Warum sich Frauen an eine katholische Beratungsstelle wenden
Die sind einfach anders
Eine Bekannte hatte ihr erzählt, sie hätte beim SkF mal gute Beratung bekommen. „Denen kannst du vertrauen“, hatte sie gesagt. So kam Sabine vor fast zwei Jahren zu Andrea Soßna, Beraterin beim Sozialdienst katholischer Frauen in Braunschweig. Der Kontakt zur Beratungsstelle hält bis jetzt an. So wie bei Esma und Marlis. Nicht das katholisch-sein verbindet sie, vielmehr einschneidende Erfahrungen mit diesem Angebot der Kirche.
Sabine ist schwanger, ungewollt. Es ist ihr zweites Kind. Das erste geht in den Kindergarten. Der Vater ihrer Schwangerschaft hat sich aus allem verabschiedet. Trotzdem sagt Sabine Ja zu ihrem Ungeborenen, glaubt, alles irgendwie zu schaffen. Doch plötzlich geht nichts mehr. Die Seele kann nicht mehr, die Kraft fehlt. Sabine erinnert sich an diesen Moment: „Es ist schwer, sich Hilfe zu holen. Mit 39 Jahren ungewollt schwanger, da habe ich mich geschämt.“
Die meisten Ratsuchenden finden ihren Weg zu diesem kirchlichen Dienst, weil Angehörige, Bekannte oder Freunde ihnen den Tipp gegeben haben – sagt die Statistik. Überwiegend Frauen, die evangelisch sind, dem muslimischen Glauben angehören oder die ihre Religionszugehörigkeit unbestimmt mit „sonstiges“ benennen, landen dort. Diese statistischen Quoten füllen Sabine, Esma und Marlis mit ihrer Geschichte.
Sabine ist eine schmale Frau. Sie hat lange, dunkelblonde Haare, die ihr Gesicht rahmen, in dem sich widerspiegelt, dass ihr Leben zur Zeit sehr anstrengend ist. Daniel und Sarah, ihre Kinder, sind mitgekommen. Während der Sohn sich alleine beschäftigt, spielt Andrea Soßna mit der mittlerweile einjährigen Sarah, damit ihre Mutter sich unterhalten kann. „Toll, Sarah, du kannst ja laufen!“ Die Beraterin freut sich, als wäre es ihr eigenes Kind. Sabine lächelt und erzählt: „Hier habe ich Trost und Hilfe gefunden. Hier konnte ich meine ganze Last von der Seele reden. Da musste ich mich nicht schämen.“ Es ist eine Beziehung gewachsen zwischen der Beraterin und Sabine. Der erste Schritt habe damals Überwindung gekostet. Jetzt fühlt sich Sabine sicher aufgehoben: „Auch wenn Andrea nicht bei jedem Problem selber helfen kann, sie kennt dann eine andere Stelle, die weiter weiß.“
Marlis erhielt einen anderen Anstoß, sich an den katholischen Sozialverband zu wenden: „Ich habe mich aus dem Bauch heraus entschieden, die Gruppe der Alleinerziehenden aufzusuchen.“ Und irgendwie habe sofort alles gepasst. Sie erinnert sich, wie sie drei Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes plötzlich alleine dastand. 13 Jahre ist das jetzt her. Und sie erzählt, was ihr seit vielen Jahren so wichtig ist an der Gruppe: „Ich habe dort ganz unterschiedliche Frauen kennengelernt. Aus verschiedenen Stadtteilen, verschiedenen Religionen. Man kann da seine Sorgen und seine Fragen loswerden und wird unterstützt.“
So unterschiedlich die Frauen sind, die die kirchliche Beratungsstelle aufsuchen, so individuell will Andrea Soßna begleiten. Das christliche Menschenbild sei ihr Maßstab. „Jeder Mensch ist etwas ganz besonderes. Und jede Frau braucht ganz unterschiedliche Unterstützung“, beschreibt sie ihre Arbeit. Es stehe immer die Frage im Raum, welche Schritte die Frauen selber gehen können, um aus ihrer Not herauszukommen. „Aber einigen geht es so schlecht und sie sind so hilflos, da muss erst einmal ich selber etwas für sie unternehmen“, stellt die zierliche 51-Jährige fest.
Dazu bleibt sie nicht nur im Büro sitzen. Besser sei es oftmals, loszugehen und die Frauen dort zu besuchen, wo sie wohnen. „Man muss doch auch zu den Menschen hingehen, um sie kennenzulernen.“ Freundlich, mit etwas Trotz und großer Klarheit äußert Soßna ihr Konzept, das sie seit 25 Jahren verfolgt und mit dem sie sich von gesellschaftlicher Kälte absetzen will. Per E-Mail habe sich eine Klientin einmal bei ihr bedankt und geschrieben: „Das einzige, was ich bei den Katholiken sehr zu schätzen weiß ist, dass in dieser Religion ‚anders‘ (ernster, verantwortungsvoller, respektvoller) mit dem Thema ‚Frauen, Kinder und Schwangerschaft‘ umgegangen wird.“
Esma ist Muslimin, trägt ein Kopftuch, wirkt aber alles andere als scheu. Ihre Augen sind wach, und wenn sie spricht, betont sie es mit kräftiger Stimme und lebhaften Händen. Mit Beratungsstellen hat sie vielfältige Erfahrungen. „Wenn ich Hilfe brauche, dann ist es problematisch, wenn man hört: ‚Es sind schwierige Zeiten, das wissen Sie‘. Das will man doch nicht hören. Aber hier, in diesen Räumen, wird nicht nur gefragt: ‚Wo können wir sie unterstützen?’ Es wird auch klar signalisiert: ‚Wir werden Sie unterstützen‘.“ Das war dann auch ihre Erfahrung. Damals, als ihr jetzt achtjähriger Sohn noch ein Kleinkind war. Da brauchte sie dringend eine Betreuung für ihn. Die 37-Jährige erinnert sich: „Es wurde nicht nur konkret eine Familienhilfe organisiert, sondern es ging um mich als Mensch. Frau Soßna wollte mir eine Last nehmen.“ Die Beraterin habe Zeit und Ruhe gehabt. Heute arbeitet Esma im Gesundheitsamt des Landkreises. Sie vergleicht: „Sicherlich machen andere Beratungsstellen auch ihre Arbeit gut. Die kirchliche Beratung unterscheidet sich aber insofern, dass alle Hilfsangebote über ein und dieselbe Person vermittelt werden. Es gibt nicht die Stelle für Gruppenangebote, die Stelle für Mutter-Kind-Reisen oder die Stelle für eine Sozialberatung.“ Beim SkF werde mit Herz und Menschlichkeit gearbeitet, fasst sie ihren Eindruck zusammen.
Ulla Evers







