Gedanken zum Evangelium
Der Kraft des Weizens vertrauen
Das Wort Jesu vom Unkraut unter dem Weizen will ein Mutmach-Gleichnis für die Kirche in der heutigen Zeit sein.
von Christhild Neuheuser
Wie es scheint, empfiehlt uns Jesus mit dem heutigen Evangelium den juristischen Grundsatz: „Im Zweifelsfalle für den Angeklagten!“ Solange das Unkraut nicht eindeutig vom Weizen unterschieden werden kann, soll beides weiter wachsen; soll sich beides unter den Augen dessen entfalten, der seine Sonne aufgehen lässt über Böse und Gute und der es regnen lässt über Gerechte und Ungerechte. Aber der große Unterschied zu den oft unbefriedigenden Gerichtsurteilen in unserem Land besteht darin, dass das Urteil nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben wird; und vor allem darin, dass es unserer Verfügbarkeit entzogen und Gottes Gericht vorbehalten bleibt.
Das könnte zur Erklärung genügen, wenn da nicht auch einige Anfragen zu stellen wären:
• Soll man wirklich jegliches Unkraut – alles Böse – gewähren lassen, auch auf die Gefahr hin, dass es das Wachsen des Getreides – des Guten – verhindert?
• Gilt nicht auch gerade bei allem Bösen: Wehret den Anfängen?
• Widerspricht solches Verhalten nicht den sonst so radikalen Aussagen Jesu wie etwa: „Wenn dich deine Hand zum Bösen verführt, dann hau sie ab und wirf sie weg“ (Mt18,8)?
Solche Anfragen mögen berechtigt sein. Sie verweisen darauf, dass es in der Botschaft Jesu vermeintliche Widersprüche gibt; aber sie zielen nicht auf die Mitte dieses Gleichnisses, auf das sogenannte „Tertium comparationis“. Das ist zu finden in dem schlichten Vergleich: So wie der Weizen trotz des Unkrauts und nur zusammen mit dem Unkraut zur Reife kommt, so kommt auch das Reich Gottes trotz aller Widersacher und Widerstände dieser Welt zur Vollendung. Insofern verkündet das Gleichnis vom Unkraut im Acker die gleiche Botschaft wie das andere Reich-Gottes-Gleichnis von der Saat. Diese bringt hundertfache Frucht hervor, obwohl vieles vom ausgestreuten Samen unter den Dornen oder auf trockenem Boden verkommt.
Brauchen wir in unserer heutigen kirchlichen und gesellschaftlichen Situation und auch im Hinblick auf das unentwirrbare Gemisch von Gutem und Schlechtem im eigenen Herzen nicht gerade solche „Mutmachgleichnisse“? Gott vertraut dem Weizen und fürchtet das Unkraut nicht. Er kann gelassen zuwarten, was sich im Laufe des Wachsens und Reifens entwickelt. Erst am Ende nimmt er die Scheidung vor.
Im Zusammenhang dieses Gleichnisses bleibt offen, was mit dem Verbrennen des Unkrauts gemeint ist. Jedenfalls ist die Deutung voreilig, das seien schuldige Menschen, die im ewigen Feuer brennen müssen. Möglicherweise will Jesus sagen, dass alles Böse und alle Macht des Bösen am Ende vor den Augen des Herrn der Ernte zu Asche fallen. Jedenfalls macht das Gleichnis deutlich, dass nicht wir zu richten haben, weder am Ende noch in der Zeit des Wachsens, wenn wir meinen, das Unkraut ausreißen zu müssen. Das einzusehen dürfte uns eigentlich nicht schwerfallen, erleben wir doch alle Tage sehr konkret die Verflochtenheit von Gutem und Schlechtem und auch das Unheil, das von denen ausgeht, die sich absolute Urteile über den Wert ihrer Mitmenschen anmaßen oder gar sich berechtigt fühlen, alles auszurotten, was sie für Unkraut halten. Wenn wir nur dem Weizen vertrauen und das Unkraut nicht fürchten, sind wir damit auf Gottes Spur.







