Aktuelle Ausgabe
2012-20

Jugendliche aus dem Pastoralverbund Kamen halfen beim Work-Camp in Sarajevo

Der bosnische Pinsel

Manchmal mussten die Jugendlichen beim Wegräumen des Mülls einen Mundschutz tragen.

Kamen. „Ich habe auch etwas zu erzählen!“ sagt Anita beim abendlichen Austausch im Altarraum der kleinen Kirche von Vogosca. Sie ist 17 Jahre und stammt aus Vogosca, einer Vorstadt von Sarajevo im Herzen Bosniens. „Unsere Aufgabe war es heute, den großen Zaun rund um die Grundschule des Ortes anzustreichen. Es war total heiß“, berichtet sie. „Wir waren zu siebt und für mich war kein Pinsel mehr da. Also hab ich mir aus einem Stock und einem Tesa-Krepp-Band einen Ersatzpinsel gebastelt und damit weiter angestrichen.“ 

Dann kam für Anita die Überraschung. „Auf einmal stand ein junger Mann aus Vogosca am Zaun. Er fragte mich, was wir dort machten. Ich hab ihm von unserem Camp erzählt und davon, dass wir mit Jugendlichen aus Deutschland, Bosnien, Frankreich und verschiedenen Orten Bosniens 17 Tage lang vorrangig alten hilfsbedürftigen Menschen und kinderreichen Familien helfen, ihre Wohnungen wieder in Schuss zu bringen. Er war gerührt und fragte, ob wir etwas bräuchten. Ich winkte ab, denn er war mir alles andere als sympathisch.“

„Stop and go!“ war an diesem Tag das Motto im Camp. Vom Tagesevangelium her hatte sich die Gruppe motivieren lassen, immer wieder „Stop!“ zu sagen, wenn sie den Eindruck hatte, aus der konkret gelebten Liebe heraus zu fallen. Und dann hieß es wieder: „Go!“ im Sinne konkreter Schritte der Liebe. 

Anita erzählte weiter: „Nach 10 Minuten kam der junge Mann wieder. Er hatte zwei neue Pinsel in der Hand und übergab sie mir. Ich war ganz gerührt, denn einen solchen Schritt konkreter Hilfe hatte ich ihm nicht zugetraut. Ich hab gelernt, mich nicht nur vom Äußeren eines Menschen leiten zu lassen, sondern wirklich an die Liebe im anderen zu glauben!“

25 bis 40 junge Leute, darunter 15 aus dem Patoralverbund Kamen-Kaiserau, saßen  Abend für Abend bei der Austauschrunde und lauschten gespannt den Erfahrungen der Campteilnehmer. 23 Wohnungen haben die Jugendlichen renoviert.

Bei den Kiamets etwa sah es im Kinderzimmer aus, als sei gerade eine Bombe eingeschlagen. Es wurden zwei Doppelstockbetten gebaut, das ganze Zimmer angestrichen, eine Schlafzimmerlampe besorgt und ein neuer Fußboden verlegt, damit die vier kleinen Kinder menschenwürdig unterkommen und aufwachsen konnten. „Ich hab noch nie gesehen, dass sich Kinder so über ein Bett freuen können!“ bemerkte Marcus aus dem „Workshop Kiamet“.

Ein Kunstworkshop hatte ein großartiges Kunstwerk zu Papier gebracht: Eine die ganze Schöpfung in gleißendes Licht tauchende Sonne. Dieses Werk sollte auf eine große Wand in der Schule aufgetragen werden. Kurz vor dem Malstart an der Wand, zog die Direktorin der Schule ihre Erlaubnis zurück. Die Jugendlichen ahnten, dass in diesem Vorort Sarajevos, der einst als „Stadt ohne Gott” gebaut worden war, noch verborgene Motive und Ängste eine solche Entscheidung beeinflussen.

20000 Muslime lebten dort und nur 200 katholische bosnische Kroaten. Es war völlig ungewohnt, dass von jungen Christen und Christinnen solche Aktionen hier zum Wohle der Stadt ausgeführt wurden, einfach um bedürftigen Menschen zu zeigen: „Ihr seid geliebt!“ So war auch das Leitthema des Camps mittlerweile tief in den Herzen der jungen Leute verwurzelt. Es lautete: „Du bist geschaffen, um zu lieben!“ 

Ortspfarrer Marijan Orkic war von Anfang an begeistert, als die Anfrage kam, das Friedenscamp bei ihm organisieren zu dürfen. Er hatte alle Wohnungen organisiert und Kontakte aufgebaut – auch zum örtlichen Fernsehen, das immer wieder vorbeischaute, sodass das Camp in Vogosca und in ganz Sarajevo Gesprächsstoff war. „Ich hab immer nur ca. 20 Leute hier in der Kirche und die meisten von ihnen sind alt“, berichtete der Pfarrer. „Aber jetzt, wo ihr da seid, sind meine beiden Kirchen ganz voll. Und fast nur junge Leute. Ja, das ist die Kirche, eine Familie vereint aus Menschen verschiedener Sprachen, Länder und Altersstufen!“

Abend für Abend brannte auf der großen Wiese vor dem Pfarrhaus, auf dem die 10 Zelte aufgebaut waren, in denen die Campteilnehmer schliefen, noch ein Feuer. Es wurde gespielt, erzählt, gelacht, gesungen und getanzt. Dieses Feuer war wie ein Symbol des Camps. Abend für Abend entfachten es die Jugendlichen selber. Sie brachten sich fürein-ander, miteinander und eben für andere ins Spiel und dabei öffnete sich so manches Herz. Auch das von Maruschka. Sie war aus Tschechien und sagte: „Weißt du, ich glaube nicht mehr. Ich bin Atheistin!” Sie lebte die Tage des Camps mit und fragte Diana, die im September dieses Jahres mit zwei bosnischen jungen Frauen des Camps, die für ein Jahr nach Kamen kommen werden, in Kamen eine internationale WG eröffnet: „Darf ich für zwei bis drei Wochen zu euch nach Kamen kommen und euch besuchen? Dieses Leben hier hat mein Herz so berührt. Ich möchte es tiefer kennenlernen!”

„Zeigte uns Gott hier nicht einen Weg, wie es mit seiner Kirche weiter geht?“, meint Pastor Meinolf Wacker und fährt fort: „Einer Kirche, die sich aussetzt für die, die sie brauchen. Einer Kirche, die ganz auf die Liebe baut und sich für nichts zu Schade ist. Einer Kirche, die brennt, weil Er, Jesus, in der Mitte all dieser kleinen Zellen lebt und brennt. Einer Kirche, die für viele anziehend ist, weil sie jeden frei lässt und seinen oder ihren Weg finden lässt. Einer Kirche, die sich jeden Tag um das Geheimnis der Eucharistie versammelt und für all die betet, denen sie am Tag begegnet war. Einer Kirche, die Netzwerk geworden ist, lebendiger Organismus für diese Welt.“


22.05.2012
Impressum | Kontakt
4002