Aktuelle Ausgabe
2012-20

Erzbischof Dr. Ludwig Schick über die Erwartungen von Männern an die Kirche

„Die Nachfrage ist groß, das Angebot lässt zu wünschen übrig“

Männer auf dem Gipfel: Sie suchen die Herausforderung, wollen oder müssen sich beweisen. Die Kirchen nehmen die Bedürfnisse und Probleme von Männern in ihren Angeboten immer stärker in den Blick. Foto: pa

Gerade ist die aktuelle „Männerstudie“ der katholischen und evangelischen Kirche veröffentlicht. „Männer in Bewegung“ lautet ihr Titel. Der Bamberger Erzbischof Dr. Ludwig Schick ist in der Deutschen Bischofskonferenz für die Männerseelsorge zuständig. In seinem Gastbeitrag beschreibt er, welche Akzente die katholische Kirche in der Männerseelsorge setzen muss.

von Erzbischof Dr. Ludwig Schick

Männer sind in den vergangenen zehn Jahren religiöser und kirchlicher geworden. Sie haben mehr Erwartungen an die Kirche. Sie suchen in ihr Unterstützung bei der Suche nach ihrer „Rolle“. Und die Kirche ist gefordert, sich in der Männerseelsorge intensiver kompetent und authentisch zu engagieren. So kann man die Studie des Jahres 2009 „Männer in Bewegung“, die die von 1998 „Männer im Aufbruch“ fortschreibt, zusammenfassen. Sie ist für die Kirche ermutigend und fordernd zugleich. Was ist an den Ergebnissen aus kirchlicher Sicht besonders bemerkenswert und herausfordernd? Ich will drei Punkte nennen:
Männer wünschen Veränderungen, was ihre Rolle angeht. Sie „modernisieren“ ihre Einstellungen zu Ehe, Familie, Partnerschaft, Beruf und Religion. Bezüglich ihrer Präsenz in der Familie und bei Wahrnehmung ihrer Väterlichkeit suchen sie neue Verhaltensweisen. Hinsichtlich der Gleichberechtigung und Geschlechtergerechtigkeit nehmen sie neue Positionen ein. 31 Prozent der Männer erwarten dabei von der Kirche einen Beitrag zur Neugestaltung der Männerrolle. Das sind 19 Prozent mehr als 1998! Dabei ist allerdings nicht zu übersehen, dass eine ebenso große Anzahl von Männern – auch wenn der Wert gegenüber 1998 gesunken ist – von der Kirche eine Stabilisierung der traditionellen Männerrolle erwartet. Die Polarisierung zwischen „teiltradionellen“ und „modernen“ Männern in einem konstruktiven Dialog zu bearbeiten, wird unter anderem in Zukunft eine wichtige Aufgabe der Männerarbeit sein. Die Kirche verfügt über ein erprobtes „Lebens- und Orientierungswissen“ – davon sind die „kirchenna­hen“ Männer überzeugt; die „kirchenfernen“ „ahnen“ es. Beide „Männergruppen“ wünschen keine fertigen Antworten, aber kompetente Begleitung. Vor allem suchen sie bei der Kirche Orientierung für ihre eigene „Wertebildung“ und für die „Werteerziehung“ ihrer Kinder. Beim Scheitern von Lebensplanungen, bei Eheschließungen, Arbeitslosigkeit, Krankheit und Krisen erwarten die Männer Verständnis und konkrete Hilfen durch eine diakonische Pastoral.
Die Studie macht Bedürfnisse und Konfliktlagen im Leben heutiger Männer sichtbar. Das Ausbalancieren der verschiedenen Lebensbereiche und die Neugewichtung der Erwerbsarbeit gehören dazu. Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist längst kein alleiniges Frauen- bzw. Mütterthema mehr. Männer wollen in allen Bereichen der Familie mehr beteiligt sein, ohne den Beruf vernachlässigen zu müssen; die Freizeit soll auch nicht zu kurz kommen. Die aktive und präsente Vaterschaft erweist sich als eines der Schlüsselthemen, besonders auch bei Scheidungsvätern.
Ein weiteres Ergebnis der Studie 2009: Viel präziser als 1998 ist im Blick, in welchem Ausmaß Gewalt das Leben von Männern prägt – sei es als Täter, sei es aber auch als Opfer! Vor diesem Hintergrund ist die Beteiligung der kirchlichen Beratungs- und Sozialdienste in der kirchlichen Männerarbeit sehr wünschenswert und erforderlich. Individualisierung und Pluralisierung religiöser Inhalte und Kontakte finden sich auch in der Männerstudie. Drei Ergebnisse lassen aufhorchen: Zum ersten stellen die Forscher eine Zunahme „des religiösen Gesamtpotentials“ von Männern fest. Zum zweiten konstatieren sie eine gewachsene „Kirchlichkeit“ unter den Männern: Die Verbundenheit der Mitglieder mit ihrer jeweiligen Kirche und die Sympathie von Nichtmitgliedern ist stärker geworden. Und drittens ist gerade bei den Männern der positive Einfluss der Kirche auf das eigene Leben gewachsen. Es gibt ein neu erwachtes Interesse der Männer an religiösen Fragen und eine gestiegene Wertschätzung der Kirche als Institution! Die Anfragen nach einer männergemäßen Spiritualität bei Gottesdiensten, Meditationen und Wallfahrten steigen ständig.
„Die Nachfrage ist groß, das Angebot lässt zu wünschen übrig“, so kann man das derzeitige Verhältnis von Männern und Kirche beschreiben. Eine authentische und kompetente Pastoral bzw. Begleitung, die sich durch Wertschätzung und Sensibilität auszeichnet, ist von den Männern gewünscht und auf kirchlicher Seite erforderlich. Sie soll Spiritualität, Gottesdienst, Bildungsarbeit, Erziehung und Beratung umfassen. Das Ziel muss sein, das gleichberechtigte Miteinander von Frau und Mann in Ehe, Familie, Beruf, Gesellschaft und Kirche zu fördern. Geschlechterspezifische Pastoral ist erforderlich, damit Gemeinschaft umso besser gelingt.


22.05.2012
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