Pater Walter Lükewille blickt auf 45 Jahre als Missionar zurück
Die Menschen von der Angst befreien
Diözese Sumbawanga/Tansania. „Wenn jemandem ein Unheil geschieht, die Ernte schlecht ist, oder er krank ist, muss das eine Ursache haben. Und der Verursacher muss gefunden und unschädlich gemacht werden, um weiteres Unheil zu verhindern. Also gräbt ein Mann die Überreste seiner vor zehn Jahren verstorbenen Mutter aus, weil ihm der Medizinmann gesagt hat, dass sie Schuld an seiner Krankheit ist. Ich spreche vom Jahr 2009 und Menschen, die einen Hochschulabschluss erworben haben“, sagt Pater Walter Lükewille. Der aus dem Erzbistum Paderborn stammende „Weiße Vater“ war von 1959 bis 2004 als Missionar in Ostafrika tätig und erzählt, wie das Verständnis vom Missionsauftrag Jesu sich im Laufe der Zeit gewandelt hat.
von Gerd Vieler
„Natürlich sind die ersten Missionare in der Mitte des 19. Jahrhunderts mit der Motivation nach Afrika gegangen, ,arme Heidenkinder‘ vor der ewigen Verdammnis und dem Schmoren im Höllenfeuer zu bewahren“, sagt Pater Lükewille, oder, wie er in Afrika genannt wird, Pater Luka über den Antrieb der ersten Missionare seiner Gemeinschaft. Das habe man ganz praktisch angefangen und wirklich Heidenkinder aus dem Sklavenhandel gekauft, als 1885 die ersten Mitglieder der Weißen Väter mit Karawanen und Sklaventrecks in Karema und Ugiji am Tanganjika-See angekommen seien. Viele Stoffballen seien zum Tausch und zur Bestechung der Stammesfürsten vonnöten gewesen. Damals sei es eine richtige Mission gewesen, weil es noch keine Christen in der Gegend gegeben habe.
„Als ich 1959 in Sansibar, dem Sklavenstützpunkt der Araber, ankam, gab es schon die christlichen Gemeinden im jetzigen Tansania, sodass wir eigentlich als Pfarrer in ein seit zwei Generationen christliches Land gekommen sind“, sagt Pater Luka, der damals erst einmal Kisuaheli lernen musste. Immerhin habe seine Diözese Karema schon 1985 in einem großen Fest„100 Jahre Christentum“ gefeiert. Aber bis zum Konzil Anfang der 60er-Jahre habe die Seelenrettung für die meisten Missionare immer noch im Vordergrund gestanden. Doch schon früh sei es den Missionaren auch ein Anliegen gewesen, die Bildung und Ausbildung sowie die medizinische Versorgung zu verbessern.
Erst mit dem II. Vatikanischen Konzil hätten sich dann andere Motivationen in den Vordergrund geschoben. Dazu trüge auch die Tatsache bei, dass die weißen Missionare in Afrika eigentlich eine „aussterbende Spezies“ seien. Immer mehr bestehe der Klerus in Afrika aus Afrikanern. Und Pater Luka muss es wissen, war er doch einige Zeit selbst Apostolischer Administrator (fast ein Bischof) in seiner Diözese. Inzwischen ist er sogar eher der Meinung, dass wir in Deutschland missionarische Impulse aus dem ehemaligen Missionsland bekommen könnten. Dort seien nämlich Verhältnisse, wie sie in Deutschland erst anfingen, schon lange Wirklichkeit, wie etwa die Gemeinden ohne Priester, in denen ein Katechet wirke. Seine eigene Pfarrei habe aus 30 bis 40 Dörfern mit 15 000 Mitgliedern bestanden, wobei jede Gemeinde eine eigene Einheit mit einem Katecheten gebildet habe.
Aber was sieht der inzwischen pensionierte Missionar heute als den hautpsächlichen Missionsauftrag in Ostafrika? Die Antwort kommt prompt: Wir müssen den Menschen die Angst vor den bösen Geistern, den Mizimu, nehmen. Obwohl die Menschen seit einigen Generationen Christen seien, sei aus seiner Erfahrung heraus der Glaube an die bösen Geister und die Macht des Medizinmanns ungebrochen. Das gelte nicht nur für einfache Menschen in den Dörfern, sondern auch bei Menschen mit Hochschulabschluss in den großen Städten. „Und ich rede von 2009“, betont Pater Luka immer wieder. Für ihn hat Afrika zwei Gesichter: das eine der tanzenden, fröhlichen Menschen. Diese Fröhlichkeit könne jedoch jederzeit in eine für Mitteleuropäer als hysterisch und irreal zu bezeichnende Angst verfallen. Angst vor dem Zauber der Geister der Ahnen ist das andere. Pater Luka glaubt, dass das Christentum die Menschen aus dieser Hysterie befreien könne. „Gott lässt keine Zauberer zu“ hieß daher sein Credo, mit dessen Propagierung er allerdings keinen vollen Erfolg verzeichnen konnte. Das ganze sei ein verstricktes System, das an die Hexenprogrome im Europa des Mittelalters erinnere. Vor allem dann, wenn in einem Dorf „die Geister“ (vielleicht in Form einer Masern-Epidemie) überhand nehmen, könnten Menschen als angeblich schuldige Zauberer in den Tod getrieben werden. Oder sie müssten sterben, um sich vor ihren weiteren Verwünschungen zu schützen. Dabei könnte das Christentum eine befreiende Wirkung haben und so den Missionsauftrag Jesu im Hier und Heute erfüllen. Dazu gehöre es auch gegen den immer noch teilweise verbreiteten Irrglauben anzukämpen, dass Europäer Afrikaner umbringen, um aus ihnen Medizin zu machen.







