Aktuelle Ausgabe
2012-20

Laiendarsteller leidet mit bei Passionsspielen

„Die Tränen des Jesus sind echt“

Jesus (Andreas Siegner) bricht beim letzten Abendmahl das Brot. Szenenfoto der Passionsspiele aus Bramsche.

Keine Frage, das ist Jesus. Er steht in Jeans und Pullover auf der untersten Treppenstufe des Jugendheims. Überall wuseln Leute herum. Dennoch ist er unverkennbar: Halblange, dunkelbraune Harre, ein kurzer Bart – original wie Jesus auf unzähligen Bildern dargestellt ist. „Die Haarpracht lasse ich mir extra wachsen“, sagt Andreas Siegner. Nach Ostern kommt beides ab: „Ich hasse Bärte!“

von Susanne Haverkamp

Zum siebten Mal spielt er in diesem Jahr den Jesus bei den Aufführungen der „Passionspielgemeinschaft Osnabrücker Land“. Zum zwanzigsten Mal seit 1974 stellt diese Gruppe von Laienschauspielern, -musikern, -bühnenbildnern und -technikern das Leiden Jesu dar. „Viele sind schon seit vielen Jahren dabei, das zahlt sich aus“, sagt Siegner. „Wir hören immer wieder, dass wir die Qualität der Stücke in den vergangenen Jahren deutlich gesteigert haben.“
Er selbst hat als Jugendlicher einmal beim Volk mitge­spielt, „Massenrolle ohne Text“. Danach hat er lange pausiert, studiert und nicht daran gedacht, je wieder auf der Bühne zu stehen. Bis Anton Behrens, Priester und Leiter der Gruppe, bei seinem Nachbarn zu tun hatte. „Er sah mich im Garten und rief rüber: ‚Wir brauchen noch einen Jesus, traust du dir das zu?‘“ Das war 1999, und Andreas Siegner traute es sich nicht zu. Aber immerhin spielte er wieder mit. „Zwei Jahre lang war ich der Apostel Andreas.“ Dann kam die erste Hauptrolle. In dem Passionsstück „Petrus – Auch Felsen können weinen“ spielte Siegner 2001 den Petrus. „In dieser Rolle habe ich mich nie wohlgefühlt“, sagt der 38-jährige, der als Mathematik- und Physiklehrer an einem Gymnasium arbeitet. Auf der Bühne aber wohl doch, denn im nächsten Jahr traute sich Siegner an den Jesus heran – und seitdem immer wieder.
Die größte Herausforderung sei es, die Persönlichkeit Jesu rüberzubringen, sein Charisma, sagt Siegner. „Das schaffst du nie, habe ich beim ersten Mal gedacht.“ Deshalb bereitete er sich besonders gründlich auf die Rolle vor. „Wir wollen das möglichst realistisch zeigen, und deshalb habe ich mich damit beschäftigt, wie es damals wirklich war.“ Das Verhältnis zu den Römern zum Beispiel, die Strafmethoden, der Kreuzweg, die Örtlichkeiten, die Personen.
Doch das alles ist nur Hintergrund, wenn der Vorhang auf und das Licht an geht. „Ich versuche dann, gefühlsmäßig ganz mit meiner Rolle zu verschmelzen und das Publikum zu vergessen“, sagt der Laienschauspieler. Meistens gelingt ihm das auch, und er erlebt das Wechselbad der Gefühle, das die Passionserzählungen der Bibel so eindrucksvoll macht. Etwa der Einzug in Jerusalem am Palmsonntag. „Alle jubeln mir zu, das ist ein tolles Gefühl. Ich spüre wirklich die Kraft, die von mir ausgeht.“ Und dann kippt die Stimmung. Das letzte Abendmahl, das Gebet im Garten Getsemane. „Wenn ich dort bete, kurz vor der Gefangennahme, und alle Apostel schlafen, da fühle ich mich wirklich einsam und verlassen.“ Anschließend erhält Jesus in dem Stück den „Becher der Stärkung“. „Da ist dann plötzlich eine innere Stärke da, die bis zur Urteilsverkündung anhält.“ Und dann wird es wirklich ernst. Damals im Jerusalem, aber auch im Stück. Jesus muss sein Kreuz tragen. „Das tut richtig weh, da habe ich jedes Mal blaue Flecke auf den Schultern.“ Und wie ist es, wenn man gegeißelt wird, wenn man am Kreuz hängt? Alles nur Spiel? „Nein, das geht nicht einfach so an mir vorbei. Da kommen mir wirklich die Tränen, auch wenn keiner richtig zuschlägt und auch keine Nägel durch meine Hände getrieben werden.“
Doch auch wenn Ostern noch bevorsteht: Das rund dreieinhalbstündige Stück geht gut aus. Christus ist auferstanden. Er erscheint seinen Jüngern. „Da muss ich mich beeilen, das Kunstblut ist schwer abzukriegen.“ Auch die Stimmung wechselt: Optimismus statt Verzweiflung. Nicht leicht, das so schnell hinzubekommen. „Jede Aufführung zehrt wirklich an meinen Kräften“, sagt Siegner. Und trotzdem möchte er die Erfahrung nicht missen. Auch nicht die Anerkennung der Zuschauer. „Ich werde oft darauf angesprochen, und viele sagen, dass ich die Rolle wirklich lebe. Das freut mich natürlich.“ Er freut sich auch darüber, vielen Zuschauern die für den Glauben zentrale „Heilige Woche“ noch näherbringen zu können als beim Hören der Leidensgeschichte in der Kirche am Palmsonntag und an Karfreitag. In der Kirchenbank zu sitzen und nur zuzuhören ist eben etwas anderes als mit Kulissen, Kostümen, Schauspielern und Liedern zu hören und zu se­hen und mitzufühlen.
Und dann ist am Ostersamstag der letzte Vorhang gefallen. Der Bart ist ab, die Haare sind wieder kurz. Prägt die Jesus-Rolle dann noch irgendwie das Leben? „Nicht wirklich“, gibt Andreas Siegner zu. Gläubiger Christ war er auch schon vorher, und Jesus wird er nie werden. Auch in der Kirche feiert er Ostern nicht intensiver oder emotionaler als früher. Denn jenseits der Bühne ist die Rolle weg; die Gefühle entstehen nur beim Theaterspiel und sind nicht konservierbar. Wenn andere ihn auf die Rolle ansprechen, trägt er es mit Humor. „Ich habe einige Schüler, die hier mitspielen, und in der Schule höre ich schon manchmal: Guck mal, da ist ja Jesus.“ Auf die Zensuren in Mathe und Physik hat das keine Auswirkungen. Barmherzigkeit ist da nicht gefragt. Höchstens die Erkenntnis: Kehrt um und übt!
www.passionsspiel.de


22.05.2012
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