Gedanken zum Evangelium
Der geteilte Himmel
Durch das Kommen Jesu haben wir einen freien und offenen Zugang zum Himmel.
von Ansgar Wiemers
„Der geteilte Himmel“ ist der Titel einer 1963 erschienenen Erzählung der unlängst verstorbenen Christa Wolf. Anfang der 1960er-Jahre: Rita und Manfred, sie angehende Lehrerin, er Chemiker, werden ein Paar. Als Manfred sich, vom Sozialismus enttäuscht, in den Westen absetzt, reist Rita ihm nach und versucht erfolglos, ihn zur Rückkehr zu bewegen. Kurz nachdem Rita in die DDR zurückgekehrt ist, wird die Mauer gebaut und trennt die beiden endgültig. Der Himmel einer gemeinsamen Zukunft ist – in ihrem Denken und auch äußerlich – geteilt. Alle Hoffnung und Sehnsucht, alle Liebe und Trauer hat für sie keinen gemeinsamen Ort mehr.
Das Evangelium von der Taufe Jesu spricht auch vom Himmel. Wieder ist es der Himmel, der geteilt ist, diesmal allerdings nicht als Bild der Trennung, sondern der sich wie ein Vorhang öffnet und den Blick freigibt auf etwas, das zuvor noch verborgen war. Der Himmel ist nach biblischem Verständnis der Ort Gottes: „Der Herr weilt in seinem heiligen Tempel, der Thron des Herrn ist im Himmel. Seine Augen schauen herab, seine Blicke prüfen die Menschen.“ (Ps 11,4)
Jesus aus Nazaret, ein Mensch aus einem damals unbedeutenden Dorf im heidnischen Galiläa kommt zu Johannes an den Jordan und lässt sich von ihm taufen. Er steht verborgen und ganz selbstverständlich mitten unter denen, die ihn nicht kennen (vgl. Joh 1,26). Erst als er nach dem Empfang der Taufe aus dem Wasser steigt, öffnet sich der Himmel. Er sieht, dass der Heilige Geist wie eine Taube auf ihn herabkommt; gleichzeitig lässt er ihn hören, wie eine Stimme aus dem Himmel spricht: „Du bist mein geliebter Sohn, an dir habe ich Gefallen gefunden.“ Da der Himmel über ihm offen ist, wird er aus den Fluten des Verderbens gerettet (Ps 18,5); aus Leiden und Tod wird er auferstehen und seinen Jüngern nach Galiläa vorausgehen (vgl. Mk 16,6-7). Schon am letzten Tag der Weihnachtszeit, am „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus, dem Sohn Gottes“ (vgl. Mk 1,1), bei der Taufe im Jordan, „leuchtet auf der Tag der Erlösung“ (Präfation vom Advent V).
Die Stimme aus dem Himmel ist die Stimme des Vaters. Weil Jesus sein geliebter Sohn ist, bleibt der Himmel über ihm geöffnet. Da der Himmel nun offen ist, kann der Geist Gottes beständig auf ihm ruhen. Deshalb kann er denen, die auf ihn hören (vgl. Mk 9,7), von diesem Geist mitteilen: er kann sie, wie Johannes ankündigt, „mit dem Heiligen Geist taufen.“ Der Himmel, der sich über Jesus zuerst geöffnet hat, „geht über allen auf, auf alle über, über allen auf“, wie es in einem Kanon von Wilhelm Willms und Peter Janssens heißt. Wer Jesus nachfolgt, wird wie Stephanus (vgl. Apg 7,54-56) den Himmel offen sehen. Von Jesus her geht der Himmel auf über allen, die im Heiligen Geist durch die Taufe mit ihm und dadurch mit Gott und untereinander verbunden sind. Jesus teilt seinen Himmel, d. h. sein göttliches Leben als geliebter Sohn Gottes, mit den Menschen; denn er will, dass seine Jünger dort sind, wo er ist (vgl. Joh 14,3).
Nach den weihnachtlichen Festtagen und dem Fest der Taufe des Herrn beginnt nun wieder der Alltag. Gott hat durch die Menschwerdung seines Sohnes seinen Himmel mit uns geteilt. Als geliebte Söhne und Töchter Gottes können wir unsere Wege gehen „unter der Gnade“ (so im Text eines Liedes von Manfred Siebald); denn wir wissen über uns allen den offenen, geteilten Himmel, wo all unsere Hoffnung und Sehnsucht, alle Liebe und Trauer bei Gott ihren Ort und ihr Ziel finden.







