Im Essener Dom wurde ein Reliquienkästchen gestohlen
Die Fundamente des Bistums
Essen/Paderborn. Die Tat geht direkt an die Grundfesten des Bistums. Sozusagen an das geistliche Fundament. Denn in dem kleinen wertvollen Kätschen, das Diebe jetzt aus dem Essener Dom entwendet haben, befand sich ein ganz besonderer Schatz: In dem Reliquiar aus dem Altar waren die Gebeine der Heiligen aus den drei Gründungsbistümern eingebracht. So hatte jedes Bistum, Paderborn mit Liborius, Köln mit Maternus und Münster mit Liudger den Essenern etwas mit auf den Weg gegeben.
Christian von Braunschweig war ein umtriebiger Herrscher. 386 Jahre ist es her, dass er während des Dreißigjährigen Krieges die Paderstadt heimsuchte und die Reliquien des heiligen Liborius raubte. Er ließ den Schrein einschmelzen, und prägte kurzerhand aus dem wertvollen Metall den berühmten „Pfaffenfeindtaler“. Nun scheint sich der Fall, allerdings unter anderen Vorzeichen, zu wiederholen. Im Dom zu Essen wurde zu Beginn der vergangenen Woche ein Reliquienkästchen gestohlen, das unter anderem auch sterbliche Überreste des Paderborner Stadtheiligen in sich birgt.
Am Sonntagabend habe sich der Dom nach der Messe schnell geleert, berichtete der Pressesprecher des 1958 gegründeten Bistums, Ulrich Lota. Das Endspiel um die Fußball-Europameisterschaft habe eben seinen Tribut gefordert. Und so habe sich auch der Küster beeilt, die wertvollen liturgischen Geräte rasch in die Sakristei zu bringen. „Offenbar muss sich aber doch noch jemand im Dom aufgehalten haben“, erzählt Lota. Denn während der Küster seiner Arbeit nachging, zerstörte ein krimineller Zeitgenosse am Hauptaltar ein kleines Bronzegitter und nahm das dahinter befindliche Reliquienkästchen einfach mit. Eingelassen in den Altar befanden sich in diesem Kätschen außer Gebeinen des Liborius auch die der Heiligen Maternus und Liudger. Ein kriminelles Geschehen, das erst am Montagmorgen entdeckt wurde.
Dass es der Dieb auf die Wunderkraft des heiligen Liborius, er gilt als Helfer gegen Steinleiden, abgesehen hat, ist unwahrscheinlich. Die Polizei vermute, dass der Dieb lediglich das eindrucksvolle Kästchen begehrte, berichtet Ulrich Lota. Schließlich ist die Elfenbeinschachtel, die die Kölner Bildhauerin Hildegard Domzilaff schuf, ein sehr schönes Objekt. Rauchtopase, Amethyste und Bergkristalle zieren es ebenso wie kleine Goldkugeln.
Genau diese Kostbarkeit habe wohl den Dieb gereizt, meinen Lota und die Ermittler. „Möglicherweise weiß er gar nichts über den Inhalt.“ „Es passiert schon mal, dass etwas aus Kirchen gestohlen wird“, weiß Thomas Thrönle, aus der Pressestelle im Paderborner Generalvikariat. Doch die Hoffnung, dass die Reliquien unbeschadet in den Essener Dom zurückkehren, mag er nicht ganz aufgeben. „Es ist schon vorgekommen, dass Diebe die Reue überkam und sie ihre Beute ganz oder teilweise zurückbrachten.“
Genau darauf hoffen auch die Gläubigen in Essen. „Vielleicht geht der Dieb ja in sich“, so Lota.; Mit einer solchen Einkehr hatte aber schon Christian von Braunschweig nichts am Hut. Ihn scherten nicht die heiligen Gebeine. Mit den „Pfaffenfeindtalern“ bezahlte er übrigens großzügig seine Soldaten. Dass die Reliquien des Liborius dann doch noch 1626 an die Pader zurückkehrten, ist übrigens frommen Frauen aus einem Bonner Kloster zu verdanken.
Jutta Steinmetz







