Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Der gute Hirt führt ins Leben

Pfarrer Ludger Hojenski, Leiter des Pastoralverbundes Wickede-Asseln, Wickeder Hellweg 59, 44319 Dortmund

Menschen brauchen Hirten, die sie ins Leben führen und die sich dazu berufen fühlen. Hirte sein erfüllt, erfordert aber den ganzen Menschen, so stellt der Dortmunder Pfarrer Ludger Hojenski auch im Rückblick auf sein priesterliches Wirken fest.

von Ludger Hojenski

Noch vor zwei oder drei Generationen war es ein beliebtes Hochzeitsgeschenk: Das Bild vom guten Hirten. Es fand seinen Platz im Schlafzimmer der Eheleute. Manchmal sehe ich anlässlich der Hauskommunion noch ein solches Bild. Es ist fast immer idyllisch gehalten und vermittelt Sicherheit und Gewissheit: „Ich kenne die Meinen, und die Meinen kennen mich...“ (Joh 10,14b). Heute allerdings ist es ein Bild, das eher schwierig zu vermitteln ist. Zum einen gibt es in unserer Erfahrungswelt kaum noch wirkliche Hirten und Herden. Zum anderen erkennt mancher sich nicht im „Schaf“ wieder, d.h. will nicht für dumm verkauft oder als Herdentier verstanden werden.
Was aber macht den guten Hirten aus? Es ist ein Beruf, der den ganzen Menschen einfordert. Gute Hirten kennen ihre Herden wirklich, verschreiben sich ihnen mit Leib und Seele, sie schützen und leiten, sie sorgen und kümmern sich um sie. Dazu braucht es eine tiefe innere Überzeugung, ja Leidenschaft. Guter Hirte – das ist man nicht „mal eben“ oder solange man seinen Spaß daran hat. Es ist eine Lebensaufgabe. Genauso wie man nicht auf ein paar Monate oder wenige Jahre Mutter oder Vater „auf Probe“ sein kann, kann man Hirtendienst nicht im Vorbeigehen erledigen.
Dieser Sonntag ist der Weltgebetstag um geistliche Berufe. In unserem Land steht uns deutlich vor Augen, dass die Zahl junger Männer, die sich zum Hirtendienst berufen sehen, deutlich zurückgegangen ist. Ob es immer weniger wagen, sich rückhaltlos selbst zu geben? Oder ob nicht auch eine Atmosphäre wirkt, in der es nicht einfacher wird, sich dem Hirtendienst hinzugeben? Als vor 25 Jahren meine Entscheidung, Priester zu werden reifte, wurde meine Mutter einmal gefragt, fast bedrängt: Ob es ihr nicht schwer falle zu wissen, dass bei ihren vier Kindern der einzige Sohn ausgerechnet Priester werden wolle? Sie antwortete: Wenn wir um geistliche Berufe beten, dann dürfen wir uns auch freuen, wenn das eigene Kind diesen Weg geht!
Wenn Jesus von sich selbst sagt: „Ich bin der gute Hirt – der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe“ (Joh 10,11), dann kann das nicht ohne Folgen für uns sein. Weil Jesus als guter Hirte sein Leben für uns hingegeben hat, haben wir das Leben. Es ist das neue, österliche, das licht- und hoffnungserfüllte Leben, das jeden Tod übersteht. Jesus selbst gibt das Beispiel – genauso wie bei der Fußwaschung am Gründonnerstag. In ihm dürfen wir erkennen oder wenigstens erahnen, was es bedeutet, sich rückhaltlos in Freiheit zu binden: Ob in der Ehe, als Eltern, im ehrenamtlichen Engagement oder eben auch als Priester: Unsere Gemeinden, die Menschen um uns und wir selbst brauchen den Hirtendienst – wenn sich jeder nur um sich selbst kümmern müsste, wären wir auf Dauer verloren.
Wenn wir uns im Vergleich mit Jesus sehen, wissen wir, wie weit Anspruch und Wirklichkeit auseinander liegen. Das liegt nicht nur daran, dass es nicht leichter geworden ist, den Hirtendienst als Vater, Mutter, Ehemann oder -frau auszuüben. Wir alle bleiben einander auch immer etwas schuldig – wir machen Fehler, wir sind vorschnell oder uns fehlt dann doch der Überblick, um gerecht und weise zu entscheiden. So bleibt es eine Lebensaufgabe, sich in diesem Hirtendienst einzuüben. Für meinen Teil kann ich sagen: An keinem Tag habe ich meine Entscheidung bereut und je älter ich werde, umso lieber tue ich, was mir Beruf und Berufung ist. Das ist die Erfahrung, die ich jedem wünsche, der versucht, sich für sein Leben am guten Hirten Jesus Christus zu orientieren!


22.05.2012
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