Aktuelle Ausgabe
2012-20

Das Waldpiraten-Camp der Kinderkrebshilfe schenkt Patienten Mut

Die Angst über Bord werfen

Aus ganz Deutschland kommen Kinder zu den Waldpiraten nach Heidelberg. Sie alle haben oder hatten Krebs. Zehn Mal im Jahr, von März bis Oktober, organisiert die Deutsche KinderKrebshilfe eine solche Freizeit. Für zehn Tage lassen die Kinder ihre Eltern, Wohnung und Alltag hinter sich – und tanken neue Kraft für den Kampf gegen den Krebs.

Text: Peter Beyer

Fotos: W. Radtke/KNA 

Die Landschaft erinnert an ein Märchen. Wie ein dichter grüner Teppich schmiegt sich der Heidelberger Stadtwald an die Hänge, an denen der Neckar ruhig vorbei fließt. Am Rande dieser Idylle liegt das „Waldpiraten“-Camp der Deutschen Kinderkrebsstiftung. Hier gewinnen kleine Patienten nach der langen Therapie spielerisch Abstand von ihrer schweren Krankheit.

Lina traut sich als erste. Behutsam, ganz vorsichtig setzt sie in luftiger Höhe einen Fuß vor den anderen. Trotz des Haltegurtes mit stählernen Haken steht der Zwölfjährigen die Anspannung ins Gesicht geschrieben. „Alles sehr wackelig“, vermeldet sie mit tonloser Stimme von weit oben. Langsam balanciert sie über das Drahtseil. Gespannt schauen die anderen Kinder zu ihr auf, feuern sie lautstark an. Grenzen überwinden, die Angst bekämpfen, Mut sammeln, das kommt diesen Kindern nur zu bekannt vor. Denn sie alle haben oder hatten Krebs.

Aus ganz Deutschland kommen die Kinder zu den Waldpiraten. Zwischen neun und fünfzehn sind sie und lassen hier für zehn Tage Eltern, Wohnung und Alltag hinter sich. Mit an Bord ist die zehnjährige Johanna aus Worms. Sehr ernst, sehr erwachsen für ihr Alter wirkt das Mädchen, das einen dreizehnmonatigen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat. Auf der Station hat ihr eine Mitpatientin von den Waldpiraten erzählt. „Aber ich war noch zu jung“, berichtet Johanna, während sie im Werkraum des Camps den Stoff für einen Bucheinband zurechtschneidet. Also hat sie erst einmal ihre Schwester ins Camp geschickt, als Ausguck sozusagen.

Denn auch die gesunden Geschwister sind im Camp willkommen. Johannas Schwester gefiel es, und nun ist Johanna selbst schon zum dritten Mal hier. Heimweh ist für sie kein Thema. „Man lernt ständig neue Kinder kennen, und es gibt viele Spiele, die einen ablenken.“ Dann huscht zum ersten Mal ein Lächeln über ihr Gesicht. „Außerdem ist es mal ganz gut ohne meinen kleinen Bruder. Der ist nämlich gerade so richtig nervig“, stöhnt sie und macht sich wieder an die Arbeit.

Zehn Mal im Jahr, von März bis Oktober, organisiert die Deutsche KinderKrebshilfe hier eine solche Freizeit. Bis zu vierzig Kinder können jeweils dabei sein – und auf insgesamt 14000 Quadratmetern Fläche spielen, basteln oder einfach nur entspannen. Macht das Wetter mal nicht mit, bieten eine Holzwerkstatt, ein Töpferofen, eine gewaltige Spielesammlung und ein eigenes Theater genug Abwechslung drinnen. Auf dem Ausflugsprogramm stehen Kanufahrten, Radtouren, Tauchen, Reiten. Ganz hoch hinaus geht es mit den Piraten, wenn ein Aeroclub aus der Region sie mit an Bord ihrer Cessnas nimmt. Mitunter lässt aber schon eine schlichte Einkaufstour nach Heidelberg – samt Abstecher zum Zuckerbäcker – das Herz der Kinder höher schlagen.

Bei allem Spiel und Spaß wird im Camp die Sicherheit groß geschrieben. Auf zwei Kinder kommt ein geschulter Betreuer, der genau auf individuelle Bedürfnisse und Medikamentenpläne eingeht. Zudem stehen Mediziner in ständiger Bereitschaft, und im Falle eines Falles ist es ein kurzer Weg vom Camp zur Heidelberger Uniklinik mit ihrer Kinderkrebsabteilung. Die Nächte verbringen die Waldpiraten übrigens nicht auf Freibeuterschiffen, dafür aber in rustikalen Blockhütten, die barrierefrei eingerichtet sind.

