Gedanken zum Evangelium
Die Perspektive wechseln
von Michaela Labudda
„Mama! Krabbel!“ Meine Tochter (1½) tut kund, dass etwas ungemein Spannendes ihre Aufmerksamkeit so fesselt, dass sie unmöglich weiter gehen kann. Offenbar bewegt es sich. Ich bleibe stehen, aber: ich kann es nicht sehen. Also lasse ich mich auf die Knie nieder. Eine klitzekleine Ameise krabbelt immer wieder in ein Sandloch und direkt wieder raus.
Manchmal ist es eine Sache der Perspektive, was wir wahrnehmen. Meine Tochter ist der Ameise einfach näher als ich und von allen Dingen der Welt noch unverbraucht fasziniert. Sie weiß noch nicht, dass Ameisen sie im Laufe des Lebens eher ärgern werden. Sie ist begeistert: „Mama! Krabbel!“
„Nur eine Ameise...“ könnte ich sagen. Aber in ihrem Staunen spüre ich etwas von Ehrfurcht gegenüber der Schöpfung, von der Verantwortung, die ich sie unserer Erde gegenüber lehren möchte; ich sehe ein anfängliches Entstehen von Kunstbewusstsein und Ästhetik und vielleicht eine große Forscherkarriere. Mag sein, als Mutter neige ich zu romantischer Übertreibung. Dennoch kann im Rückblick all dieses angelegt sein.
Das heutige Evangelium lädt ein, uns einer Perspektive der kleinen Dinge zuzuwenden. Es stellt uns das kleinste der Samenkörner, das Senfkorn vor Augen. In ihm ist der ganze Baum angelegt, sein zukünftiger Schatten, seine Schönheit, die in ihm nistenden Vögel.
Wie mit diesem Senfkorn, sagt Jesus, ist es auch mit dem Reich Gottes. Offenbar geht es nicht darum, die Nähe Gottes im Ganzen und gewaltig zu erfahren. Perspektive der kleinen Dinge heißt eher: Anfänge bestaunen zu lernen, um zu erspüren, was dahinter steckt.
Wenn Jesus vom Reich Gottes wie von einem Senfkorn spricht, so meint er damit zweierlei:
Sorgsam mit kleinen Dingen umzugehen, das betrifft nicht nur Samen und Ameisen. Es betrifft auch die kleinen Gesten der Liebe in unserem Alltag, das freundlich bereitete Essen, die sanfte Berührung, der kurze anerkennende Blick. Es mag das Hilfsangebot sein oder der kurze Krankenbesuch, es betrifft das kleine Lächeln und ein ernst gemeintes „Wie geht es dir?“. Achtsam sein mit kleinen Dingen heißt wahrzunehmen, dass mit solchen Gesten viel mehr ausgedrückt sein kann.
Das meint Jesus: Wenn ihr achtsam seid aufeinander und auf das was euer Leben und Lieben ausmacht, dann kann man Gottes Spuren entdecken. Eure Blicke und Worte sind Teil von Gottes Nähe in eurem Alltag, das Reich Gottes ist schon da.
Die Folge ist auch die Ursache: Weil Gott in den kleinen Dingen zu erspüren ist, dürfen wir einander nicht gleichgültig sein. Dies gilt nicht nur auch, sondern zuerst im ganz alltäglichen Umgang. Gerade im Streit mag so etwas schwer vorstellbar sein, aber auch da gilt: In dem, wie wir miteinander umgehen, erweist sich Gottes Gegenwart. Natürlich: Menschen können und müssen auch mal wütend werden. Aber wir sollen einander respektvoll begegnen, weil in jedem Menschen Gottes Abbild zu finden ist.
Eine große Aufgabe meinen Sie? Ein nicht zu erfüllender Auftrag? Eine überfordernde Lebensweise? Unser Evangelium hat uns ja zuvor noch einen Hinweis gegeben.
Kleine gute Dinge tun und sagen und damit einen Hinweis auf Gottes Nähe geben, das ist unsere Aufgabe wie die des Sämanns. Aber wie bei ihm gilt auch bei uns: „… der Samen keimt und wächst, und der Mann weiß nicht wie.“ Was getan werden kann, sollen wir tun, den Rest können wir getrost Gott überlassen, der Sonne und Regen und sicher auch seinen Segen zu den kleinen Hoffnungen und wenigen Möglichkeiten hinzugibt.
Bleiben wir also gelassen, denn je gelassener wir unseren (Lebens-)weg gehen, umso eher gelingt uns, was Kindern ohne Pläne und Zeitdruck einfach so gelingt: die Welt in all ihren Kleinigkeiten neu entdecken und darüber zu staunen. Entdecken wir die Dinge neu, die von Gottes Zuwendung und seiner Gegenwart in unserem Leben erzählen – um das Staunen und die Dankbarkeit und die Gottesnähe neu zu lernen.







