Aktuelle Ausgabe
2012-20

In Thüringen wird ein modernes Passionsspiel aufgeführt

Der Jesus von Erfurt

Passionsspiel im Altarraum des Erfurter Doms: Eine Darstellerin trägt das Kreuz Jesu, Pontius Pilatus und zwei Soldaten begleiten sie.

Seit Weihnachten lässt sich Nils Hoffmann den Bart wachsen. Aus kurzen Stoppeln ist inzwischen ein richtiger Vollbart geworden – und Nils scheinbar um Jahre gealtert. Der 21-jährige Theologiestudent hat beim Passionsspiel in Erfurt die Hauptrolle des Jesus Christus übernommen. Auf den ersten Blick macht einen der Ort der Veranstaltung stutzig: Erfurt, die Hauptstadt Thüringens, einem Kernland der Reformation, das im Jahr 2007 lediglich einen Katholikenanteil von knapp acht Prozent hatte. Und dennoch entsteht hier ein ehrgeiziges, typisch katholisches Projekt: die Aufführung der Leidensgeschichte Jesu.

von Paul Sklorz (Text und Fotos)
 
„Wir wollen die Passion Jesu nicht als etwas Historisches, Vergangenes darstellen, sondern auf ihre Bedeutung für die Gegenwart hinweisen“, sagt Ulrike Harnisch, Schwes­ter im Konvent der Erfurter Ursulinen. Zusammen mit ihrem Kollegen Jupp Kokott hat Harnisch das Skript zum Passionsspiel verfasst. Nun führen beide gemeinsam Regie. Aufgeführt wird an vier Terminen im März. Kurz vor der Premiere laufen die Vorbereitungen auf Hochtouren. Ulrike Harnisch und Jupp Kokott proben mit Nils Hoffmann und den anderen Darstellern auf dem Gelände des Erfurter Doms. Zwei Maskenbildner verleihen den Akteuren das passende Aussehen.
In seinem weißen Gewand ist aus Nils ein Jesus-Double geworden. Er trägt eine Perücke aus langem, dunkelbraunen Haar, darauf die Dornenkrone. Später tupfen ihm die Maskenbildner noch Kunstblut ins Gesicht. Seine Brille muss Nils allerdings anbehalten. „Ohne die könnte ich gar nicht sehen, wohin ich laufen muss.“ Und laufen muss der Jesus-Darsteller viel. Mit einem über zwei Meter hohen Holzkreuz auf der Schulter passiert er acht Stationen im und um den Erfurter Dom. Begleitet wird er dabei von zwei Darstellern, römischen Soldaten, die ihn beschimpfen und mit Lederriemen schlagen – zum Glück ist alles nur Spiel.
An jeder der acht Stationen erwartet Jesus eine andere Szene. Dabei löst er sich – eine originelle Darstellung – jeweils für einen Moment von seinen Wächtern und greift in das Geschehen ein. Etwa als er am Fuß des Domes an eine Kriegsszene kommt. Dort drohen zwei Soldaten in Tarnmontur einen Menschen zu erschießen. „So ein Ungeziefer, wie du, muss vernichtet werden!“, schreit einer der beiden Soldaten das wehrlose Opfer an, das vor ihm auf dem Boden kniet.
„Barmherzigkeit! Ha, lächerlich! Den Starken und Skrupellosen gehört die Welt, nicht solchen Jammerlappen wie dir“, brüllt der Soldat weiter und befiehlt seinem Kameraden, das Opfer hinzurichten. Als Jesus die Gefahr sieht, legt er sein Kreuz ab. Er geht auf die Soldaten zu, drückt ihre Waffen zu Boden und spricht die bekannten Worte: „Selig, die keine Gewalt anwenden; denn sie werden das Land erben. Selig die Barmherzigen; denn sie werden Erbarmen finden. Selig, die Frieden stiften; denn sie werden Söhne Gottes genannt werden.“ Jesus kann die Soldaten überzeugen, sie lassen das Opfer gehen.
Der Gottessohn muss seinen Kreuzweg fortsetzen. Später wird er unter anderem eine Suizid-Gefährdete vor dem Tod retten. Immer wieder treffen auf diese Weise Darstellungen und Zitate aus der Bibel mit Situationen aus der Gegenwart zusammen.
Die Rolle des Jesus füllt Nils Hoffmann dabei gerne aus: „Jesus hat sich in den Dienst der Menschen gestellt, obwohl er einen solchen Leidensweg vor sich hatte.“ Für den Theologiestudenten hat Mutter Teresa einmal das Vorbild Jesu in eine richtige Aufforderung gefasst: Begegne jedem Menschen so, dass er, wenn er dich verlässt, ein Lächeln im Gesicht hat. Die Idee, eine eigene Passionsgeschichte neben der weltberühmten im bayerischen Oberammergau auf die Beine zu stellen, hatte der Erfurter Weihbischof Reinhard Hauke. Sie sollte sich aber klar von den Spielen in der Gemeinde im oberbayerischen Landkreis Garmisch-Partenkirchen unterscheiden, die es dort schon seit 1634 gibt. Dabei bat er auch Jupp Kokott um Unterstützung. Kokott sagte gleich zu, war sich aber auch der schweren Aufgabe bewusst, mit der Inszenierung möglichst viele kirchenferne Menschen anzusprechen. Sein Ziel formuliert er so: „Wir wollen die Leute dort abholen, wo sie sind, und ihnen zeigen, dass Kirche nicht verstaubt ist, sondern jung und lebendig.“ Pro Aufführung erhofft sich Kokott bis zu 150 Zuschauer, die den Passionsweg begleiten. Die Premiere sei bereits ausverkauft, freut sich der Regisseur. Auf möglichst viele Gäste hofft auch Jesus-Darsteller Hoffmann. Wenn er dann für sie den Jesus verkörpert hat, dann, so sein Wunsch, wird die Kirche bei den Zuschauern dank der modernen Darstellung vielleicht wirklich ein jüngeres Image bekommen. Genau das wird sich auch der 21-Jährige wieder zulegen – wenn er sich nach den Aufführungen den Vollbart abrasiert.


Eine Soldat richtet seine Waffe auf einen Wehrlosen: Aktuelle Szenen sind in das Passionsspiel integriert. Dabei greift Jesus immer wieder in das Geschehen ein.

22.05.2012
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