Helmut Scherer und sein kleinster Karnevalsumzug der Welt
Der einsamste Jeck Deutschlands
An 364 Tagen im Jahr ist Helmut Scherer ein geselliger Mensch. Am 365. Tag wird er zum Einzelgänger. Immer an Weiberfastnacht verwandelt sich Scherer in den wohl einsamsten Jecken Deutschlands. Als kleinster Karnevals-Umzug der Welt zieht er mit einem bunt geschmückten Handkarren durch Unna. In diesem Jahr macht er sich unter dem Motto „Ich geh jetzt ins Altersglück – Unna bleibt allein zurück“ zum letzten Mal auf den Weg.
Text: Inga Kilian (KNA),
Matthias Nückel
Fotos: Wolfgang Radtke (KNA)
Zwei Schnapszahlen – sein 77. Geburtstag und der zum 55. Mal stattfindende Umzug – seien ein guter Grund, um sich aus dem Unnaer Karneval zurückzuziehen, meint er. Schwer fallen wird es ihm trotzdem – umso mehr genießt er seinen letzten jecken Auftritt. Der Weiberfastnachtstag beginnt für Helmut Scherer früh am Morgen. „Verkleiden, Schminken, alles vorbereiten, das dauert seine Zeit“, sagt er. Bis acht Uhr muss er fertig sein, dann erwartet ihn der harte Kern seiner Anhänger auf dem Hof vor seiner Wohnung mitten in Unna. Auch im vergangenen Jahr versammelten sich trotz dichten Schneetreibens einige Jecken schon früh am Morgen. Unter ihnen auch die Musikgruppe „Wandervögel“, die den Ein-Mann-Zug mit Pauke und Teufelsgeige unterstützen. Gesponsert wird sie von den Stadtwerken, die zugleich auch die Gestaltung des Karnevalswagens nach den Ideen Scherers übernehmen. Beim letzten Umzug schmückte ein Esel, das Wahrzeichen Unnas, den Wagen. „Wer Unna nicht kennt, hat die Welt verpennt“, lautete das Motto. Eine Hommage ans Ruhrgebiet, passend zum Jahr der Kulturhauptstadt Ruhr 2010.
Eine halbe Stunde braucht die kleine Karnevalsgesellschaft, bis alles bereit ist, dann zockelt sie langsam los. Das Thermometer zeigt minus fünf Grad, es schneit, und aus den Boxen der Wandervögel tönen fröhliche Karnevalsschlager. Keine hundert Meter hat der Zug hinter sich gebracht, da öffnet sich eine Haustür. Eine Frau läuft auf die Straße hinaus, in der einen Hand ein Schnapsglas, in der anderen die passende Flasche Kräuterlikör. „Helau und Prost!“ heißt es, und schon hat der rüstige Scherer den ersten Schnaps intus. Die anderen Zugteilnehmer quittieren es mit fröhlichem Gelächter.
Die Stimmung ist ausgelassen, als sich der Zug seiner ersten Station nähert. Hier, im Katharinen-Hospital, wird er schon sehnlich erwartet. Patienten im Morgenmantel, Schwestern und Ärzte freuen sich über den Besuch. „Da vergisst man für einen Moment all seine Sorgen und Krankheiten“, sagt ein Patient und mischt sich unter das bunte Karnevalsvolk. Es gibt Sekt, Brötchen und eine Rede. Der Sozialarbeiter des Krankenhauses wagt ein Tänzchen mit einer alten Dame im Morgenmantel, dann brauchen auch die Musiker erst einmal eine Stärkung.
Allzu lange können sich die Narren jedoch nicht aufhalten. Dafür, dass es pünktlich weitergeht, sorgt Dagmar Kayser-Passmann, ihres Zeichens Managerin des einsamen Jecken. Sie kümmert sich um den reibungslosen Ablauf. „Das muss ja alles organisiert werden“, sagt sie. „Helmut lebt den Karneval und hat so viele Ideen, ich versuche dafür zu sorgen, dass er sie auch umsetzen kann“, sagt sie. Tatsächlich fällt es ihr von Station zu Station schwerer, den närrischen Helmut zum Weiterziehen zu bewegen. Zu sehr genießt er es, mit den Damen vor Ort das Tanzbein zu schwingen und Küsschen zu verteilen.
