Aktuelle Ausgabe
2012-20

Vor 325 Jahren wurde der Barockbaumeister Balthasar Neumann geboren

Der Bach unter den Architekten

In Würzburg, Brühl und Bonn stehen Stein gewordene Zeugnisse seiner Kunst: Balthasar Neumann zählt zu den bedeutendsten Baumeistern des Barock. Ende des Monats wäre er 325 Jahre alt geworden.

von Bettina Nöth (KNA) 

Zwei Kirchturmspitzen ragen aus dem dunklen Grau des nebligen Winterwalds – in feinen Schwingungen gen Himmel laufend, auf zwei vergoldete Kerzenflammen hin. Als die Sonne über dem Staffelberg aufgegangen ist, leuchtet die 75 Meter hohe Sandsteinfassade der Wallfahrtskirche Vierzehnheiligen weit über das oberfränkische Maintal hinweg. Einer der größten Baumeister des 18. Jahrhunderts entwarf die Pläne für die barocke Basilika: Balthasar Neumann. Am 27. Januar jährt sich sein Geburtstag zum 325. Mal.

In rund 20 Metern Höhe erhebt sich ein gewaltiges, lichtdurchflutetes Gewölbe. Es ist getragen von hellen, gelb-, rosa- und beigefarbenen Marmorsäulen, deren Kapitelle mit muschel- und blätterförmigem Stuck verziert sind. Große Fenster durchbrechen die weißen Wände der Kirche, so dass ein gigantischer Raum aus Licht entsteht. Ausgerichtet auf das Zentrum des Gotteshauses befindet sich der Gnadenaltar. Dort sollen einem Schäfer im Jahr 1446 ein Kind und die 14 Nothelfer mit zwei brennenden Kerzen erschienen sein.

300 Jahre später fasst Balthasar Neumann dieses wundersame Geschehen in Raum. Die Basilika Vierzehnheiligen ist neben dem „Würzburger Käppele“, der Hofkirche und der Abteikirche Neresheim eine der bedeutendsten Sakralbauten des tiefreligiösen katholischen Würzburger Baumeisters. Bis heute gelten sie als Höhepunkte barocker Architektur.

Rundes, kräftiges Gesicht, breite Schultern, mit weißer Perücke und der pflaumenblauen Uniform eines Obersts der fränkischen Artillerie bekleidet – so malt Giovanni Battista Tiepolo den 66-jährigen Neumann. Er platziert ihn auf einer Kanone sitzend als Teil des Würzburger Treppenhausfreskos: Der Oberbau-direktor des Hochstifts Würzburg stützt sich auf einen Hut mit monströsem Federbusch. Sein Haupt ist selbstbewusst erhoben. Er blickt auf zur 32 Meter langen und 19 Meter breiten Decke: das größte freitragende Gewölbe der damaligen Zeit – Neumanns Meisterwerk im Treppenhaus der Residenz.

Allein der Rohbau der Residenz für die Würzburger Fürstbischöfe beschäftigt Balthasar Neumann 24 Jahre lang. 1687 im böhmischen Eger als Sohn eines Tuchmachers geboren, lernt er zunächst das Handwerk des Geschütz- und Glockengießers. Mit 24 Jahren kommt er als wandernder Geselle nach Würzburg und tritt als Soldat in die bischöflich-fränkische Armee ein. Er erhält Unterricht in Geometrie, Feldmesserei und Architektur. Mit 31 Jahren wird er zum Ingenieur-Hauptmann ernannt, ein Jahr später, 1719, beginnt er mit der Planung der Residenz für den Würzburger Fürstbischof Johann Philipp Franz von Schönborn.

Der Besucher steigt vom Dunkel ins Licht. Vom dämmrigen Säulenwald des Eingangsbereichs der Residenz führt ein Treppenhaus in die strahlende Helligkeit und Weite des stützenlosen Obergeschosses. Aus dem niedrigen Gewölbe des Vestibüls kommend, erhebt sich der Blick mit jeder Stufe mehr, bis zu dem in ungeahnter Höhe schwebenden Deckengewölbe. Dort, in rund 26 Metern Höhe, malt Tiepolo im größten Fresko der Welt „Die Verherrlichung des Fürstbischofs als Mäzen der Künste unter dem Schutze des Sonnengottes Apollo“ mit den Allegorien der damals bekannten vier Erdteile.

Das in kräftigen Farben gemalte Deckenfresko entfaltet erst im Kontrast zum folgenden, mit hellem Stuck verzierten Weißen Saal seine volle Pracht. Dieser wiederum betont den sich anschließenden, im Goldglanz funkelnden und mit rot-violetten Marmorsäulen umstellten Kaisersaal. Neumann ist der Schöpfer dieser genialen Raumfolge.

