Aktuelle Ausgabe
2012-20

Gedanken zum Evangelium

Durch Nachfolge ein Mehr an Leben

Monika Lipsewers ist Sekretärin im Erzbischöflichen Theologenkonvikt Paderborn und im Bereich der Priesterfortbildung.

In der Kreuzesnachfolge, zu der uns Jesus im heutigen Evangelium aufruft, sieht Monika Lipsewers einen Weg, unser eigenes Leben und unsere Welt reicher werden zu lassen. 

von Monika Lipsewers 

Was meinst du, wie wirke ich auf die anderen? Verstehen die anderen wirklich, was ich sagen will? Solche Rückfragen kennen wir von uns selbst. Manchmal sind sie aus Unsicherheit gestellt oder aus der Besorgnis heraus, richtig verstanden zu werden. Vielleicht auch mit ein wenig Eitelkeit.

Jesus schaut in diesem Evangelium mit dem Blickwinkel der Zuhörer auf seine eigene Person, sozusagen von außen. Ist für die Menschen um ihn herum deutlich geworden, wer er ist? Auf seine Frage  „Für wen halten mich die Leute?“ spiegeln ihm die Zuhörer die Meinungen der Gesellschaft wider: Jesus, ein auferstandener Johannes der Täufer oder Elija oder ein anderer Prophet, auf jeden Fall eine Leuchtgestalt des Ersten Testamentes. Dem Petrus – stellvertretend für alle Jünger –  entlockt er ein Bekenntnis: Du, Jesus, bist der „Messias Gottes“, der „Gesalbte Gottes“. In diesen zwei Worten kristallisiert sich der ganze Glaube an die Person Jesu und seine Sendung. Jesus ist der Erlöser, der mit Gottes Geist Gesalbte, der vom Volk Israel erwartete Gesandte Gottes. Mit ihm kommt nun das ersehnte Heil für Israel. 

Dieser begeisterten Aussage des Petrus fügt Jesus seine Leidensankündigung hinzu. Bei allem Hochgefühl seiner Jünger behält Jesus im Blick, dass seine Sendung – mit Entschiedenheit gelebt – Folgen hat: das Martyrium, den Kreuzestod, aber immer schon im Hoffnungsschimmer der Auferstehung. Der Evangelist Lukas fügt an diese Leidensankündigung gleich den Ruf Jesu in die Nachfolge an. Jesus nachfolgen, in seine Fußstapfen treten, heißt, selbst das Kreuz auf sich zu nehmen, im alltäglichen Leben das Unvollkommene, das Mühsame, das Schmerzende, das Unausweichliche anzunehmen und im Geiste Jesu zu ertragen. Es heißt: „…, der nehme sein Kreuz auf sich …“. Damit ist wohl auch das gemeint, was ich an mir selbst zu tragen habe, was mir selbst in meinem Wesen quer kommt und mir zum Stachel im Fleisch wird.

Die Leser des Evangeliums damals lebten in der Verfolgungszeit. Diese Worte Jesu ermutigten sie, standhaft zu bleiben und sich mit dem Leidensweg Jesu zu identifizieren. Nicht nur die einmalige Tat des Blutzeugnisses, sondern auch das „Martyrium in Raten“, das „täglich sein Kreuz auf sich nehmen“ gehört zum Zeugnis der Jünger Jesu. Und das verwirklicht sich im „Verlieren des Lebens“ um Jesu willen. Damit gemeint sind die Situationen, wo ich nicht um jeden Preis an meiner Meinung festhalte, meinen Wünschen nachgehe, sondern wo ich im Vertrauen auf Jesus meine Pläne einmal lassen kann; wo ich Jesus eine Antwort der Liebe gebe, die meinem Leben zur Rettung wird; wo ich mich durch Menschen oder Situationen aus freiem Willen in Anspruch nehmen lasse, also mein Leben verschenke, meine Zeit einsetze zum Wohle anderer. Manchmal wird mir dann erstaunlicherweise ein Mehr an Leben geschenkt. Vielleicht mache ich auch Entdeckungen, die meine Dankbarkeit wecken, weil mir eine Bereicherung zuteil wurde. 

Und es bleibt auch etwas offen; wo die Rettung noch aussteht, wo ich weiß, dass nur Gott die Fülle oder Vollendung geben kann. Aber: Wie viel ärmer wäre unsere Welt, wenn es nicht das selbstlose sich Verschenken des Menschen, die Großzügigkeit des Herzens gäbe? Da, wo Menschen ihr Leben zugunsten anderer einsetzen, da ist Freundlichkeit, Warmherzigkeit, Einfühlungsvermögen, Verständnis, Güte, Barmherzigkeit, Liebe.

Jesus stellt auch mir die Frage: Für wen hältst du mich? Wer bin ich für dich? – Welche Antwort gebe ich ihm in meinem Herzen? Ist da Platz und Zeit für ihn? In diesem Augenblick kann ich ihm antworten: Jetzt ist die Zeit, jetzt ist die Stunde. Eine andere Zeit habe ich nicht zur Verfügung.


23.05.2012
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