Aktuelle Ausgabe
2012-20

Pfarrer Franz Meurer referierte in Bielefeld über die gesellschaftliche Beteiligung der Unterschicht

„Doppelt so gut und halb so teuer“

Seine pragmatischen Ideen hat Pfarrer Franz Meurer in Büchern wie „Von wegen nix zu machen ... – Werkzeugkiste für Weltverbesserer“ oder „Ort Macht Heil“ veröffentlicht. Foto: Lakenbrink

Bielefeld. Franz Meurer, katholischer Pfarrer aus Köln und Buchautor weiß, dass handeln oftmals wichtiger ist als reden. Doch in der vergangenen Woche war Meurer, der unter seiner Kirche in einem Kölner Problemviertel etwa Gabelstaplerkurse für Arbeitslose anbietet, zum Reden nach Bielefeld gekommen. Im Gemeindehaus der evangelischen Neustädter Marien-Kkirche referierte er über seine ungewöhnlichen sozialen Ansätze und Projekte.

von Ruth Lakenbrink

„Ökumenisch ist doppelt so gut und halb so teuer“, lautet Meurers Credo. Der Pfarrer der Gemeinde St. Theodor und St. Elisabeth weiß genau, wovon er spricht. Denn in „seinem Viertel“, in „HöVi“, so das liebevolle Mischwort für die Kölner Bezirke Höhenberg und Vingst, läuft jede Aktion konfessionsübergreifend. „Gott ist schließlich weder Katholik, noch Protestant, noch Muslim oder Buddhist.“
In „HöVi“ leben 23500 Menschen unter häufig schwierigen sozialen und wirtschaftlichen Bedingungen. Meurer und seine Kollegen der anderen Kirchengemeinden vor Ort verstehen ihre pastorale Arbeit „lebensweltorientiert“, so der Pfarrer. Das bedeute konkret, ein Problem an den Bedürfnissen der Menschen orientiert zu lösen, sobald es auftaucht und nicht erst zu warten, bis die Menschen von sich aus zur Gemeinde finden. Meurer nennt es das Prinzip der „aufsuchenden Gastfreundschaft“. Als sich beispielsweise die Drogenproblematik im Viertel verschärfte, „haben wir sofort einen Spritzenautomaten aufgehängt, und zwar direkt an der Kirche“, so Meurer.
Insgesamt vier Prinzipien geben die Richtlinien in einem auf die Menschen ausgerichteten sozialen Kurs vor. Das zweite ist das Prinzip der Graduité. Gemeint ist die Unentgeltlichkeit der Hilfe. „Bei uns kannst du nichts kaufen, du kannst einen Beitrag leisten, schließlich sind wir kein Verein, wir sind eine Gemeinde.“ Ob der sechsfache Vater, der sich für seine Tochter keinen Schulranzen leisten kann, oder der Realschüler, der kurz vor seinem Abschluss dringend einen Computer braucht, Pfarrer Meurer und seine Helfer machen möglich, was geht.
„Einen Sponsor oder Paten zu finden, ist kein Problem, du musst nur die richtigen Leute ansprechen“, sagt der Rheinländer und der Zuhörer glaubt es ihm sofort.
Als drittes gilt für alle Veranstaltungen und Projekte in „HöVi“ das Prinzip der Öffentlichkeit. Jeder kann kommen, egal, welcher Konfession. Und schließlich ist es der Stolz, der bei den Aktionen geweckt werden soll. Meurer nennt es den Bedeutsamkeitsnachweis, den gerade die Unterschicht bräuchte. „Es geht bei der Unterschicht nicht um Leistung, sondern um die Vermeidung von Schwierigkeiten“, weiß er aus eigener Erfahrung zu berichten. Diesen Teufelskreislauf gelte es zu durchbrechen, indem Erfolgserlebnisse geschaffen, bei der Ausbildung geholfen würde. „Chancen anreichern“ nennt er das.
So hat Meurer etwa schon einigen seiner Schützlinge Lehrstellen vermittelt. Es sei die Perspektivlosigkeit, an der Angehörige der Unterschicht oft scheiterten. „Das Problem sind nicht die faulen Jugendlichen, sondern die Gesellschaft, die keine Ideen generiert.“
An Ideen mangelt es Meurer nicht, das hat er auch in seinen diversen Buchpublikationen wie „Von wegen nix zu machen ... – Werkzeugkiste für Weltverbesserer“ bewiesen. Nur satte Kinder könnten gut lernen, also müsse ein unentgeltliches Essen in jeder Schule zum Standard gehören. Doch in Deutschland gelte allzu oft noch das Prinzip „es verkehrt, wer verzehrt“ und einer politischen Lösung des Problems steht Meurer skeptisch gegenüber. „Wir in den Gemeinden müssen das ersetzen, was staatlich nicht mehr machbar ist“, appellierte Meurer an das ökumenische Publikum.
Anstatt über die mangelnden motorischen Fähigkeiten der Kinder zu schimpfen, kaufte Meurer kurzerhand einen Schwung Einräder. Anstatt Sprachkurse für Ausländer zu fordern, wurden für „HöVi“ Sprachtrainings-Bücher angeschafft und in das Programm integriert. Und anstatt die Eltern zu gemahnen, sie müssten dafür sorgen, dass ihre Kinder pünktlich zur Schule kommen, riefen die „HöVis“ die Aktion „Kinder wecken Kinder“ ins Leben.
„Das geht alles nur über Personen, nicht über Strukturveränderungen“, erklärt der bekennende „Weltverbesserer“, der einen liebevollen Blick auf „HöVi“ wirft, wenn er stolz sagt, dort sei „der Ort, wo wir lokal die Welt erobern“.


22.05.2012
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