Das Ehepaar Heßling aus Hemer erforscht das Schicksal französischer Kriegsgefangener
Der Geschichte auf der Spur
Hemer. Nein, ein Hobby ist es nicht, es ist viel mehr: Vergangenheitsbewältigung, Geschichtsschreibung und Aufklärungsarbeit. „Wir wollen den Franzosen helfen und sie unterstützen, weil wir hier vor Ort sind“, sagt Karl-Heinz Heßling. Vor Ort, das bedeutet Hemer im allgemeinen und das ehemalige Kriegsgefangenenlager Stalag VI A im Besonderen.
von Ingrid Piela
Doch der Reihe nach. Karl-Heinz Heßlings Ehefrau Régine ist Französin. Als der Stadtarchivar sie im letzten Oktober anrief und bat, sie möge sich doch der beiden Franzosen annehmen, die in dem ehemaligen Kriegsgefangenenlager nach Spuren ihrer Väter suchten, wurden aus einer geplanten Stunde gleich zwei Tage intensiver Betreuung mit interessanten Gesprächen und Spurensuche bis nach Altena und Werdohl.
Seitdem gehen bei den Heßlings täglich mindestens acht bis zehn E-Mails ein. Rund 50 Franzosen, meist Kinder ehemaliger Lagerinsassen, unterstützt bereits wieder von deren eigenen Kindern, fahnden nach Erinnerungen und ehemaligen Freunden ihrer Väter. Und sie senden aus ganz Frankreich Fotos und Dokumente, womit das Ehepaar Heßling seitdem so manche Stunde im Stadtarchiv verbracht hat auf der Suche nach neuen Erkenntnissen.
Es ist wie ein Mosaik, wie sich die einzelnen Informationen zu einem Bild zusammen setzen. So hatte Régine Heßling mit einigen der Fotos zunächst nicht viel anzufangen gewusst. Eine Beerdigung war das Motiv. Im Hintergrund typisch deutsche Fachwerkhäuser und eine ebenso typisch deutsche Kirche. Mit detektivischem Spürsinn und der Hilfe von „Kommisar Zufall“ konnte die Gemeinde, in der die Beerdigung vor rund 65 Jahren stattfand, ausfindig gemacht werden.
Und mit dem Auffinden der Gemeinde stand dann auch schon bald fest, was auf dem Bild zu sehen war: Die Bestattung von zwölf Franzosen, die im Bergwerk bei Meggen zu Tode gekommen waren.
So ganz nebenbei arbeitet Régine Heßling dabei auch ihre eigene Familiengeschichte auf. Ihr Vater Marcel Warin kam 1940 als Kriegsgefangener Nr. 24412 im „Camp de Travail“ (Arbeitslager) in Hemer an, bevor es dann weiter ging auf einen Bauernhof in Langeneicke, wo er bis zur Befreiung durch die Amerikaner im April 1945 blieb.
Régine Heßling: „Es hat mich gepackt. Ich würde gerne die Freunde kennenlernen, mit denen mein Vater in den fünf Jahren in Deutschland zusammen war.“
Obwohl ihr Vater ihr viel aus seiner Zeit im Lager und als Zwangsarbeiter auf dem Bauernhof erzählt hat, blieben nach dem Tod des Vaters vor sechs Jahren doch noch einige Fragen für die Tochter ungeklärt.
Vielleicht aber findet sich ein neues Puzzleteil im April auf der 65. Gedenkfeier vor dem ehemaligen Kaserneneingang auf dem Gelände Stalag VI A, zu der auch 25 Franzosen anreisen werden.