Das ist wichtig, zum Beispiel für Julius. Der Zehnjährige ist derzeit auf den Rollstuhl angewiesen, muss das Laufen erst wieder lernen. Dreißig Minuten am Tag verbringt der Junge aus Limburg zu Hause mit Gehübungen; es sind für ihn manchmal frustrierende, manchmal ermutigende und immer sehr anstrengende Minuten. Wenn seine Freunde herumtoben und spielen, schaut Julius ihnen zwangsläufig hinterher. Nicht so bei den Waldpiraten. Mit denen entert Julius heute sogar die Kletterwand. Zunächst sichert er seinen Kameraden mit dem Halteseil, dann geht es für ihn selbst zur Sache. Julius, der Rollstuhlfahrer, richtet sich auf. Weil die Beinmuskulatur noch zu schwach ist, muss Julius sich ganz langsam mit den Armen aus seinem Gefährt stemmen.

Betreuer Florian Münster, den sie hier alle Flo nennen, greift seinem Schützling unter die Arme. Der kämpft sich allmählich bis zum ersten Stützpunkt an der Kletterwand vor. Dort ist seine Kraft zu Ende, mehr ist nicht drin. Noch nicht. „Jeder kommt mit seinen Barrieren hierher“, sagt Florian, „und es geht darum, sie zu dehnen und irgendwann zu überwinden.“ Der 25-Jährige weiß genau, wovon er spricht. Denn als Kind litt er selbst unter Leukämie – und ist ein Waldpirat der allerersten Stunde.

„Ich habe so viel von diesen Camps profitiert, jetzt möchte ich etwas zurückgeben“, sagt Florian, nachdem er seinem Schützling Julius aus dem Haltegurt hinaus- und wieder in den Rollstuhl hinein geholfen hat. Irgendwann setzte bei ihm die Heilung ein. Nach der Schule ließ Florian sich zunächst zum Holzmechaniker ausbilden. Doch auch in dieser Zeit blieb er den Waldpiraten treu, besuchte Fortbildungscamps, ließ sich zum Betreuer schulen. Drei Semester fehlen Florian jetzt noch zum Abschluss seines Studiums der Sozialarbeit, danach hofft er fest bei den Waldpiraten anheuern zu können.

Sein bisher schönstes Erlebnis als Betreuer hatte er vor zwei Jahren. Ein Junge, der im Rollstuhl zum Camp gebracht worden war, lief seiner Mutter am Ende munter entgegen. „Wenn ich daran denke, bekomme ich noch heute eine Gänsehaut“, sagt der vom Patienten zum Betreuer gewandelte Waldpirat.

Zu Beginn jeder Freizeit, noch bevor die Waldpiraten Kurs auf Spielen und Basteln nehmen, findet im großen Speisesaal eine offene Kennenlernrunde statt. Zwar hat hier jeder seine eigene Krankheitsgeschichte, aber im Grunde teilen alle dasselbe Schicksal – so ist das Verständnis füreinander groß, bildet sich rasch eine verschworene Gemeinschaft. „Draußen ist die Hemmschwelle viel größer, fühlt man sich mit der Krankheit häufig allein“, sagt Florian Münster. „Hier starrt keiner den anderen an, weil der keine Haare hat.“

Bei dieser Kennenlernrunde konnte Julius von seinen Sehstörungen berichten. Nach mehreren Operationen am Auge leidet der Zehnjährige unter Doppelbildern. „Es tut aber nicht weh“, sagt er ganz sachlich. Damit die anderen sich in sein eingeschränktes Blickfeld hineinversetzen können, haben Florian und die anderen Betreuer ihnen – was sonst? – eine Augenklappe umgebunden.

Draußen trauen sich manche Kinder nicht sofort die Berührung mit Gras und Erde zu. Durch ihre zum Teil langen Krankenhausaufenthalte sind sie ganz auf sterile, keimfreie Umgebungen eingestellt. Auch diese Angst wird ihnen im Laufe des zehntägigen Freizeit genommen. Insgesamt dreimal dürfen krebskranke Kinder in der Regel daran teilnehmen. Am Geld jedenfalls scheitert ihr Aufenthalt nicht. Mehr als eine kleine Aufnahmegebühr müssen die Eltern nicht entrichten, damit ihre Kinder an Bord gehen können.

Lina hat es übrigens geschafft. Die mutige Zehnjährige hat ihren Drahtseilakt im Camp erfolgreich hinter sich gebracht. Eine Woche noch wird die kleine Waldpiratin auf der Kinderfreizeit der Deutschen Kinderkrebsstiftung Mut schöpfen und Selbstvertrauen tanken. Um auch im Alltag und im Kampf gegen die Krankheit ihren Drahtseilakt zu meistern.


22.05.2012
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