Trotzdem, das Ziel ist klar definiert: Es geht zum Rathaus, um 11.11 Uhr wird gestürmt. „Für den Weg brauche ich fast drei Stunden, weil ich überall eingeladen werde“, erzählt Scherer. Und tatsächlich – auf dem Weg durch die Fußgängerzone geht es nur langsam voran. Hier hat man den Jecken und sein Karnevalstreiben ins Herz geschlossen. Alle hundert Meter stoppt der Zug. Der portugiesische Lebensmittelhändler spendiert Portwein, in der Apotheke lädt der Besitzer zum Kräuterschnaps. Die Zahl der Zugteilnehmer ist mittlerweile auf ganze 100 angestiegen.
Hoch her geht es auch in der Volksbank. Der Direktor höchstpersönlich begrüßt Scherer und lädt zu Sekt und Berlinern. Aber auch damit kann er nicht verhindern, dass es ihm und seinen Angestellten an den Kragen geht: Die Krawatten müssen natürlich dran glauben. Erntete Scherer, der 1956 aus dem katholischen Paderborn ins evangelische Unna kam, früher hauptsächlich Spott, ist er heute zum echten Markenzeichen geworden. „Vor 50 Jahren haben die Leute nur den Kopf geschüttelt und mich für verrückt erklärt“, erzählt er. Karneval war für die hiesige Stadtbevölkerung ein Fremdwort.
Ein Verzicht auf das närrische Vergnügen kam für Scherer jedoch nicht in Frage. Kurzerhand entschloss er sich, seinen eigenen Karnevalsumzug zu organisieren, damals noch in der Hoffnung, Gleichgesinnte zu finden. Die hat er nach mittlerweile 55 Jahren Umherziehens aufgegeben. Eine Karnevalshochburg ist Unna beileibe nicht. In diesem Jahr, zu Scherers Abschied, wird es jedoch ein größeres Gefolge geben. 130 Kinder der Katharinen- und Nicolaischule werden mit Trommeln den Zug begleiten. Die Bodyguards, Tanzmariechen Jasmin (mit Tanzpartner Alexander) und das portugiesische Kinderprinzenpaar werden ebenso dabei sein wie zahlreiche Ordensritter der Vorjahre. „Und eine Konfettimaschine schießt Konfetti“, berichtet Scherer.
Auch die Stadt Unna weiss, was sie an ihrem Jecken hat. Sie unterstützt ihn in der Öffentlichkeitsarbeit. Schließlich hat Scherer es geschafft, Unna mit dem kleinsten Karnevalszug der Welt bundesweit in die Medien zu bringen. So werden die Jecken an Weiberfastnacht selbstverständlich im Rathaus erwartet: Feierlich überreicht Bürgermeister Werner Kolter den Rathausschlüssel. „Das ist sensationell, was Helmut Scherer hier auf die Beine stellt“, sagt er. „Eigentlich ist mir der Karnevalsvirus fremd, aber heute lasse ich mich gerne infizieren.“
Im Rathaus erhalten die die von Scherer ausgewählten Ordensritter ihre Insignien. Seit Juni hat er mögliche Kandidaten auf Herz und Nieren geprüft. Neben Markthändlerin Brunhilde Sieger ist in diesem Jahr erstmals ein Geistlicher närrischer Ritter: Pfarrer Georg Birwer von der katholischen Kirchengemeinde St. Katharina. „Es gibt drei Kriterien für die Auswahl der Ritter“, berichtet Scherer. „Menschlichkeit, gutes Zuhören und Humor. Das alles hat Pfarrer Birwer.“
Bürgermeister Kolter hatte schon bei Bekanntgabe der Namen die Auswahl gelobt. Die beiden passten gut zusammen, meinte er, „die Marktfrau sorgt für das leibliche Wohl, der Pfarrer für das seelische“. Als Insignien erhalten sie einen handgemachten Orden und eine handgemachte Mütze. Unikate, wie Scherer betont, die man nirgendwo kaufen könne.
Am Schluss verrät der Karnevalist dem DOM ein bislang gut gehütetes Geheimnis – nämlich, wie er selbst im diesjährigen Zug auftritt. „Sechs Jugendliche werden den Bollerwagen ziehen und ich sitze oben als Alterspräsident“, meint Scherer schmunzelnd. Um 12.12 Uhr ist dann alles vorbei. Ob dies auch das Ende des Karnevals in Unna ist, steht in den Sternen. „Wie es danach (karnevalistisch) in Unna weitergeht“, schreibt die Stadtverwaltung in ihrer Pressemeldung, „ist noch ungewiss…“







