Gedanken zum Evangelium
Die Kraft zum Verzeihen
Ob wir als Jünger Jesu glaubwürdig sind, hängt daran wie wir verzeihen können. So betont Andreas Kurte, Leiter der Zentralabteilung „Pastorales Personal“ im Generalvikariat, in seiner Evangeliums-Auslegung.
von Andreas Kurte
Zu den großen Herausforderungen des Alltags gehört für mich ein Vers aus dem Epheserbrief: „Die Sonne soll über eurem Zorn nicht untergehen.“ (Eph 4,26) Verse, die ich gern Eheleuten im Rahmen der kirchlichen Trauung mit auf den Weg gebe. Verse, die gleichzeitig ein gutes Lebensmotto für den Alltag sein können. Aber gerade dieser Alltag ist oft ganz anders. Da schleppe ich über Jahre „Altlasten“ und Verwundungen mit mir herum. Da fehlt mir die Kraft zum Verzeihen. Da bin ich nachtragend. Da gibt es Menschen, die sind für mich abgeschrieben. Denen soll ich verzeihen, ja sogar noch den ersten Schritt auf sie zu tun? Das scheint unmöglich!
Der Evangelientext will uns eines anderen belehren. Zwischenmenschliche Schwierigkeiten hat es auch in den frühen Gemeinden gegeben. Deshalb wird auf die persönliche Vergebungsbereitschaft der einzelnen Gemeindemitglieder gedrängt. Die Perikope stammt aus einer Redekomposition, in der jesuanische Regeln für das Verhalten der Christen untereinander aufgestellt werden. Es geht um das Problem des gegenseitigen Vergebens und um die Sündenvergebung durch die Gemeinde. Das Erbarmen miteinander soll über das höchste Maß hinausgehen. Nicht nur einmal, auch nicht nur siebenmal, sondern siebenundsiebzigmal. Eine Zahl, die eine unbegrenzte Bereitschaft zur Versöhnung voraussetzt.
Für die Gemeinde als Ganzes heißt das: Gottes Erbarmen verwirklicht sich in der Verzeihung. Deshalb kann ein Gefallener für die Kirche weder bedeutungslos werden noch darf sie ihn nach seiner Rückkehr gering schätzen. So ist Kirche für Matthäus die Gemeinschaft, in deren Raum niemandem eine Schuld nachgetragen wird. Ihre Glieder kommen erst zum Altar und zum gemeinsamen Gebet, wenn sie einander vergeben haben. Deshalb gibt es in der Liturgie der Messe das Schuldbekenntnis. Selbst wenn die Gemeinde überzeugt ist, einen Sünder ausschließen zu müssen, offenbart ihr weiteres Verhalten und die Art und Weise des Redens über die Ausgestoßenen, inwieweit sie ihre Kraft aus dem Erbarmen Jesu bezieht.
So hält der Evangelientext mir persönlich und jeder christlichen Gemeinde den Spiegel vor. Der Grad der Glaubwürdigkeit der Botschaft Jesu wird von der Bereitschaft zum Verzeihen abhängig gemacht. Verzeihen beginnt bei mir, indem ich den ersten Schritt auf den anderen zugehe. Die folgende Begebenheit und das darin enthaltene Gebet möchte das christliche Grundanliegen der Bereitschaft zur Versöhnung in uns stärken. Der Meister legte eines Tages dar: „Du wirst nicht bereit sein, gegen das Böse zu kämpfen, solange du nicht das Gute, das es hervorbringt, zu sehen vermagst.“ Die Schüler waren darüber betroffen, obwohl der Meister das Gesagte nicht zu verdeutlichen suchte. Am folgenden Tag legte er ihnen ein Gebet vor, das auf ein Stück Packpapier aufgeschrieben und im KZ Ravensbrück gefunden worden war: „Herr, gedenke nicht nur der Männer und Frauen guten Willens, sondern auch der böswilligen. Gedenke nicht nur all der Leiden, die wir unter ihrem Joch zu erdulden haben. Gedenke auch der Früchte, die wir dank dieser Leiden hervorgebracht haben – unserer Kameradschaft, unserer Treue, unserer Demut, unserer Tapferkeit, der Herzensgröße, die alles inspirierte. Und wenn sie dann vor den Richter treten, lass all diese Früchte, die wir hervorgebracht haben, ihnen zur Vergeltung und zur Vergebung gereichen.“
Uns allen wünsche ich, dass die frohe Botschaft zur Vergebung in uns immer neu gestärkt werde, damit über unseren Zorn die Sonne nicht untergeht.







