Kommentar
Die Einheit wird erwachsen
In der Nähe von Schwerin können Schüler in einem Caritas-Schullandheim „Eine Woche DDR“ erleben. Die Idee ist entstanden, weil die DDR in der Ex-DDR heute nicht mehr vorkommt, zumindest nicht in der Schule.
Andreas Hüser (48) ist Chef der Neuen Kirchenzeitung
in Hamburg
Die Einheit wird volljährig, das heißt auch: Eine ganze Generation kann sich an die Umstände ihrer Geburt nicht mehr erinnern. Alle Schwierigkeiten sind vergessen. Auch die Einheit der katholischen Kirche war ein schwieriges Kind, wie alle Kinder, deren Eltern überzogene Erwartungen an ihren Nachwuchs haben. Eine im Westen verbreitete Erwartung war, dass die Kirche im Osten nach der Wende nichts Eiligeres zu tun hätte, als genauso zu werden wie die Kirche im Westen. Das wollten die Katholiken im Osten aber nicht. Und sie reagierten bald allergisch gegen Missionare, die kamen und erklärten, wie man Kirche richtig macht. Der Westen wiederum misstraute dem idyllisch-familiären, nach außen abgeschlossenen und kirchentreuen Zusammenhalt der Ost-Gemeinden.
Das Verhältnis hat sich inzwischen gebessert. Warum? Die Ost-West-Bistümer Berlin und Hamburg sind Diaspora-Diözesen, und in der Diaspora begegnen sich dieselben Menschen immer wieder. Aus vielen Einzelbegegnungen ist Verständnis und Respekt im Großen geworden. Der zweite Grund: Die Kirche steht heute, anders als 1990, im Umbruch. Die alten Rezepte funktionieren nicht mehr.
Schon gar nicht in der Diaspora, wo der Ausfall eines Priesters oder Religionslehrers ein Loch in 40 Kilometern Umkreis reißen kann. In der Kirche der Zukunft wird man weder die Kirche Ost noch West wiedererkennen. Dass man in ihnen die Kirche Jesu Christi erkennt, das ist jetzt die gemeinsame Aufgabe. Sie erfordert eine Kirche, die erwachsen geworden ist.






