Aktuelle Ausgabe
2012-20

Unterwegs mit den Sternsingern in der ostdeutschen Diaspora

„Die Weihnachtsbotschaft bringen“

Das Ritual an den Haustüren kennen im Westen Deutschlands Millionen: Nach dem Öffnen beginnen die drei Weisen aus dem Morgenland ihr Sternsingerlied, sagen ihren Dreikönigsspruch auf und bitten um eine Geldspende für bedürftige Kinder. In den neuen Bundesländern ist die Aktion Dreikönigssingen des Kindermissionswerkes vielerorts noch ein winterliches Exotikum. Drei fürstlich gekleidete Jungen aus Wittichenau ändern das vor ihrer Haustüre spielend. 

Text und Fotos: 

Markus Nowak (KNA)

Unter den Stiefeln knarzt der Schnee, die Backen leuchten rot in der eiskalten Luft, doch den Frost merkt man den Majestäten nicht an: Caspar, Melchior und Balthasar trotzen dem Winter. Eingehüllt in ihre fürstlichen Umhänge, die Königskrone mit (fast echten) Smaragden auf dem Haupte, ziehen die elfjährigen Jonas Schirmann und Jonas Schlenstedt mit dem achtjährigen Paul Nickel um die Häuser. Mit Pappstern und Geldbüchse sind die drei Sternsinger unterwegs, für einen christlichen Zweck mitten in der ostdeutschen Diaspora. 

„Wir helfen anderen Kindern, den Ärmsten“, erklärt Jonas alias Melchior seinen Einsatz für die jährliche Sternsingeraktion des Kindermissionswerkes. Dafür sammelt er mit seinen Gefährten Spenden an den Haustüren der sächsischen Kleinstadt Wittichenau. Aber auch seine Schwester und all seine Freunde schlüpfen in die königlichen – und wärmenden – Kostüme. Oder sie helfen bei der Sternsingeraktion als Betreuer, wie Jonas' Mutter Luzia. In Wittichenau sei es zum Glück nicht schwer, die Kinder zu motivieren. „Die Sternsinger gehören hier zur Tradition.“ Keine Selbstverständlichkeit in dieser Gegend, wo die jahrzehntelange Kirchenfeindlichkeit des DDR-Regimes tiefe Spuren hinterlassen hat. 

Im Bistum Görlitz, zu dem die Gemeinde Wittichenau gehört, sind gerade vier Prozent der Menschen Katholiken. Doch die Stadt liegt in der Oberlausitz, die von den romtreuen Obersorben besiedelt ist: seit Jahrhunderten eine katholische Enklave inmitten der nun meist konfessionslosen Nachbarschaft in Sachsen und Brandenburg. Von den
6000 Einwohnern der Stadt sind 70 Prozent katholisch. In den Straßen Wittichenaus, die neben ihrem deutschen Namen immer auch einen sorbischen tragen, ziehen die drei Jungs an uralten Steinkreuzen vorbei. 

Begleitet werden sie nicht nur von Jonas' Mutter Luzia, sondern auch musikalisch von Marlies Klühmann. Als angehende Musikpädagogin hat sich die 20-jährige Studentin einer der 20 Wittichenauer Sternsingergruppen angeschlossen, zwar nicht mit Krone auf dem Kopf, aber der Gitarre um den Hals. „Es macht Spaß den Leuten die Weihnachtsbotschaft nach Hause zu bringen“, sagt sie. Mit acht Jahren ging Marlies erstmals selbst als Sternsingerin. 

Die Sternsingeraktion ist die weltweit größte Initiative von Kindern für Kinder. Bis weit in den Januar hinein ziehen Jungen und Mädchen als Heilige Drei Könige mit dem Stern von Haus zu Haus, um für ihre Altersgenossen in Afrika, Asien, Lateinamerika und Osteuropa zu sammeln. Bundesweit sind rund eine halbe Million Sternsinger unterwegs. Bei der Aktion kamen seit 1959 insgesamt rund 700 Millionen Euro zusammen. Während der diesjährigen 53. Sternsingeraktion steht das südostasiatische Kambodscha im Mittelpunkt.

Das Ritual an den Haustüren kennen hierzulande Millionen: Nach dem Öffnen beginnen die drei Weisen aus dem Morgenland ihr Sternsingerlied, sagen – manchmal mit kleinen Patzern – ihren Dreikönigsspruch auf und bitten um eine Geldspende für bedürftige Kinder. Sie hoffen aber auch auf eine Gabe in Form von Leckereien, quasi als Belohnung und Anreiz. „Die Süßigkeiten werden am Abend gerecht unter allen 20 Gruppen verteilt“, erklärt Luzia Schlenstedt. Denn einige Königs-Trios könnten ansonsten mit fast leeren Taschen nach Hause gehen, besonders wenn sie im Neubaugebiet unterwegs waren. Dort wohnen viele nichtgetaufte Zugezogene, denen der Brauch des Dreikönigsingen fremd ist.

Zur Tradition der Sternsinger gehört meist auch das Anbringen der Initialen „C+M+B“ mit der Jahreszahl über der Haustür. Doch nicht in Wittichenau: Dort schreiben nicht Jonas, Jonas und Paul den Segensspruch an, sondern der Pfarrer persönlich. „Häuserweihe“ heißt das in der Oberlausitz. Priester Daniel Laske (35) und seine Pfarrerkollegen der St.-Mariä-Himmelfahrt-Gemeinde statten ihren Schäfchen von Neujahr bis Ende Januar einen Besuch ab. Meist wird eine kurze Andacht gehalten, wenn der Haussegen mit Kreide an die Wohnungstür geschrieben wird. 

„C+M+B“ steht für den lateinischen Spruch „Christus mansionem benedicat“: „Christus segne dieses Haus“. Die Initialen zieren auch die Eingangstüre der Familie Biallas. Vater Karsten, Mutter Regina und Sohn Dominik haben sich extra fein gekleidet für den Besuch. Es sei eben nicht alltäglich, dass ein Priester in die Wohnung kommt, sagt Dominik. Ein paar Minuten im warmen Zimmer wünschen sich inzwischen die drei Sternsinger, auch wenn sie das nicht laut zugeben wollen. „Wir sind doch Pfadfinder“, sagen sie. 

Heißer Tee aus der Kanne von Mutter Luzia hilft kurzfristig über die Minusgrade hinweg. Endlich winkt nach rund drei Stunden das Mittagessen bei Pauls Eltern.

Und bei Nudeln mit Hackfleischsoße werden die drei Könige ohne ihre purpurnen Umhänge und die Kronen auf dem Kopf schnell wieder zu ganz normalen Jungs mit großem Hung

 

 


22.05.2012
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