Gedanken zur Lesung
Der gute Hirte-König
In Jesu Königtum zählt nicht Macht, sondern Fürsorglichkeit und Einsatz für die Benachteiligten. Der gute Hirte führt die Schwachen in die erste Reihe. So deutet Monika Krieg von der Telefonseelsorge Paderborn die Lesungen zu Christkönig.
von Monika Krieg
Jedes Jahr brauche ich einen „Anlauf“, um mich auf das Christkönigsfest einzustellen. Spätestens wenn im Gottesdienst die vertrauten Lieder erklingen, „Christkönig halleluja“, grüble ich darüber nach, ob ich diese Zuschreibungen eines machtvollen Herrschers und König überhaupt teilen kann. Und ich muss mir dann bewusst in Erinnerung rufen, dass Jesus selbst beim Verhör durch Pilatus sagt: „Ja, ich bin ein König!“ (Joh 18)
Und dennoch: mit meinem Unbehagen am Königtum stehe ich in guter biblischer Tradition. Dies entnehme ich den kritischen Worten des Propheten Ezechiel, der im sechsten vorchristlichen Jahrhundert lebte. In seine Zeit fiel die Katastrophe schlechthin: die Zerstörung des Tempels in Jerusalem, der Verfall des Reiches und die Verbannung in das babylonische Exil. Israel war verloren und der Prophet lastet die Schuld daran den Königen und Führern als schlechten Hirten an.
Uns heutigen Menschen erscheint es vielleicht merkwürdig, das Bild vom Hirten für einen König zu verwenden. Ezechiel schließt sich damit jedoch den Vorstellungen seiner Zeit und seines Kulturkreises an: „Hirte“ war ein ehrenvoller Beiname für die altorientalischen Könige. Nur ein König, der auch die Eigenschaften eines guten Hirten aufwies, war auch ein guter König. Und da haben die Führer Israels versagt.
Nein, das Königtum muss anders ausgeübt werden. Dies entfaltet Ezechiel in der ersten Lesung. Gott selbst will Führung und Fürsorge für sein auserwähltes Volk übernehmen: „Jetzt will ich meine Schafe selber suchen und mich selber um sie kümmern.“ Berührend anschaulich schildert der Prophet Gott als guten Hirten, seine Fürsorge, sein Erbarmen und seine Gerechtigkeit. Und es rührt mich auch, dass Gott seiner Zuwendung für sein Volk im „ich will“ und „ich werde“ so deutlich und entschieden Ausdruck verleiht. Ja, so ist euer Gott, ruft der Prophet seinen Zuhörern zu. Und so, genau so soll auch ein König wirken.
Aber der Text hat auch noch einen zweiten Schwerpunkt. Sehr ausführlich beschreibt er die (menschlichen) Befindlichkeiten, für die der gute Hirten-König da ist: die Verwirrten und Verirrten, die Verwundeten und Schwachen, die Hungernden und die Kräftigen, und schließlich auch die Zerstrittenen, die der Rechtsprechung bedürfen. Das Evangelium vom Weltgericht, 600 Jahre später aufgeschrieben, wird diese Menschen als die Hungernden, die Obdachlosen, die Gefangenen bezeichnen. Sie sind diejenigen, denen das Engagement Gottes gilt und die im Reich Gottes, das „nicht von dieser Welt ist“ (Joh 18), in der ersten Reihe sitzen.
Die Texte des Christkönigssonntags stammen aus einer früheren Zeit. Aber jenseits des Unterschieds zwischen damals und heute, zwischen den Kulturen von Vorderasien und Europa, gibt es doch etwas Gemeinsames: menschliches Leben wird als ein gefährdetes erlebt. Sicher, wir fürchten uns nicht mehr vor reißenden Tieren. Wir verirren uns selten in Zeiten von Navigationsgerät und GPS. In der Regel verfügen wir über genügend Nahrung und ein bergendes Zuhause. Aber die „dunklen, düsteren“ Tage kennen auch wir. Vielleicht ist es das, was mich mit dem Christkönigsfest in diesem Jahr ein Stück versöhnt. Der fürsorgliche König misst sich eben nicht an der jährlichen Apanage, der Macht, und der möglichst häufigen Erwähnung in der Boulevardpresse. Er misst sich einfach an dem, wie es den Mitbewohnern des Königtums geht, vor allem denen, die besonders schutz- und hilfsbedürftig sind. Und da denke ich, haben wir und unsere heutige Welt den guten Hirten-König immer wieder nötig.







