Aktuelle Ausgabe
2012-20

Zehn Tage auf den Spuren Jesu

Die Wüste bringt mich zu mir

Vierzig Tage in der Wüste. Ohne Essen. So heißt es von Jesus. Unvorstellbar. Was hofft er zu finden? Die Begegnung mit sich selbst und mit Gott? Sibylle Brandl war auch in der Wüste – nur für zehn Tage. Aber die haben gereicht für eine Menge Erfahrungen.

Während des Studiums ging ich mit einer kleinen Gruppe der Katholischen Hochschulgemeinde von Dijon zehn Tage lang zu Fuß durch die marokkanische Sahara. Es war im Qued Draa, 250 Kilometer südöstlich von Marakesch. Was mich trieb, war die Sehnsucht – nach absoluter Stille und beeindruckenden Fotografien.
Laufen – damit fängt es an. Die Hauptlast tragen die Kamele, doch es bleibt genug Gepäck für die Menschen – mindestens drei Liter Wasser muss jeder dabei haben, dazu die Gruppenverpflegung. Wir laufen in einem ausgetrockneten Flussbett, mehrmals am Tag ändert sich die Landschaft. Ein Flussbett hat Vor- und Nachteile. Die Schritte lassen sich besser setzen, denn das Laufen in dem immer nachrieselnden Sand der Dünen ist extrem anstrengend.
Einen Tag lang überqueren wir eine mannshohe Düne nach der nächsten. Anlauf nehmen, hinaufklettern und auf der anderen Seite versinken. Anlauf nehmen … Das Gehen wiederum auf dem Kamm der richtig hohen Düne birgt ein Geheimnis: Man kann nur auf einer Seite des Grats gehen – auf der anderen sinkt man ein wie in Neuschnee. Aber da ist der Schuh schon voll, der Sand in jeder Pore. Mit dem Schweiß verbindet sich der Staub zu einer entzündlichen Mischung am Fußgelenk. Da hilft nur abkleben und nicht mehr dran gehen. Dazu die Blasen, fiese Schmerzen.
Im Flussbett liegen Steine. Bei jedem Schritt muss man überlegen, wie man die Füße setzt, welche Blase man belastet und welche nicht – „…damit du deinen Fuß an keinen Stein stößt.“ Hallo Engel, wo bleibst du? witzle ich vor mich hin. Einen Tag später habe ich durch dieses Jonglieren immense Hüftschmerzen. Ich spüre nur den jeweils heftigsten Schmerz; und der beherrscht alles. Aber nach acht Tagen ist es so weit: Mein Körper spürt, dass er angekommen ist. Jetzt kann er weitergehen. Tagelang. Und der Geist wird freier.
Vierzig Tage in der Wüste – Jesus wird als Wanderprediger besser trainiert gewesen sein für das Laufen. Er wird die erste Zeit eher mit dem Fasten gekämpft haben, wie Lukas schreibt. Aber beide Erfahrungen führen zu etwas Ähnlichem: Es zählt der Augenblick, was jetzt gerade geschieht. Erst später zieht der Geist mit, kann sich öffnen.
Die Wüste bringt mich in mehrfacher Hinsicht zu mir: zu meinem Körper und zu meinen Gedanken. Ich trage und denke nur, was über den Tag notwendig ist: Wasser, Essen, meine unmittelbaren Bedürfnisse. Wir haben die strikte Anweisung, so wenig Wasser wie möglich auf die Körperpflege zu verwenden. Das ist nicht schlimm, es reichen zwei, drei Handvoll dafür. Denn trotz des Sands – der Zivilisationsdreck fehlt, was sich auch positiv auf die Ausdünstungen auswirkt.
Ja, die Luft ist völlig klar! Beim Sonnenauf- und -untergang explodieren die Farben. Der Sternenhimmel ist immens, alles sieht aus, als wäre es in einen Farbkasten gefallen. Ich setze von Zeit zu Zeit die Sonnenbrille ab, sonst habe ich das Gefühl, das sei alles nicht wirklich. Ich staune, kann mich nicht satt sehen. Und die äußere Klarheit kommt jeden Tag etwas mehr auch in mich. „Es wird schon seinen Sinn gehabt haben, dass Jesus mehrere Wochen in der Wüste blieb“, denke ich mir.
Das Wasser bleibt Thema. Doch im Evangeliumstext fehlt jeder Hinweis darauf. Ein Stein, der zu Brot werden könnte, ja. Aber wo ist das Wasser? Seltsam.
Eines Tages ist es bei uns so weit: Wir haben zwar trinkbares Wasser, aber es schmeckt bitter. So wie die Bittersalzlösung vor dem Heilfasten.
Bitteres Wasser – also schmeckt alles bitter: das angerührte Milchpulver, die Suppe am Abend, der Tee. Aber ich muss trinken. Alles wehrt sich. Würgereflex. Luft holen, bis drei zählen, drei Schlucke trinken, schütteln. Drei Liter müssen über den Tag in mich rein, besser vier. Sebastien tut das nicht. Er dehydriert, fängt an, Mist zu erzählen, zu zittern. „Was Jesus erlebt – war es eine Folge von Dehydrierung?“ frage ich mich. Möglich.
Die Stille aber, die ich finden wollte, gab es nicht. Säuselnder Wind, röhrende Kamele, das Summen der allgegenwärtigen Fliegen, Rufe – die Wüste hat immer etwas zu verlauten. Und es gab die Stimmen in mir, die immer dann hochkamen, wenn der Körper ruhte. Und sie nahmen sich mehr Zeit als zu Hause.
Die Wüste hat mich verändert, geöffnet. Über zehn Jahre später denke ich noch immer mehrmals im Jahr an die Erfahrung im Qued. Und wenn sich ein Sternenzelt auftut, das mich eins mit dem Kosmos werden lässt – dann will ich dorthin wieder zurück. Die Wüste lässt mich nicht los. Die Leere der Wüste, die so voll ist, ist meine Sehnsucht geblieben.
Was würde passieren, wenn ich 40 Tage dort wäre? Alleine. Ohne Essen. Welchem Teufel in mir und welchem Gott würde ich begegnen? Welcher Himmel würde sich öffnen?

Wüstenwanderung: Welcher Himmel würde sich öffnen? Foto: Brandl

22.05.2012
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