Doch erst die Zusammenarbeit mit dem Freskomaler Tiepolo und dem Stukkator Antonio Bossi ermöglichte, was der Würzburger Historiker Christian Leo als „das größte barocke Gesamtkunstwerk Deutschlands“ bezeichnet: Im Kaisersaal verwischen die Grenzen zwischen realem und illusionistischem Raum. Engelsfüße aus Stuck ragen aus der Decke. Posaunen gehen von Malerei in Stuckplastiken über. Vögel tragen Stuck-Zweige mit feinsten Blättern im Schnabel.

Für die Innenausgestaltung seiner Schlösser und Kirchen sucht Neumann die größten Künstler und Handwerker seiner Zeit. Beim Bau der Residenz arbeitet er mit führenden europäischen Architekten zusammen. Der Einfluss des Wiener Hofarchitekten Lucas von Hildebrandt ist an der U-förmigen Schlossanlage mit offenem Ehrenhof zur Stadtseite nicht zu übersehen: Ein reich verzierter Prunkgiebel mit steinernen Löwen, die das Wappen des Bauherrn halten, krönt den Haupttrakt mit seinen drei Einfahrtstoren und dem von Säulen getragenen Balkon. Zwei Engel mit Posaune sitzen zu beiden Seiten, auf dem Dach schließlich thront das Wappentier des letzten Bauherrn, Carl Philipp von Greiffenklau: ein Greif mit ausgebreiteten Schwingen.

Als „prachtvollstes Pfarrhaus Europas“ soll Napoleon die Würzburger Residenz bezeichnet haben. Doch nicht nur im 18. Jahrhundert erregte die Schlossanlage mit ihrer über 168 Meter breiten Westfassade Bewunderung. Die Residenz wie auch das Treppenhaus im Schloss Augustusburg in Brühl und verschiedene Bauwerke Neumanns in der Bamberger Altstadt zählen heute zum UNESCO-Weltkulturerbe.

Als Oberbaudirektor des Würzburger Fürstbischofs ist Neumann nicht nur für Schlösser und Kirchen, sondern auch für das gesamte militärische und zivile Bauwesen, für Brücken, Straßen und Wohnhäuser zuständig. Er unterhält einen Stab von Mitarbeitern, die seine Ideen zeichnerisch umsetzen und Pläne ausarbeiten. Neumann selbst ist ständig unterwegs, um seine vielen Baustellen zu überwachen. Er soll ein genauer und strenger Baudirektor gewesen sein – und sich auf die Strapazen der Reisen gerne das ein oder andere Glas Wein gegönnt haben.

Denn nicht nur in Würzburg und Bamberg, sondern auch in den Bistümern Speyer, Konstanz und Trier setzt er den passionierten Bauherren der Familie Schönborn architektonische Denkmäler. Selbst der Kurfürst von Köln, Clemens August von Bayern, bittet Neumann um Rat und Planungshilfe bei seinen Bauten im Umkreis der Bonner Residenz: Neumann gestaltet das Treppenhaus im Schloss Augustusburg in Brühl und die Heilige Stiege der Bonner Kreuzbergkirche. „Heute würde man ihn als Supermanager bezeichnen“, sagt der Bonner Kunsthistoriker Wilfried Hansmann. Für seine Frau Maria Eva Engelberta Schild und seine acht Kinder dürfte der große Baumeister jedenfalls nur wenig Zeit gehabt haben.

Hansmann vergleicht Neumanns Bedeutung für die Architektur mit dem Platz Johann Sebastian Bachs in der Musik. „Bei Bach sitzt jede Note – bei Neumann jeder Bogen, alles ist aus einem Grund heraus entwickelt.“ In keiner Stadt aber zeigt sich das mehr als in Würzburg, mit Residenz, Käppele und Schönbornkapelle.

Die enge Verbindung mit der Stadt, in der Neumann mit 66 Jahren stirbt, spiegelt sich auf dem früheren 50-Mark-Schein. Dort ist der Baumeister mit historischen Würzburger Gebäuden abgebildet. Auf der Rückseite des Geldscheins sind die Höhepunkte Neumannscher Architektur in Franken zu sehen: die Abteikirche Neresheim, die Kitzinger Kreuzkapelle und das Treppenhaus der Residenz. Ehrgeiz und Wissbegierde, technische Perfektion und Praxiserfahrung, Größenwahn und Detailversessenheit gingen bei Balthasar Neumann eine fruchtbare Verbindung ein, sagt Hansmann. „Keiner hat so geniale und kühne Bauten errichtet.“


22.05.2012
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