ein Urlauber, mit umgehängter Gitarre oder mit Mikrophon wie ein Popstar, auf dem Motorrad wie ein Rennfahrer oder bei ganz alltäglichem Tun. Für die Mexikaner gehört das zu ihrer Kultur. Ihnen ist das Gedächtnis der Toten ganz wichtig: An Allerseelen quillen die Friedhöfe über von Menschen, die sich an den Gräbern ihrer Lieben zum Picknick und zum ausgelassenen Feiern treffen. Der Totenkopf aus Zucker gehört dann genauso selbstverständlich zu den mitgebrachten Gaben, wie die beschriebenen Skelette in allen Variationen.

Für einen Außenstehenden wirkt es gerade so, als wollte man dort mit all dem die Angst vor dem Tod klein halten, ja sogar den Tod verspotten. Dieser Gedanke erscheint fast lästerlich. Angesichts der Allgegenwart des Todes und seiner Unberechenbarkeit ist Spott das Letzte, was uns einfällt, wenn wir uns mit dem Tod beschäftigen.

Vielmehr macht der Tod sprach- und hilflos. Gerade wenn Menschen unerwartet oder nach grausamen Leiden aus unserer Mitte genommen werden, empfinden wir das so. Oft verbindet sich damit auch die tiefe Angst, es könnte irgendwann liebe Menschen, ja es könnte uns selber auf so tragische, schmerzhafte oder plötzliche Weise treffen.

Viele haben darum Mechanismen entwickelt, die Allgegenwart des Todes aus dem Alltag auszublenden: Über den Tod spricht man nicht gern. Wenn sich der Gedanke daran nicht verdrängen lässt, verfallen manche Menschen in Trübsal und Mutlosigkeit. Darum käme keiner auf den Gedanken, den Tod zu verspotten, indem man ihn in unseren alltäglichen Vollzügen darstellt und damit grotesk in unser Leben hineinholt – und sei es nur in der Art und Weise, wie ich es in Mexiko erlebt habe.

Der österliche Glaube gibt allerdings eine Berechtigung, es auch einmal so zu versuchen, wie es die Mexikaner tun. Denn die Botschaft von Ostern ist: Der Tod ist besiegt! Er hat durch die Auferstehung Jesu Christi seine Macht verloren! Eine ganz unglaubliche Botschaft! Selbst die Apostel können zunächst nicht glauben. Sie müssen erst selber dem Auferstandenen begegnen. Der muss manchen sehr geduldig und ein wenig mühsam zum Glauben bringen, dass ER lebt. 

Wer selber den Einbruch des Todes in das eigene Leben erfahren hat, wird die Skepsis der Jünger nur allzu gut verstehen. Jemand, der mein Leben geteilt hat, der immer da war, ist mir durch den Tod entrissen. Nichts und niemand bringt ihn mir wieder. Trauer und Fassungslosigkeit prägen das Empfinden. Viele, die das erleben und erleiden, brauchen sehr lange, bis sie für sich annehmen können, dass der Tod nicht nur Trennung bedeutet. Mühsam müssen sie lernen, dass der oder die Verstorbene auf andere Weise gegenwärtig bleibt. Der Glaube an die Auferstehung mag nicht immer sofort greifen. Aber er hilft auf dem schweren Weg, sich Schritt für Schritt der Wirklichkeit des neuen Lebens anzunähern.

In der Kultur und Religion der Maya und Azteken musste der Fortbestand des Lebens und der Welt mit Menschenopfern erkauft werden. Von dieser schrecklichen Tradition hat die Botschaft Christi die Menschen Mittelamerikas befreit. Die Botschaft, einer ist für alle gestorben, darum braucht es keine blutigen Opfer mehr, muss eine unendliche Erlösung und Befreiung gewesen sein. Noch viel mehr die Verheißung: Der Tod behält über dem Leben eines Menschen nicht das letzte Wort! Weil Gottes eigener Sohn den Tod auf sich genommen  und den Tod besiegt hat, dürfen wir leben! Das verändert die Einstellung zum Tod – und es verändert die Einstellung zum Leben!

Die Mexikaner können darum mit dem Tod ihren Scherz treiben. Sie können ihn verspotten. Sie können ihn in ihren Alltag holen, weil er ihnen keine Angst mehr einjagt. Sie wissen zwar durchaus um seine unberechenbare Allgegenwart. Aber noch mehr wissen sie aus dem Glauben an Jesus Christus vor allem darum, dass der Tod ihnen das bleibende Leben nicht nehmen kann.


22.05.2012
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